Pablo Picassos »Guernica«

27 Quadratmeter Schmerz

Vor genau 80 Jahren stand Pablo Picasso ratlos vor der größten Aufgabe seines Lebens. Dann schuf er mit »Guernica« das bekannteste Antikriegsbild der Geschichte – alles über sein Jahrhundertwerk.
27 Quadratmeter Schmerz

Pablo Picasso: "Guernica", 1937, Öl auf Leinwand, 349,3 x 776,6 cm, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía

April 1937. Während in Spanien der Bürgerkrieg tobt, steht Pablo Picasso (1881 bis 1973) in seinem Atelier im fernen Paris vor einem Problem. Und das ist ziemlich groß. Genauer gesagt ist es 7,77 Meter lang und 3,49 Meter hoch. Eine 27 Quadratmeter große Leinwand. Und sie ist leer. Picasso hatte bereits vier Monate zuvor von der Spanischen Republik den Auftrag erhalten, ein gigantisches, propagandistisches Wandgemälde für den spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 zu malen. Picasso war als Begründer des Kubismus schon damals der Topstar der europäischen Kunstszene. Mit seinem Werk wollte man international gegen den faschistischen Putsch-General Francisco Franco Stimmung machen, der das Land erst ein Jahr zuvor in einen blutigen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) gestürzt hatte.

Malblockade und Gefühlschaos

Picasso war sich der Tragweite des Auftrags sehr bewusst. Doch ihm wollte einfach nichts einfallen. Monatelange blieb die Leinwand leer. Er war blockiert. Es war damals keine leichte Zeit für Picasso – künstlerisch wie privat. Sein Gefühlsleben war ein einziges Chaos: Gerade erst hatte sich seine Ehefrau Olga von ihm getrennt, weil er mit seiner Geliebten Marie-Thérèse Walter ein Kind bekam, da fing er bereits eine neue Affäre mit seiner Muse, der Künstlerin und Fotografin Dora Maar, an.

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DIe Weltausstellung 1937 - hier sollte Picassos Gemälde präsentiert werden

Die Weltwirtschaftskrise, der zuvor unbekannte Terror des Ersten Weltkriegs, das Aufkommen faschistischer Regime, der Bürgerkrieg in seiner spanischen Heimat. Auch politisch geriet die Welt, wie Picasso sie kannte, seit Jahren aus den Fugen, und er suchte verzweifelt neue künstlerische Ausdrucksformen. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten Künstler kaum politisch. Doch plötzlich wurden auch sie durch die kriegerischen und gesellschaftlichen Einschnitte gezwungen, Position zu beziehen. Das war aber nicht Picassos Stil. "Picasso merkte, dass er mit seinen kubistischen Innendarstellungen, seiner optimistischen, seiner erotischen Kunst keine Antworten mehr auf die sich verändernde Welt geben konnte", versichert der spanische Kunsthistoriker und Direktor des Madrider Museo Reina Sofía, Manuel Borja-Villel. Picasso verlässt seine kubistischen Innenräume und Still­leben. Gitarren, erotische Frauen und Blumen ersetzt er immer häufiger durch monströse Figuren und Gewaltszenen. Sein Kubismus wird theatralischer. Dennoch hat Picasso das Gefühl, künstlerisch auf der Stelle zu treten, während junge Maler wie Salvador Dalí oder Joan Miró mit einem neuen, frischen Stil die internationale Bühne betreten.

Pariser Weltausstellung 1937

Nur zwei Pavillons waren wegen der Streiks im Vorfeld rechtzeitig fertig geworden und standen sich am Trocadero wie zwei Raubtiere gegenüber: der von Stalins Sowjetunion mit Vera Muchinas kolossaler Skulptur Arbeiter und Kolchosbäuerin obenauf und das turmhohe »Deutsche Haus« von Hitlers Leibarchitekten Albert Speer. Der luftige Pavillon der Spanischen Republik, gebaut von Luis Lacasa und Josep Lluís Sert, wirkte wie das friedliche Gegenmodell zur Selbstdarstellung der hochgerüsteten Diktaturen am Vorabend des Krieges. Die Goldmedaillen aber bekamen diese. Albert Speer erhielt auch noch den Grand Prix – für seinen Entwurf des Reichsparteitags-geländes in Nürnberg.

