Perfomances auf der Documenta 14

Der Sumpf des Banalen

Ein "Theater der Aktion" sollte die Documenta 14 werden, eine politische Kunstschau die aufrüttelt. Aber ausgerechnet das Performance-Programm enttäuschte bisher mit Banalitäten, findet art-Autor Till Briegleb und kommentiert brave Gags, Soft-Porn-Sirtakis und einige wenige positive Auftritte in Athen.
Der Sumpf des Banalen

 Merkel-Performance von Marta Minujín: "Payment of Greek Debt to Germany with Olives und Art", 2017, Performance, EMST – Nationales Museum für Zeitgenössische Kunst, Athen,

Es war Adam Szymczyk, der im Herbst 2015 die aktivistische Programmatik einer Documenta ausgab, die sich einmischen wolle. In der D14-Zeitschrift "South", die den gedanklichen Zusammenhang der Weltkunstschau vorklärte, sprach Szymczyk von einem "Theater der Aktion" als Modell für seine kuratorische Idee. Eine Antwort, einen "real-time response to the changing situation of Europe", wollte Szymczyk von der Kunst. Er skizzierte die Welt als aus den Fugen geraten und versprach eine Ausstellung, die "Situationen" und "Bedeutung" kreieren würde, nicht nur "artifacts to be looked at".

Ein wesentlicher Baustein dieses "Aktions-Theaters" sollte das umfangreiche Performance-Programm sein. Und damit war natürlich die Erwartung geweckt, Adam Szymczyks Documenta würde eminent politische und emotional provozierende Aktionen in Szene setzen lassen, über die man sprechen muss. Also eine Art "Boxkampf für direkte Demokratie", wie ihn Joseph Beuys 1972 für Harald Szeemanns Documenta 5 führte, nur in Permanenz und lokalisiert an verschiedenen Brennpunkten Athens, wo intellektuelle Schläge noch Reaktionen erzielen würden.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden sie alle Informationen zur Geschichte und Gegenwart der Schau

Diese Form der skandalträchtigen Herausforderung mit den Mitteln gesellschaftskritischer Performance findet in Athen zur allgemeinen Überraschung einfach nicht statt. Und das ist tatsächlich das Irritierendste am Programm von Adam Szymczyk. Dessen klare Haltung zum globalen und lokalen Unrecht hatte vorher besondere Neugier geweckt – als richtige Ansage zur richtigen Zeit, als Mutmachung für ein kritisches Bewusstsein, das dem Gedanken von Demokratie, die wirklich den Bürgern dient, Auftrieb geben könne.

Till Briegleb
Till Briegleb ist Autor, Musiker und Kritiker. Er schreibt regelmäßig für art und das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung. Auf art-magazin.de erscheint seine Kolumne »Sofort wieder abreißen!« – eine Beweisführung zur ästhetischen Ignoranz der Gegenwartsarchitektur.

Doch so konventionell, wie die immobilen Kunstwerke bei dieser Documenta 14 in den Museen präsentiert sind, so brav agieren auch die Künstler, die sich in Athen mit theatralischen Mitteln in Szene setzen. Sie sind einfach nett. Und das ist etwas, das man im zwischenmenschlichen Umgang schätzt, unter den Bedingungen einer politisch deklarierten Kunstschau aber eher enttäuschend finden muss.

Performance von Alexandra Bachzetsis

Die Performer, die im Antikenmuseum von Piräus merkwürdige Verrenkungen zwischen den Statuen dieser kleinen Fundsammlung aufführen, mögen beispielhaft für das Missverhältnis von Erwartung und Erlebnis stehen. In jeder gewöhnlichen Stadt-Biennale wäre diese meditative Erhabenheits-Satire auf die Antikengläubigkeit in guter Erinnerung geblieben. Aber in Athens Ankunftshafen der Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge hätte man zu dem deklarierten Zentralthema "Flucht" dieser Documenta einen anderen künstlerischen Kommentar erwartet, als die etwas spöttische Opposition von Körperbildern. Was ebenso für den Tanzabend der Szymczyk-Partnerin Alexandra Bachzetsis im dortigen Stadttheater galt. Die Verbindung von griechischen Folklore-Sterotypen mit Gesten aus Fetisch- und Gay-Werbespots spaltete zwar die Zuschauerreaktionen extrem in "bezaubernd" und "grauenhaft". Aber politisch gefordert fühlte sich sicherlich niemand aus dem typischen Kunstpublikum von diesem Soft-Porn-Sirtaki.

