Marcel Broodthaers in Düsseldorf

Dies ist kein Künstler

Erst im Alter von vierzig Jahren endeckte der erfolglose Dichter Marcel Broodthaers die bildende Kunst für sich. Zum Glück! Der viel zu früh gestorbene Belgier unterwanderte die eigene Bedeutung mit belgisch-skurrilem Humor und findet damit bis heute unzählige Nachahmer. Die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW widmet Marcel Broodthaers nach Stationen in Madrid und New York jetzt eine große Retrospektive im K21.
Dies ist kein Künstler

Marcel Broodthaers: "Moules sauce blanche" (Muscheln mit weißer Sauce), 1967, Bemalter Topf, Muschelschalen, Farbe und helles Polyesterharz, Durchmesser: 37,5 cm, Höhe: 48,5 cm, Privatsammlung, New York

Nichts liebt die Kunstwelt mehr als den kritischen, nörgelnden, das System ablehnenden Rebellen. Im Idealfall sollte er die gerade angesagten Strömungen meiden, den Markt verachten und die Geste des Außenseiters pflegen.

19749
Strecken Teaser

Der schon als Poet gescheiterte Flame Marcel Broodthaers, der sich bis 1964 parallel auch als Fotograf, Filmemacher, Journalist und Antiquar betätigte, erfüllte die Anforderungen perfekt. Trotzdem musste er sich nach seinem Kurswechsel in die bildende Kunst noch einige Zeit im Zwischenraum von Pop Art und Konzeptualismus abstrampeln, um das Etikett Geheimtipp loszuwerden.

Auch die Möglichkeit des eigenen Scheiterns thematisiert Broodthaers

Was sollten schließlich bürgerliche Kunstkonsumenten von einem Melonenträger halten, der einen Haufen wertloser Miesmuschelschalen aus einem benachbarten Restaurant zu einer zwischen Deckel und Kochtopf gestapelten Skulptur verwandelte? Der seine eigenen Gedichtbände eingipste und auf riesigen Blechschildern Statistiken über die wichtigsten Maler der Kunstgeschichte aufstellte? Der Katzen über ihren Standpunkt zum zeitgenössischen Bildbegriff befragte? Oder als Wiedergeburt von Buster Keaton im strömenden Regen mit Tinte einen sich hoffnungslos auflösenden Text verfasste? In diesen Werken schwingt nicht nur Spott über eine auf absurden Theoriepfaden wandelnde, sich selbst allzu wichtig nehmende Kunstszene mit. Auch die Möglichkeit des eigenen Scheiterns thematisiert das Multitalent mit Sinn für lakonische Abzweigungen ins Surreale, ein Terrain, auf dem er sich nicht zuletzt dank seiner Begegnung mit René Magritte auskannte und das die Belgier bekanntlich traditionell zu schätzen wissen.

art - Das Kunstmagazin
Außer einigen prominenten Werken von René Magritte, sind viele Arbeiten eher unbekannt. Das lässt sich jetzt ändern. Denn die große Werkschau des großen Surrealisten in Frankfurt bietet viel Überraschendes ... und Philosophisches

Aber auch das Rheinland der frühen Siebziger nahm den Wahl-Düsseldorfer in seinen Reihen auf, einen mit Eierschalen und Kohleklumpen jonglierenden Gentleman-Provokateur, der noch wenige Jahre zuvor in seiner Brüsseler Privatwohnung ein fiktives Museum für moderne Kunst unterhielt. Hier ließen sich die Spielarten der Präsentation ex negativo als solche vorführen. Ausgestellt wurden Transportkisten, Kunstpostkarten von Gemälden des 19. Jahrhunderts, leere Rahmen und irgendwann auch Adler-Abbildungen aus der Werbung oder der Archäologie, eine bunte Galerie von Herrschaftszeichen, stets flankiert von dem variierten Magritte-Zitat: "Dies ist kein Kunstwerk".        

