Deutscher Pavillon: Anne Imhof im Porträt

Im Kunstnebel

Selten hat eine Künstlerin eine solche Blitzkarriere hingelegt wie sie. Erst vor zwei Jahren bekam Anne Imhof den Preis der Nationalgalerie, jetzt repräsentiert sie Deutschland auf der Biennale – und gewann prompt den Goldenen Löwen für den besten Pavillon. Schönheit und Gewalt prägen ihre rätselhaften Choreografien über das Hier und Jetzt.
Im Kunstnebel

Josh Johnson und Eliza Douglas in Anne Imhofs "Angst II", 2016 im Hamburger Bahnhof, Berlin, 2016

Eine schäbige Haustür im Frankfurter Bahnhofsviertel. Neben dem Klingelschild von Anne Imhof klebt ein Stück Kreppband, auf dem eine längst verblasste Anweisung steht. Eine Gegensprechanlage existiert genauso wenig wie eine Türklinke. "Willst du Schlüssel?", fragt ein freundlicher Herr, der den Kopf aus einer benachbarten griechischen Pelzhandlung steckt. Von denen gibt es in dieser Straße viele. Was nicht heißen soll, dies sei eine mondäne Gegend. Ganz im Gegenteil, die Pelzjacken und -kappen im Schaufenster sehen aus, als seien sie in den neunziger Jahren modern gewesen. Ein Assistent von Anne Imhof öffnet die Tür. Der Türdrücker ist kaputt. Im fünften Stock liegt Imhofs Atelier – zwei Räume voller Utensilien: Leinwände, Farbtuben, Musikinstrumente, Lederstücke, Bodenmatten, Lautsprecherboxen. Durch einen breiten Fensterstreifen blitzen Frankfurts Bankentürme im Sonnenlicht.

Anne Imhof betritt den Raum: eine Frau mit geheimnisvollen Augen und warmem Lächeln. Von der Coolness, ja Kälte, die ihren Arbeiten nachgesagt wird, ist bei ihr nichts zu spüren. Imhof lacht, wenn man sie darauf anspricht. Die Leute hätten vieles geschrieben, sagt sie. Nicht erst seit feststeht, dass die Künstlerin in diesem Jahr den deutschen Pavillon in Venedig bespielt. Spätestens seit sie 2015 den Preis der Nationalgalerie erhielt, schaut man auf sie und ihr rätselhaftes Werk, das unter anderem aus Zeichnungen, Gemälden und Objekten besteht. Vor allem jedoch spricht man über ihre Performances, die sie nicht selbst durchführt, sondern mit einem festen Team entwickelt und choreografiert, teils für Liveaufführungen, teils für Filme, die auf diesen Performances basieren. Einer dieser Filme heißt "School of the Seven Bells" und basiert auf Motiven von Robert Bressons Film "Pickpocket" (1959) und einer Legende, nach der es im kolumbianischen Bogotá eine Schule für Taschendiebe geben soll, deren Abschlussprüfung darin besteht, dass der Schüler diverse Wertsachen stehlen muss, ohne sieben am Körper des zu Bestehlenden angebrachte Glöckchen zum Klingen zu bringen. All dies erfährt man im Film nicht. Was man stattdessen sieht, sind junge Leute, die in der Großstadt herumlungern und beiläufig erscheinende Bewegungsabläufe vollführen: Kaum sichtbar übergeben die Darsteller einander ein Stück Metall, und es macht leise pling – sie alle tragen Ringe an ihren Fingern. Eine Handlung ohne erkennbaren Sinn, jedoch von geschmeidiger Eleganz. 2013 zeigte Imhof, die an der Frankfurter Städelschule studiert hat, den Film bei ihrer ersten Einzelausstellung im Frankfurter Portikus zusammen mit der Performance "Aqua Leo". Auch hier sah man Menschen, die Blicke und Gesten austauschten. Sie basieren auf Ritualen und Geheimzeichen, die im Offenbacher Technoclub Robert Johnson zwischen den Türstehern ausgetauscht wurden, zu denen Imhof einst gehörte.