Picasso haderte mit dem Auftrag

Monatelang malte er kein einziges Bild mehr. Das war für einen Künstler wie Picasso, der phasenweise täglich neue Werke fertigstellte, etwas Außergewöhnliches. "Eigentlich war Picasso damals der vielleicht denkbar schlechteste Künstler für den Auftrag der Spanischen Republik. Er hatte kaum mit einem solch großen Bildformat gearbeitet, befand sich in einer tiefen Krise als Person und Künstler und machte auch keine politische Kunst", meint Kunsthistoriker Manuel Borja-Villel. Tatsächlich wollte dem sonst so erfindungsreichen Universalgenie aus Málaga auch nichts Richtiges einfallen. Picasso radierte zunächst eine Folge satirischer Blätter, die er Traum und Lüge Francos nannte. Er verwarf die Motive allerdings schon bald für das Monumentalgemälde und arbeitete seit Wochen an Entwürfen zum Sujet "Maler und Modell", was allerdings auch nicht so ganz zum Auftrag passte.

27 Quadratmeter Schmerz

Guernica, die "heilige Stadt der Basken", in Ruinen

Doch plötzlich kam es im Spanischen Bürgerkrieg zu einem Ereignis, welches Picasso ausgerechnet am persönlichen und kreativen Tiefpunkt seines Lebens zu seinem berühmtesten Werk inspirieren sollte – die Bombardierung der baskischen Kleinstadt Guernica. Obwohl mittlerweile 80 Jahre vergangen sind, erinnert sich Luis Iriondo noch sehr genau an jenen 26. April 1937. "So einen Tag vergisst man nicht. Er veränderte mein ganzes Leben. Meine Stadt wurde dem Erdboden gleichgemacht. Ich verlor viele Freunde und Bekannte", erzählt der heute 94 Jahre alte Baske. Es war ein sonniger Montag. Markttag. Zahlreiche Bauern waren aus dem Umland gekommen, um ihre Produkte anzubieten. Die Front war nicht weit. Doch der Spanische Bürgerkrieg hatte die 5000-Seelen-Gemeinde noch verschont. "Gegen elf Uhr sahen wir ein Aufklärungsflugzeug am Himmel, schenkten ihm aber trotz des Luftalarms wenig Aufmerksamkeit. Auch ein zweiter Flieger gegen 15 Uhr beunruhigte niemanden. Viele dachten, Franco würde es nicht wagen, Guernica anzugreifen", erinnert sich Luis. Guernica ist die heilige Stadt der Basken. Schon im Mittelalter hatten die spanischen Könige unter der "Eiche von Gernika", so der baskische Name der Stadt und das Nationalsymbol der Basken, geloben müssen, die Freiheitsrechte der Basken anzuerkennen.

Drei Stunden Bombardement

Doch gegen 15.45 Uhr läuten die Kirchenglocken erneut. Minuten später heulten über der Stadt auch schon die Motoren der deutschen Fliegerstaffel Legion Condor auf, die zusammen mit dem italienischen Corpo Truppe ­Volontarie an der Seite Francos kämpfte. "Ich ging nach dem Mittagessen gerade über den Marktplatz und rannte schnell in den nächsten Luftschutzbunker. Es war eng und stickig. Ich hatte Panik. Viele weinten. Draußen hörte man Schreie und Explosionen", sagt Luis. Die drei Stunden des Bombardements in dem zum Bunker umgewandelten Keller kamen ihm wie eine Ewigkeit vor. "Als es ruhig wurde, verließen wir den Bunker. Doch draußen gab es nichts mehr. Überall lagen Leichen. Es roch nach verbranntem Fleisch – von Tieren und Menschen. Die ganze Stadt brannte."

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Der Sprecher der Opfer: Luis Iriondo in Guernica

Fast 40 Tonnen Bomben ließen Hitlers und Mussolinis Luftwaffen auf die nordspanische Stadt nieder­regnen. Hunderte Menschen kamen zu Tode. Dabei hatte Guernica überhaupt keine militärische Bedeutung – und nicht mal eine Luftabwehr. Hermann Göring, Ober­befehlshaber der deutschen Luftwaffe, gab später bei den Nürnberger Prozessen zu, man habe in der Stadt einfach neue Bomben testen wollen. Es war ein entsetzliches Blutbad und ein gezielter Schlag gegen die Zi­vilbevölkerung, um diese im Kampf gegen Franco zu demoralisieren. Bisher waren Kriege Kämpfe zwischen Soldaten. Doch was an jenem Tag in Guernica passierte, war eine neue Dimension der Kriegführung. Ein Ausblick auf den "to­talen Krieg", den Hitler we­nige Jahre später beginnen sollte. Der Aufschrei und Protest der internationalen Gemeinschaft waren so vehement, dass sowohl Franco als auch Nazi-Deutschland ­zunächst sogar abstritten, überhaupt für das Massaker verantwortlich gewesen zu sein.

