Autophoto in Paris

Traumtransporter

Lärmiger Luftverpester oder der Inbegriff von Freiheit? Seit seiner Erfindung polarisiert das Automobil – anhand 400 zeitgenössischer und historischer Fotografien zeigt die Fondation Cartier, wie das Auto zur Ikone der Moderne wurde.
Traumtransporter

Luciano Rigolini: "Tribute to Giorgio de Chirico", 2017

Für die einen ist es Inkarnation von Wohlstand und Fortschritt, für die anderen ein vierrädriges Monster, das die Umwelt verpestet: das Automobil. Vor dem Zweiten Weltkrieg Wunder der Technologie, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren als Symbol der Mobilität gefeiert. In den Siebzigern gibt es dank der Ölkrise die ersten kritischen Töne, doch in den Achtzigern wird das Auto wieder Objekt aller Träume und konsequenterweise ab den Neunzigern Grund für die Verstopfung zahlreicher Großstädte. Heute schließlich ist das Automobil das meistgehasste aller Fortbewegungsmittel und gleichzeitig weiterhin Wahrzeichen für Freiheit und Individualismus.

19715
Strecken Teaser

Das Auto prägte nicht nur unsere Zivilisation, es schrieb auch Kulturgeschichte. Francis Picabias Bugattis konkurrierten mit den Alfa Romeos von Nachbar Georges Braque, die Pop Art liebte Straßenkreuzer, Konzeptkünstler Hans Haacke hasst Mercedes, Jeff Koons oder Cao Fei dürfen BMWs bemalen. Immer noch fasziniert das Auto vor allem die Fotografen, mal als Motiv, mal als visuelle Trickkiste für Landschaftsaufnahmen oder als rollendes Stativ. 

30 Jahre nach einer Hommage an die Marke Ferrari widmet sich die Pariser Fondation Cartier erneut dem Automobil, allerdings nicht mehr verklärend, sondern im Spiegel der Fotografie: Wie verarbeiteten die Fotografen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, von Jacques-Henri Lartigue über William Eggleston, Joel Meyerowitz bis Edward Burtynsky, die immer wieder wechselnde Aura des Personenkraftwagens? Anhand von rund 400 Exponaten wird in Paris erzählt, wie das Auto zur Ikone der Moderne wurde.

Rausch der Geschwindigkeit

Es beginnt mit den Hymnen an die Geschwindigkeit einer Germaine Krull und Impressionen von der Anfängen der motorisierten Großstadt etwa bei Brassaï. Fotografen wie Nicolas Bouvier beförderten das Auto auf weite Forschungsreisen in unbekannte Landschaften, oder es war, wie bei Walker Evans, Metapher für das Elend der ländlichen Bevölkerung. Das Auto ist Synonym des "American Way of Life" bei Robert Adams. Ed Ruscha widmete den Spuren des US-amerikanischen Autokults ganze Bücher, Robert Frank dokumentierte die Arbeit in der Autoindustrie. 

art - Das Kunstmagazin
Wie Trophäen hängen die Biker-Monturen da an der Wand, die Motorräder selbst werden seziert wie anatomische Präparate: Die Kölner Künstlerin Alexandra Bircken führt so die Verletzlichkeit des Menschen vor Augen

In der zeitgenössischen Fotografie ist es buntes Spielzeug beim Franzosen Alain Fleischer, erotisches Werbemittel bei Juergen Teller, kitschiger Traumtransporter bei Martin Parr oder politisch belastetes Symbol autoritärer Regime wie bei Fernando Gutiérrez. Das Auto hat Vergangenheit. Hat es auch Zukunft? Für die Fotografie scheint es weiterhin unersetzlich zu sein.

Autophoto
400 Fotos und Filmaufnahmen von Jacques-Henri Lartigue, Ed Ruscha, Lee Friedlander oder Jacqueline Hassink analysieren den Einfluss des Automobils auf Gesellschaft und Kunst
Fondation Cartier pour l’art contemporain ,  Paris