Im Kunstnebel

Franziska Aigner und Eliza Douglas in Anne Imhofs "Angst II", 2016

Wie ein roter Faden ziehen sich eingeübte Handlungsmuster, die von ihrer Bedeutung entkoppelt sind, durch Imhofs Werk. Auch in "Angst" (2016), ihrer bislang letzten großen Arbeit, kommen sie zum Einsatz. "Angst" ist eine Oper mit maßlosem Umfang: Sie besteht aus drei Teilen, jeder davon fünf Stunden lang. Teil eins wurde in der Kunsthalle Basel aufgeführt, der zweite im Hamburger Bahnhof in Berlin, der dritte auf der Biennale de Montréal. Wer soll sich das alles angucken? 15 Stunden in drei Ländern? Niemand müsse alles sehen, erklärt Imhof, obwohl das natürlich schön wäre. Aber man dürfe ihre Stücke jederzeit verlassen. "Dann nimmt man ein Bild mit, und das reicht."

Radikal und brutal
Mit gleich zwei Preisen dominiert Deutschland bei der Kunst-Biennale in Venedig. Besonders der Beitrag für den deutschen Pavillon spaltet. Der Künstlerin Anne Imhof ist der internationale Durchbruch mit einem düsteren Werk gelungen

Vielleicht ist das die beste Art, Imhofs Kunst zu beschreiben, als Abfolgen auratischer, bisweilen elegischer Bilder, deren Details vor allem deshalb so eindringlich wirken, weil sie nicht in einen Erzählzusammenhang eingebunden sind. In Berlin stand das Publikum zwischen Nebelschwaden mitten im Raum. Die Darsteller bewegten sich anmutig durch die Halle oder lümmelten auf Schlafsäcken herum und bedienten ihre Smartphones. Sie tranken Pepsi light, rauchten E-Zigaretten, spuckten Kerne auf den Boden. Jeder einzelne war verkabelt und konnte den Ablauf mit seinem Handy beeinflussen. Mal wirbelte einer im Kreis, mal sprühte einer einen Strich auf die Wand, mal taumelte eine, stürzte, blieb liegen; eine andere lief hoch oben auf einem Seil, in der Hand einen Balancefächer. Doch egal, was sie taten, ihre Gesichter blieben stets ausdruckslos und gespenstisch leer. Imhof wollte, dass man in der Interpretation frei ist. "Je blanker der Ausdruck, desto besser funktioniert das", sagt sie und bricht einen Krümel von dem Gebäck ab, das ihr der Assistent auf einen Teller gelegt hat. Es sind Szenen von düsterer Poesie und einer Schönheit, die im Kunstkontext schon fast verdächtig wirkt. "Ich bin besessen von Schönheit", bekennt Imhof freimütig. Was den Inhalt ihrer Arbeiten angeht, so hält sie sich mit eindeutigen Aussagen lieber zurück.

Das Weltgeschehen verändere zuweilen die Lesart, sagt sie. Tatsächlich: Seit dem Attentat in Berlin denkt man bei Angst vor allem an die Gewaltaktionen des IS.

Imhofs Performances spielen eindeutig im Jetzt. Neue Technologien haben sich in die Körper der Darsteller eingeschrieben – sei es der gebeugte Smartphone-Nacken oder die leichte Anspannung, die man zu spüren glaubt, wenn Drohnen über sie hinwegfliegen. Dann wieder stimmen die Darsteller in einen seltsamen Chorgesang ein, der einen Bogen zur Renaissance schlägt, genauso wie bestimmte Blickachsen und Perspektiven.

Anne Imhofs Inszenierungen wirken intim und gleichzeitig abweisend

Steht man mittendrin, ist man immer mal wieder ratlos: Was wird hier eigentlich erzählt? Geht es um Wohlstandsverwahrlosung? Widerstand? Um Einsamkeit? Darum, wie es sich anfühlt, heute jung zu sein? Ist der Nebel, sind die lässigen, teilweise mit Totenköpfen bedruckten Klamotten ein Verweis auf die Clubkultur? Imhof schüttelt den Kopf. Sicher, sie habe einen Hang zum Rausch der Nacht, erzählt die Künstlerin, die früher auch mal in Bands gespielt und gesungen hat. Trotzdem sei sie noch nie im Berghain, dem legendären Berliner Techno-Club, gewesen. "Ich habe eine Höllenangst vor den Türstehern. Ich weiß genau, wie die ticken", erzählt sie und lächelt ihr warmes Lächeln. Den Nebel im Hamburger Bahnhof habe sie allerdings eingesetzt, um den Raum unter Kontrolle zu kriegen: "Ich wollte einen weißen Hintergrund schaffen und die Konturen verschwimmen lassen." Verschwommene Konturen als Metapher, für verschwommene Gewissheiten? "Ich arbeite immer auf diesen Punkt hin, an dem man sich fragt: 'Was heißt das? Was sagt mir das?' Und das ist teilweise grausig und furchtbar."