Initialzündung für Picasso

Die Bombardierung Guernicas gab Picasso die Initialzündung. Während die baskische Stadt praktisch aufgehört hatte zu existieren, begann er in seinem Atelier in der Pariser Rue des Grands-Augustins mit seinem Gemälde Guernica den Horror des Krieges zu verewigen. 27 Quadratmeter voller Tod, Schmerz, Verstümmelung, Verzweiflung und endlosen Leidens.

27 Quadratmeter Schmerz

Vorlage für Picasso war Peter Paul Rubens: "Die Folgen des Krieges", 1638

Als Vorlage dafür diente Picasso Peter Paul Rubens’ Gemälde Die Folgen des Krieges  aus dem Jahr 1638. Doch vermischt er auf seinem Bild Elemente ganz verschiedener Art – surrealistische, theatralische, cineastische und kubistische, wie die Flächenkomposition und die collagenartige Gestaltung der Körper zeigen. Das Bild gleicht einer Theaterbühne, auf der eine grelle Deckenlampe das Dargestellte nahezu filmisch in Szene setzt. Picasso benutzt ausschließlich Schwarz-Weiß-Grau-Töne. Eine Anlehnung an die damaligen Massenmedien wie das Kino, die Zeitungen und an die Fotos, die Picasso von Opfern des Spanischen Bürgerkriegs vorlagen. Francisco de Goyas Kriegsgemälde Die Erschießung der Aufständischen wirkte ebenso auf Guernica ein wie die christliche Passionsikonografie mit Triptychon-Format und pyramidal konstruiertem Bildaufbau. 

Auch christliche Motive sind klar erkennbar. So die Pietà, die um Jesus trauernde Maria, oder die sieben Flammen, welche die Feuersbrunst in Guernica darstellen. Die Zahl Sieben symbolisiert im Christentum unter anderem die Apokalypse. Mit dem imposanten Stier, der von vielen als Metapher für Franco beziehungsweise den Faschismus interpretiert wird, und dem Pferd als Sinnbild für das Leiden des Volkes greift Picasso zudem auf seine Minotauromachie-Serie zurück. Bei Picasso verkörpert der Minotaurus oft die Bestialität des Menschen. Die Licht­trägerin könnte die auf der Pariser Weltausstellung anwesende internationale Gemeinschaft darstellen, die fassungslos die Geschehnisse in Guernica und im übrigen Spanien beobachtet.

Nazikritiker stürzten sich auf das Bild

Doch Picasso will nicht die Realität darstellen. Er erreicht mit seiner Abstraktion eine Symbolik, die dieses Gemälde universal und zeitlos verständlich macht. Es ist kein einziger Tropfen Blut zu sehen. Dennoch wirkt das Bild brutal und grausam. Es gibt keine Helden, keinen Sieg des Guten, keine Täter, nur Leid. "Es ist kein Zufall, dass gerade dieses Bild zu einer Ikone wurde. Guernica ist ein ultramodernes Historienbild, welches die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kunstgeschichte umfasst und dabei etwas ganz Neuartiges entstehen lässt. Es ist Kubismus, Friedrich Nietzsche, Goya, Sexualität, christliche Passionsikonografie und ein zeitloses Manifest gegen Krieg und Gewalt", meint Manuel Borja-Villel. Picasso war sich der Rolle, die Guernica in der Kunstgeschichte spielen sollte, durchaus schon bewusst. So ließ er seine Geliebte Dora Maar auch Schritt für Schritt die Entstehung des Wandgemäldes zwischen dem 11. Mai und dem 4. Juni 1937 fotografieren. Dass Guernica zum wohl wichtigsten politischen Gemälde des 20. Jahrhunderts wurde, liegt aber auch an den teils vehementen Reaktionen auf das Bild. Noch während der Pariser Weltausstellungen stürzen sich Nazi-Deutschlands Kunst­kritiker auf das Werk. Im "Reichsbildberichterstatter" hieß es damals: "So etwas nennt Rotspanien ›Kunst‹ ... Klecksereien, vor welchen man vergeblich sucht, ob sie wohl eine Anspielung auf den Bürgerkrieg oder eine Gemüseplatte bedeuten." 