Marta Minujin inszenierte im Museum EMST eine kleine Gag-Performance

Herrschaftskritisch deklarierte Performances gibt es natürlich schon – auch wenn man sie dank der miserablen Besucherführung der Documenta mit handgemalten Stadtplänen, vielen falschen Informationen und nicht auffindbaren Hinweisen vor Ort meist langwierig im riesigen Stadtgebiet von Athen verstreut suchen muss und oft nicht oder nicht mehr zu richtigen Zeit findet. Der US-amerikanische Künstler-Aktivist Rick Lowe etwa hat einen Nachbarschaftsraum am Victoria-Platz eingerichtet, um in dieser sozial diversen Gegend das Gemeinschaftsgefühl und die Kommunikation zu stärken.

Ibrahim Mahamas Penelope-Performance auf dem Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament lässt junge Menschen Jute-Säcke, die für den globalen Wirtschaftsverkehr stehen, sehr symbolisch tagsüber zusammennähen und nachts wieder auftrennen. Und Marta Minujin, die in Kassel das Parthenon der Bücher errichtet, inszenierte im Museum EMST eine kleine Gag-Performance, bei der sie einem Angela-Merkel-Double die griechischen Schulden mit einem Häuflein Oliven zurückzahlte. Das taugte für lustige Fotos und gute Laune, aber unter "Einmischung" stellt man sich doch eigentlich etwas vor, das irgendwen aus der Reserve lockt.

Am lebendigsten Ort der Athener Aktivitäten von Adam Szymczyks Team, dem Musikkonservatorium Odeion, konzentrieren sich die meisten performativen Arbeiten, aber auch hier sucht man das politisch Ostentative ziemlich vergeblich. Gerade mal Kettly Noël mit ihrer "Zombification" widmet sich im beeindruckenden Betonkeller des Komplexes der Gewalt in Haiti, inszeniert Vergewaltigen und Lynchen aber in so ästhetischer Manier mit coolen Typen und Galgenpuppen, dass von der Brutalität der Tatsachen im Kunstraum nur der Als-ob-Kitsch übrig bleibt.

Performance von Kettly Noël

Trotzdem kann man in diesem halbruinösen Betonschlachtschiff der modernen Stadtplanung Athens, das gerade durch sein Verfallsstadium der Kunst einen besonderen Rahmen gibt, die intensivsten Begegnungen mit körperlicher Kunst erleben, vor allem im Zusammenhang mit Musik. Nevin Aladags Konzerte auf Möbeln, die sie zu Streichinstrumenten umgebaut hat, sind trotz des schrägen Klangs ein steiler Ausschlag auf dem Stimmungsbarometer der Zuschauer.

Perfomance von Nevin Aladag

Die Demonstrationen von Guillermo Galindo, wie man seine aus "politischem" Abfall gebastelten Instrumente spielt, die er unter anderem aus Hinterlassenschaften am US-amerikanischen Grenzzaun konstruiert, lässt sich sogar im Sinne eines subtilen "Einmischens" verstehen.

Die grönländischen Brumm- und Rap-Auftritte zwischen den Seerobbenfellen des Samen Joar Nango sind dagegen eher etwas fürs Gemütliche im Freien. Doch was reizt hier zu Widerspruch? Etwa der rumänische Künstler Daniel Knorr, der in einem Lichthof, der für die Documenta vom Müll der Studenten befreit wurde, nun Müll aus der Stadt, den er gefunden hat, mit einer Presse in ein Künstlerbuch verwandelt?

Performance von Joar Nango

Auch die indigenen Riten, die im Vorfeld eine so große Rolle zu spielen schienen, zeigen sich jetzt eher beiläufig in Maskentänzen im Museum, die da so fehlplatziert wirken, als würde man Männer zum Autowaschen hierher einladen. Das produziert Voyeurismus, aber weder Teilhabe noch Verständnis, geschweige denn inneren Aufruhr. Und zu diesen begaffbaren Nettigkeiten passte dann auch die hübsche Eröffnungsperformance dieser "griechischen" Documenta: freundliche Männer, die mit Pferden von der Akropolis herabreiten, um sich nach Kassel aufzumachen – ganz ehrlich, das kann sich auch das griechische Tourismus-Büro ausdenken.

Hermes kommt
Vier Langstreckenreiter haben sich am Sonntag auf den Weg von Athen nach Kassel gemacht. In 100 Tagen wollen Sie die 3000 Kilometer mit ihren Pferden bewältigen

Oder war das jetzt die Kavallerie der direkten Demokratie? Die kam jedenfalls am Fuß des Berges so in den Stau der Touristen, dass die Reiter absteigen mussten. Und das lässt sich auch symbolisch sehen: Irgendwo auf der Strecke vom hohen Plan in die Niederungen der Ereignisse ist Adam Szymczyks Theater des Einmischens im Banalen stecken geblieben. Immerhin kann das den Reitern in Kassel nicht passieren. Da gibt es nicht genug Touristen.