Avery Singer in Köln

Kreativität als Virus

Wenn in der Kunstgeschichte alle Bilder ­schon gemalt wurden, dann kann die Kreativität aus der Maschine helfen. Sind Computer also mittlerweile die originelleren Maler? Die Antwort wird Ihnen gefallen – jedenfalls optisch
Kreativität als Virus

Avery Singer: "Untitled", 2016, Acryl auf Leinwand

Bei Airbrush-Malerei denkt man für gewöhnlich an aufgepeppte Motorhauben, bei Trompe-l’œil an Vögel, die sich der antiken Zeuxis-Legende nach auf täuschend echt gemalte Trauben stürzen. Beides findet man bei Avery Singer wieder – aber anders, als man denkt. Die 1987 in New York geborene Künstlerin entwirft mit einem Softwareprogramm Figuren und Muster, die sie auf Leinwände projiziert und mithilfe von Folien aufsprüht. 

19723
Strecken Teaser

Bekannt wurde Singer mit Bildern von kantigen Menschen in ebensolchen Räumen, die als Parodien auf die Kunstwelt gemeint waren und diese durchweg in Grauschattierungen zeigen. Man könnte sich von ihnen an die Frühzeit der Computergrafik erinnert fühlen, wären Singers Motive nicht gleichzeitig perfekte Simulationen von räumlicher Tiefe und optischem Flirren. Am Ende ähnelt das Ganze tatsächlich eher Op Art, nur ohne Farbe und durch eine Software mit ­Retro-Funktion gejagt.

Digital und trotzdem klassisch

Im Kölnischen Kunstverein feiert Avery Singer nach einer Station in der Wiener Secession ihre Deutschlandpremiere in institutionellem Rahmen und hat dafür eine Reihe neuer Bilder mitgebracht. Auf ihnen machen die Figuren Platz für abstrakte Motive in Schwarz-Weiß, die gelegentlich mit abgezirkelten Farbklecksen aufge­lockert werden und alles in allem eine technisch weiterentwickelte Version früherer Bilder sind. Jetzt fühlt man sich an aktuelle Computersoftware erinnert, die von einem Virus heimgesucht, zerhackt, zerfräst oder sonstwie verfremdet wurde und wie eingefroren auf einem Bildschirm steht. Trotz der digitalen Mittel bewegt sich Singer auf den Spuren der klassischen Malerei. Es geht um Tiefenillusion auf der zweidimensionalen Leinwand und die Frage, ob die Kreativität aus der Maschine helfen kann, wenn in der Kunstgeschichte alle Bilder ­anscheinend schon gemalt wurden.

Der mit dem Scanner malt
Seine Kunst entsteht im Computer und in der Druckerei – doch am Anfang trägt der in Berlin lebende Maler immer noch per Hand Acrylfarbe auf: Henry Kleine malt direkt auf den Flachbettscanner

Mit ihren jüngsten Gemälden nimmt Avery Singer die nächste Stufe und lässt die am Computer entworfenen Bildmotive von einem Airbrush-Drucker auf die Leinwand bringen. Das Ergebnis ist nicht nur farbenfroh, es fügt der täuschend echten Ansicht räumlicher Tiefe eine weitere Dimension hinzu: den schwindelerregenden Abgrund einer vom Menschen befreiten Malerei.

18844
Bild & Text Teaser