27 Quadratmeter Schmerz

Pablo Picasso: "Guernica", 1937, Öl auf Leinwand, 349,3 x 776,6 cm, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía

Nach der Weltausstellung geht das Wandgemälde auf Reisen. Von Oslo über London und Los Angeles bis hin nach Mailand, São Paulo und Amsterdam – überall löst das Gemälde heftige Diskussionen aus, bei denen es mehr um Politik als um Kunst geht und das Bild nahezu antagonistisch benutzt und interpretiert wird. Eine Ausstellung in Spanien ist damals undenkbar. Nach der Niederlage der Republik verbietet Diktator Franco sämtliche Nachdrucke und Veröffentlichungen des Werks und füttert damit ungewollt den "Mythos Guernica".

Nach großer Tour ins MoMA

Nach über 34 Ausstellungen in mehr als elf Ländern landet das Bild schließlich erneut im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA), wo Picasso mit Guernica bereits 1939 als Meister der Modernität mit einer großen Retrospektive gefeiert wurde. Über Jahre versuchte MoMa-Direktor Alfred H. Barr das Bild zu "entpolitisieren", da Picasso mit seinem Beitritt zur Kommunistischen Partei 1944 kurzzeitig sogar zum Feindbild im antikommunistischen Amerika wurde. Demokraten, die Guernica zuvor als Aufschrei gegen Francos Spanien und Hitlers Deutschland feierten, sahen in dem Gemälde plötzlich die Kunst des ihnen verhassten Kommunismus. Nach und nach nahm das Bild aber seinen Status als universales Antikriegsbild ein und wurde zum Protest gegen sämtliche Kriege genutzt – vom Zweiten Weltkrieg bis hin zum heutigen Syrien-Konflikt. 1974 sprühte der Künstler und heutige Galerist Tony Shafrazi sogar mit einer Spraydose "KILL LIES ALL" auf das Gemälde im MoMa, um dem Bild vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs seine Dringlichkeit wiederzugeben. 

Picassos wütende Anklage gegen den Krieg
Auf 27 Quadratmetern hat Picasso den Krieg thematisiert - inspiriert von einem Massaker im Baskenland. Auf Picassos eigenen Wunsch durfte das Bild lange nicht in Spanien gezeigt werden. Vor 35 Jahren kehrte es aus New York zurück - aber schwer angeschlagen

Wie groß seine Aura als universales Friedensmahnmal ist, wurde noch 2003 deutlich, als der damalige US-Außenminister Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat den Militäreinsatz im Irak rechtfertigten wollte und die US-Regierung zuvor darum bat, die im Gang vor dem Sitzungssaal befindliche Kopie von Guernica mit einem Tuch abzuhängen. 

Von 1958 bis 1981 befand sich das Original auf Wunsch Picassos im MoMa. Für die internationalen Tourneen wurde die kolossale Leinwand Dutzende Male wieder aufgerollt. Die Schäden waren mittlerweile unübersehbar. Doch eine letzte große Reise stand Guernica noch bevor. Es war eine bezahlte Auftragsarbeit der Spanischen Republik. Sprich: spanisches Staatseigentum. Picasso hatte jedoch verfügt, das Bild dürfe nicht nach Spanien zurückkehren, solange dort die Franco-Diktatur herrsche. Sechs Jahre nach Francos Tod und der Wiedereinführung der Demokratie erreichte das Wandgemälde schließlich im September 1981 Madrid, wo es zunächst im Prado und seit 1992 im Museo Reina Sofía ausgestellt wird. Hier hängt es seitdem im 2. Stock, Saal 206. 

