Giacometti in London

Leidfiguren eines bewegten Jahrhunderts

Die menschliche Gestalt geriet in Alberto Giacomettis Fingern bedrängt, bedroht, bedröppelt. Aber auch bemerkenswert aufrecht. Das zeigen nicht nur die Bronze-Skulpturen, sondern auch seine Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skizzenbücher.
Leidfiguren eines bewegten Jahrhunderts

Alberto Giacometti: "Bust of Diego", zirka 1956, Gips, 37,3 x 21,5 x 13 cm, Collection Fondation Alberto et Annette Giacometti, Paris

Ein Jahr vor seinem Tod, 1965, arbeitete Alberto Giacometti in einem Raum im Souterrain der Londoner Tate Gallery an einer Gipsplastik. Das Museum hatte dem Bildhauer eine Retrospektive eingerichtet, und ihm war daran gelegen, in der Schau auch eine Gipsversion einer Ende der Vierzigerjahre entstandenen Arbeit zu zeigen: vier winzige weibliche Figuren auf einem Sockel. Er war unzufrieden und ließ eine Version kommen, die er kurz zuvor in der Schweiz angefertigt hatte. "Four Figurines on a Stand" wurde neben dem 1948 bis 1950 entstandenen Original gezeigt.

Man kennt die Bronzefiguren des 1901 in der italienischen Schweiz geborenen Künstlers, doch Kuratorin Frances Morris, seit knapp einem Jahr Direktorin der Tate Modern, will zeigen, dass Giacometti in den unterschiedlichsten Medien zu Hause war. Etwa 250 Skulpturen, Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skizzenbücher hat sie zusammengetragen, von den ersten Gehversuchen, die er unter der Anleitung seines Vaters, des Neoimpressionisten Giovanni Giacometti, machte, bis zu den Porträts seiner Geliebten Caroline, die in den letzten Schaffensjahren sein bevorzugtes Modell war.

Giacometti Skulpturen im Louisiana Museum
Seine dünn-gelängten, ausgemergelten Figuren aus Bronze ließen Alberto Giacometti (1901-1966) zu einem der bedeutendsten Plastiker des 20. Jahrhunderts werden. Grundfragen der menschlichen Existenz vereinen sich im unverwechselbaren Werk des Schweizer Bildhauers mit den Ideen des Surrealismus.

Nach dem Kunststudium in Genf ging Giacometti 1922 nach Paris, wo er bei Émile-Antoine Bourdelle das Modellieren nach dem lebenden Modell lernte. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Diego, einem Designer, entwarf er Schmuck und Gebrauchsgegenstände, um sich über Wasser zu halten. Mit Diego bezog er 1926 ein kleines Atelier, in dem er bis zu seinem Tod 1966 arbeitete.

Ziemlich beste Freunde
Auch wenn Picassos Frauenfiguren und Giacomettis ausgemergelte Gestalten auf den ersten Blick wenig Parallelen vermuten lassen, gab es einige Gemeinsamkeiten. Über zwei scheinbar unvereinbare Giganten der Moderne, die sich viel besser kannten und schätzten, als man bisher annahm...

Dem Kubismus, der Alberto Giacometti beeinflusst hatte, folgte der Surrealismus. 1930 stellte er mit Joan Miró und Hans Arp in der Galerie "Pierre" aus, wo er André Breton kennenlernte, dessen Surrealistengruppe er beitrat. Nach nur vier Jahren löste sich Giacometti, Breton hatte ihm Verrat an den Idealen des Surrealismus vorgeworfen. Den Krieg verbrachte Giacometti größtenteils in der Schweiz, danach wurden seine Figuren, die bis auf die Größe einer Walnuss geschrumpft waren, wieder größer und nahmen ihre schlanken, ausgemergelten Formen an, die ihn weltberühmt machten. Daneben malte er verstärkt Porträts, meist sitzende Figuren, vor allem von seinem Bruder Diego, seiner Frau Annette und der jungen Prostituierten Caroline.

Kuratorin Frances Morris ist stolz darauf, dass es ihr gelang, sechs Plastiken nach mehr als 60 Jahren zum ersten Mal wieder zusammen zu zeigen. Die in Ton geformten und dann in Gips gegossenen Figuren "Femmes de Venise" (1956) entstanden für den französischen Pavillon der Biennale in Venedig, in dem Giacometti 1956 ausstellte.

Giacometti
Große Werksschau mit über 250 Skulpturen, Zeichnungen und Gemälden des Schweizer Künstlers Alberto Giacometti (1901–1966)
Tate Modern ,  London
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