Auf dem Höhepunkt dieser Recherche nach den ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen von Kunst dirigierte Broodthaers ganze zwölf Sektionen. Sie untersuchten Aspekten wie "Finanzen", "Literatur" oder "Information", nahmen die Matrix einer Einrichtung auseinander, die wie keine andere für die Hochkultur steht. 1971 stand das merkwürdig selbstreflexive "Musée d’Art Moderne – Departement des Aigles" auf dem Kölner Kunstmarkt zum Verkauf an. Kein Wunder, dass die Documenta 5 ein Jahr später zuschlug und dieses Nicht-Kunstwerk in ihr eigenes längst etabliertes Wertesystem absorbierte. Das Gleiche tat Broodthaers mit seinem Übervater Duchamp. Er schleuste ein Foto seines den Kunstwerkbegriff revolutionierenden Urinals nur ein, um es mit einem seiner Adler zu überstempeln.

Nach diesem pointierten Großauftritt blieb dem Betriebsskeptiker nur noch eine kurze Schaffenszeit. 1976 starb er viel zu früh mit 52 Jahren in Köln. Da war er bereits mit Josef Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf aneinandergeraten. Dessen Vorliebe fürs Gesamtkunstwerk reizte den Polemiker zu dem keineswegs schmeichelhaft gemeinten Vergleich mit Richard Wagner. Die restlichen Jahre füllte er aus, indem er weiterhin seine Abneigung gegen die höheren Prestige-Weihen eines musealen Nachlebens kultivierte, mit Wortkunst, inszenierten Situationen, experimentellen Filmen und allen voran der Erschaffung von dekorativen Räumen.

Broodthaers belohnt Reflexionsbereitschaft mit amüsanten Wendungen

Die mit Dattelpalmen und ethnologischen Dia-Darstellungen vollgestopfte "Wintergarten"-Installation etwa irritiert immer noch. Man wähnt sich auf diesem Set wie in einer Institution des 19. Jahrhunderts, die ihre koloniale Überlegenheit durch Hierarchisierung der ausgestellten Objekte demonstriert. Es ist das Paradebeispiel für die von Broodthaers angestrebte "Störung der Weltordnung", ein Kunstkonzept, das beim Betrachter zwar reichlich Reflexionsbereitschaft einfordert, ihn aber auch mit amüsanten Wendungen belohnt.

Wie etwa angesichts der Werbekampagne der Nobelhemden-Firma van Laack, für die Broodthaers in der Rolle des mächtigen Museumsdirektors mit Zigarre im Mundwinkel posierte. Ausverkauf der eigenen Integrität oder subversive Übergriffe auf die Kommerzzone? Satire? Sabotage? Gelebte Politik? Zumindest eine Strategie, die auch heute noch nachhaltig wirksam ist, wenn sich Künstler wie Jeff Koons, John Baldessari oder Richard Prince mit der Industrie verbrüdern, um deren Produkte aufzuwerten. Und der beste Weg zur eigenen Kanonisierung allemal. Immerhin durfte sich Broodthaers bereits zu Lebzeiten an erstaunlich vielen Einzelausstellungen erfreuen.

Der Gedankenkosmos dieses genialen Dilettanten dient heute vielen immer noch als Anleitung zum Ungehorsam, man denke nur an verwandte Installateure wie Mark Dion, Rodney Graham, Dominique Gonzalez-Foerster oder Cerith Wyn Evans. Auch der collagierende Fotograf John Stezaker bekennt, von Broodthaers viel gelernt zu haben. Nicht zu vergessen der jüngste Hype um die Gattung Performance. Den überwiegend jungen Akteuren dürfte seine Neigung zum Widerspruch, zum sich selbst im Nonsense-Nebel auflösenden Kunstwerk gefallen. Ein Klassiker, Humorist und Demaskierer, der sich über diese Katalogisierungen nur degoutiert schütteln würde? Bei jemand so elastisch in alle Richtungen denkenden wie Marcel Broodthaers ist auch das pure Gegenteil möglich.

18244
Bild & Text Teaser
Kunst in Düsseldorf
Ihr Kunst-Navigator: die wichtigsten Ausstellungen, die schönsten Museen und Sehenswürdigkeiten in Düsseldorf