27 Quadratmeter Schmerz

Reina-Sofia-Direktor Manuel Borja-Villel

Das Gemälde sei durch die vielen Reisen irreparabel beschädigt und werde nicht mehr ausgeliehen, heißt es immer wieder aus dem spanischen Kulturministerium. Dennoch bleiben vor allem die Basken hartnäckig. Schon zum 60. und 70. Jahrestag der Bombardierung Guernicas forderte die baskische Regierung das Bild ein. Im Zuge ihres Strebens nach politischer Unabhängigkeit von Spanien ist für sie Picassos Guernica auch ein Symbol für das Leid, welches das franquistische Spanien über die Region brachte. Auch Luis Iriondo würde Picassos Gemälde gerne am 26. April zum 80. Jubiläum in seiner Heimatstadt Guernica sehen. Er ist selber Hobbymaler, gründete 1962 im Kulturzentrum Guernicas sogar eine Malwerkstatt, in der er bis heute noch Schüler unterrichtet. Zwei seiner Bilder, in denen er seine damalige Kriegserlebnisse verarbeitete, hängen sogar im Lokalmuseum. Ihm sei klar, dass Picasso nicht den Krieg in Guernica, sondern ein universales Mahnmal gegen den Krieg malen wollte. "Das Bild in Guernica auszustellen wäre trotz seines universalen Charakters eine Art Wiedergutmachung für das, was man uns hier angetan hat", meint Luis dennoch.

Reiseverbot für »Guernica«
Kaum ein Bild des 20. Jahrhunderts hat Menschen so aufgerüttelt wie Picassos »Guernica«. Wer das Werk sehen will, muss auch künftig nach Madrid reisen - ausgeliehen wird es wegen seiner Schäden nicht mehr

Das aber kommt für Jorge García nicht infrage. "Guernica noch einmal auf Reisen zu schicken wäre ein Verbrechen", stellt der Chef-Restaurator des Museo Reina Sofía klar. Erst vor vier Jahren haben er und sein Team das Gemälde mit einem eigens entwickelten Roboter drei Monate lang untersucht. Mit 3-D-Scans wurde die Oberflächenstruktur analysiert. Mit Infrarot- und Ultraviolett-Aufnahmen wurden die Textur der Farbe und die Beschaffenheit des Leinens begutachtet. Man wollte schauen, in welchem Zustand sich das Bild wirklich befindet. Und das Ergebnis ist für García eindeutig: "Guernica darf sich nicht mehr von der Stelle bewegen." Der Zustand des Werks sei so "alarmierend", dass bei einem Transport irreparable Schäden drohen, so der Chef der Restaurierungsabteilung. "Wir haben festgestellt, dass durch das permanente Ein- und Ausrollen zahlreiche vertikale Risse entstanden sind." Selbst ein Transport in einem Spezialcontainer wäre ein hohes Risiko, da das moMa 1957 die Bildrückseite mit einer Wachsschicht stabilisierte. "Das hat nicht nur die Farben angegriffen, die jetzt viel gelblicher erscheinen, sondern das Bild auch steif gemacht. Bei dieser Größe würde somit schon die kleinste ­Erschütterung die Leinwand derart in Schwingung versetzen, dass leicht neue Risse entstehen können", versichert García. Selbst die Reina-Sofía-Restauratoren hängen das Gemälde deshalb nur alle zehn Jahre ab, um es zu säubern. Die hochauflösenden Gigapixel-Fotos, die sein Team 2012 machte, möchte das Museum nach einer jetzt beginnenden Sonderausstellung zum 80. Jubiläum auf seiner Homepage frei zugänglich präsentieren. 

Historische Ausstellung in Madrid

Mit seiner großen Jubiläumsschau "Mitleid und Schrecken bei Picasso: Der Weg zu Guernica" will das Museo Reina Sofía jetzt ein ganz neues Licht auf die Entstehungsgeschichte des Meisterwerks werfen. "Wir wollen zeigen, dass das Bild tatsächlich mehr ist als eine spontane Reaktion auf die historischen Ereignisse. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedenster Krisen und eine künstlerische Entwicklung, die bereits in den zwanziger Jahren einsetzte", erklärt Museumsdirektor Manuel Borja-Villel. Dieser neue Blick auf die Entstehung Guernicas stammt jedoch nicht von ihm. Sie ist das Forschungsergebnis des britischen Kunsthistorikers und international angesehenen Picasso-Experten Timothy J. Clark, der auch die Sonderschau kuratiert, bei der sich mehr als 30 internationale Museen – wie das Pariser musée picasso, das centre georges pompidou, die Londoner tate oder das New Yorker MoMA – mit Leihgaben beteiligen. "Es wird die größte Ausstellung, die jemals über das Bild und seine Geschichte gemacht wurde", kündigt der sonst so bescheidene Museumsdirektor an.

Foto von Picasso
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