Neue Werke von George W. Bush

Der Sündenfall

Während seiner Amtszeit war George W. Bush einer der meistgehassten Politiker der USA. Der Image-Wandel, des für seine peinlichen Auftritte berüchtigten Ex-Präsidenten, gelang ihm ausgerechnet mit der Kunst. In neuen Werken thematisiert er den Irak-Krieg. Kann das gut gehen? Die Qualität der Arbeit sei erstaunlich hoch bezeugen Kritiker. Der Maler Bush verkörpert alles das, was bei einem anderen Präsidenten derzeit schmerzlich vermisst wird.
Der Sündenfall

George W. Bush im Atelier

Es ist schon erstaunlich, wie die Zeit manchmal Wunden heilt. Und wie George W. Bush, einem der meistgehassten Politiker der US-Geschichte, mit Hilfe von Pinsel und Staffelei der Image-Wandel gelang. Dass die Amerikaner berühmt dafür sind, prominenten Sündern eine zweite Chance zu geben hat natürlich geholfen und dass mit Donald Trump nun ein Präsident amtiert, gegen den Bush wie ein intellektueller Waisenknabe wirkt.

Die wundersame Geschichte des Malers George W. Bush begann vor vier Jahren mit einer Hacker-Attacke. Der aus Rumänien stammende Marcel Lehel Lazar, der unter dem Namen Guccifer im Netz aktiv war, hatte sich Zugriff zu den privaten E-Mail-Konten der Bush-Familie verschafft. So wurden Bushs erste Mal-Versuche, darunter ein Bild, das die nackten Beine des Ex-Präsidenten in der Badewanne zeigt, öffentlich. Irgendwie waren diese privaten Momente anrührend. Sie wirkten wie die ernsthaften Versuche eines Menschen, der als die politische Marionette des Strippenziehers Dick Cheney galt, sich selbst kennenzulernen.

Guccifer sitzt inzwischen hinter Gittern, aber Bush malt immer noch und brachte gerade ein Buch mit aktuellen Arbeiten heraus. Es handelt sich um Porträts von Militärangestellten und Veteranen, die dem Land seit dem 11. September 2001 gedient haben – also all die Soldaten, die Bush als Präsident in den Irak-Krieg geschickt hat. Begleitet wird das Buch mit dem Titel "Portraits of Courage" von einer Ausstellung im George W. Bush Presidential Center in Dallas.

Stellt sich Bush seinen Schandtaten?

Der Sündenfall

George W. Bush: "Casara"

Bush malte die Bilder anhand von Fotos. In den meisten Fällen rückte er den Soldaten so nahe wie möglich und konzentriert sich mit kantigen Pinselstrichen auf deren Gesichter, insbesondere die Augen. Es handelt sich um ernsthafte Porträts. Einen Hauptfeldwebel der Air Force, der Teile seines Schädels als Folge eines Bombenangriffs verlor, malte Bush mit seiner Tochter in den Armen. Einen Soldaten, der beide Beine verlor, beim Golfspiel.

Man fragt sich, wie sich der Mensch Bush, der das Leben der Soldaten und den Krieg gegen den Terror zu verantworten hat, gefühlt haben muss, als er die Männer im Rahmen der von ihm gegründeten Veteranen-Stiftung traf und sie ihm ihre Geschichten von posttraumatischen Belastungsstörungen, Alkoholismus, Schädelhirn-Trauma oder den Problemen, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, erzählten. Man könnte wohl Bushs malerische Übungen so deuten, dass sich der Ex-Präsident auf sich allein gestellt in seinem fensterlosen Hobbykeller seinen Schandtaten stellt.

"Ich wollte sicher stellen, dass die letzten Kapitel meines Lebens ausgefüllt sind", hat Bush, der Meister wie Lucian Freud oder Wayne Thiebaud als Vorbilder nennt und sich ganz klar beim kalifornischen Porträtmaler Ray anlehnt, versichert. "Die Malerei würde nicht nur Raum einnehmen, sondern auch den Geist erweitern."

Muss Bush als Maler ernst genommen werden?

Noch 2005 galt der Ex-Präsident als dermaßen uncool, dass die New York Times einen Image-Schaden für Apple befürchtete, weil Bush einen iPod benutzte. Er war immerhin der Mann, der fast an einem Brezel-Snack erstickt ist, von einem Segway-Roller fiel und während seiner Präsidentschaft jede Menge skurrile, peinliche Auftritte hinlegte. Wahrscheinlich ist es genau diese menschliche Seite, die Bush letztlich Punkte einbrachte und im Gegensatz zu der unmenschlichen, unmoralischen Schreckensfigur Trump zu einem Sympathieträger aufsteigen lässt. Ob er deswegen jedoch gleich als Maler ernst genommen werden muss?

Der Sündenfall

George W. Bush: "Portraits of Courage"

2013 nahm Bush Malunterricht und malte zunächst reihenweise Hunde. Dann wechselte er zur Landschaftsmalerei und wählte Motive wie die Familien-Ranch in Texas, dunkle Weiher oder einen Golfplatz, die er in einem naiv-realistischen Stil umsetzte, der durchaus Charme hatte. Es folgten Porträts von seinen früheren Kollegen: Angela Merkel mit schiefen Augen, Wladimir Putin mit verkniffenem Mund, Afghanistans langjähriger Präsident Hamid Karzai oder der Dalai Lama. Schließlich widmete sich Bush den Opfern seiner Politik und den Soldaten, die während des Irak-Feldzuges verwundet wurden.

Da es sich nun mal um einen amerikanischen Ex-Präsidenten handelt, der dem späten Maler Sir Winston Churchill nacheifert (außerdem haben auch die US-Präsidenten Ulysses Grant, Dwight Eisenhower und Jimmy Carter gemalt), fühlte sich vor kurzen sogar der Kritiker des ehrwürdigen New Yorker, Peter Schjeldahl, genötigt, etwas über Bushs Kunst zu schreiben.

"Die Präsidentschaft passte George Bush wie einem Kleinkind Erwachsenen-Kleidung passt", legt Schjeldahl los. Den einzigen Antrieb im Leben, den der Kritiker bei Bush ausmachen konnte, war der, gemocht zu werden. In diese Kategorie würden auch die künstlerischen Anstrengungen fallen. Aber immerhin gab auch Schjeldahl zu, dass die Qualität der Arbeiten für jemanden, der im Rentenalter mit der Malerei anfängt, erstaunlich hoch ist. Der Maler Bush verkörpert all die Eigenschaften, die bei der neuen Belegschaft im Weißen Haus so schmerzlich vermisst werden: Mitgefühl, ein gesundes Interesse an Menschen und Zusammenhängen, der Wille zuzuhören und zu lernen – und zwar in aller Öffentlichkeit.