Tatsächlich durchfuhr den Betrachter von "Angst" ein leichter Schauder, was nicht unwesentlich an dem drängenden, beklemmenden Sound lag, den Imhof zusammen mit dem Belgier Billy Bultheel und ihrer Freundin und Darstellerin Eliza Douglas komponiert hat. Auch daran, dass diese eleganten, höchst prätentiösen Szenen, die so leicht ins Kitschige hätten abdriften können, auf eine unheimliche Weise zugleich duftig leicht und lähmend schwer erscheinen. Dass sie so intim und gleichzeitig abweisend wirken. Dass sie zeitgebunden sind und dennoch zeitlos. "Das Totenkopf-Motiv gab es beispielsweise auch bei Caravaggio", sagt Imhof und erzählt, wie sie als Kind immer wieder in Barockkirchen gewesen sei. Imhof, die 1978 in Gießen geboren wurde, ist in der Barockstadt Fulda aufgewachsen. Auch heute noch schwärmt sie für Caravaggio und seine Nachfolger, bewundert seine "Art, Licht zu zeichnen und aus dem Dunkel herauszuarbeiten", und man begreift, dass es Motive und Bilder in ihren Arbeiten gibt, die auch vor Hunderten von Jahren schon in der Kunst eingesetzt wurden.

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Anne Imhof

Das Gehen ist eines der zentralen Elemente bei Imhof, gelegentlich fühlt man sich dabei an Modenschauen erinnert. Ihre Freundin, ebenfalls Künstlerin, läuft auch als Model für Balenciaga. Imhof lässt sich von dem inspirieren, was um sie herum ist. Zu einer Art Markenzeichen ist der Einsatz von Tieren geworden. In "Angst II" waren es Greifvögel. Zuvor waren bereits ein Kaninchen, eine Schildkröte oder zwei Mulis Teil ihrer Stücke. Sie verleihen den Arrangements die Anmutung von Gemälden, aber auch einen Hauch von Unberechenbarkeit, wirken sie doch stets auf irritierende Weise deplatziert. "Tiere sind komische Betrachter", findet Imhof und deutet mit dem Kopf Richtung Fenster. "Die Tauben da drüben, sehen die uns an?" Und wenn ja, wen oder was sehen sie dann? Ob in Venedig Tiere zum Einsatz kommen, weiß sie noch nicht. Auch Titel und Ablauf stehen zum Zeitpunkt des Treffens im Februar noch nicht fest. Imhof arbeitet intuitiv, ein Motiv entwickelt sich aus dem nächsten.

Wie immer bestimmen die Darsteller den Ablauf mit, wird jede Vorführung sich von der nächsten ein wenig unterscheiden. Wieder wird es eine feste Struktur geben, bestimmte Gesten und Posen, aus denen sich weitere ergeben. "Ich sage zum Beispiel: 'Ich will einen Moment von Hingabe haben, wie könnte der aussehen?' Dann machen die anderen Vorschläge." Statt wie bisher sieben wird es in Venedig 15 Darsteller geben. Proben im klassischen Sinne gibt es nicht. Nur Teilstücke werden einstudiert, der Rest ist Improvisation.

Natürlich habe sie sich Gedanken gemacht, was es bedeutet, eine Nation zu repräsentieren, sagt Imhof über ihren Auftrag für Venedig. Auch darüber, wie frühere Künstler mit dem deutschen Pavillon umgegangen sind. "Ich will nichts verstecken und nichts verhüllen", versichert die Künstlerin. "Jeder, der hineinkommt, kann meine Arbeit sehen und sich dem Gebäude stellen." Imhof redet stets sehr bedacht, so als formten sich ihre Gedanken erst während des Sprechens. Als sei der Denkprozess niemals endgültig abgeschlossen.

Thematisch soll es in Venedig um Territorien und Grenzziehungen gehen, um das Innen und Außen – des Gebäudes und des Körpers. Es werde wohl Spaziergänge durchs Gelände geben, erzählt sie noch, auch dass Wasser eine Rolle spielen wird und sich die Arbeit ganz sanft ausbreiten werde. Mehr lasse sich jetzt noch nicht sagen, das Werk sei noch im Entstehen. Scheinbar unbewusst greifen ihre Finger erneut zum Gebäck, fummeln ein kleines Stück ab und führen es zum Mund. Es sieht aus wie ein Reflex, eine unbewusste Handlung, die sich irgendwann vom Sinn ihres Tuns entkoppelt hat.

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