Porträt Camille Claudel

Mehr als eine Muse

Für die Kunst starb sie bereits 30 Jahre vor ihrem tatsächlichen Tod – Camille Claudel verbrachte fast ihr halbes Leben in einer psychiatrischen Anstalt. Eine außergewöhnliche Frau mit bewegter Biografie, die nicht nur eine der begnadetsten Bildhauerinnen ihrer Zeit war, sondern auch Schülerin und Geliebte ihres wohl bekanntesten Kollegen: Auguste Rodin.
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Camille Claudel im Atelier, im Hintergrund Jessie Lipscomb, ca. 1885

Eine junge Frau kniet nackt auf dem Boden. Flehend streckt sie ihre Hände in Richtung eines alten Mannes, der sich von ihr ab- und einer anderen, vergreisten Frau zuwendet. Um die Skulptur dieser dramatischen Szene zu verstehen, genügt ein Blick in die Biografie der Künstlerin. „L’âge mûr“, Camille Claudels wohl bekanntestes Werk zeigt die Tragödie ihres eigenen Lebens. Sie selbst ist es, die dort verzweifelt um die Liebe eines Mannes kämpft, der seine Lebensgefährtin und spätere Ehefrau nie verlassen wird. Der Mann heißt Auguste Rodin und ist einer der bedeutendsten Bildhauer des vergangenen Jahrhunderts.

Die Geschichte von der Schülerin, die sich in ihren Lehrer verliebt, ist so alt wie die Menschheit. So verfällt 1883 auch die französische Bildhauerin Camille Claudel ihrem Meister Auguste Rodin. Über ein Jahrzehnt lang ist sie ihm Muse, Modell, Assistentin und Geliebte. Ihre Schönheit, ihr wildes Wesen und das herausragende Talent der 19-Jährigen imponieren dem 24 Jahre älteren Künstler. Ihre Beziehung ist geprägt von Leidenschaft, Streitereien und Gefühlsschwankungen. Jahrelang hofft Camille vergeblich auf eine Heirat. Nach einem Schwangerschaftsabbruch entscheidet sie sich 1893 Rodin endgültig zu verlassen. Allerdings wird Camille ihren Mentor nie gänzlich los – sie bleibt immer nur die Schülerin, die zwar von Kritikern gelobt, aber nie ohne Rodin im selben Atemzug erwähnt wird. Auch muss sie sich dem Vorwurf stellen, keine eigenen Ideen umsetzen. Das Leben als freischaffende Künstlerin ist hart – besonders in einer Zeit, in der Frauen für ein Dasein als Mutter, Ehefrau oder Nonne bestimmt sind.

Leidenschaft, Streitereien und Gefühlsschwankungen

Dabei begann ihr Leben so verheißungsvoll: 1864 wird Camille Claudel im beschaulichen Fère-en-Tardenois geboren und entdeckt bereits als Kind ihre Liebe zur Modellage. Sie ist fasziniert von Steinen und Felsen. Mit 12 Jahren beginnt sie ihre ersten Büsten und Figuren aus gesammelter Tonerde zu formen. Ihr Vater erkennt das Talent seiner Tochter und schickt sie nach Paris auf die Académie Colarossi, eine private Kunstschule, an der auch Frauen zugelassen sind. An der staatlichen Académie des Beaux-Arts studieren nur Männer. Es kommt aber vor, dass einige Dozenten die weiblichen Künstlerinnen privat unterrichten.

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Camille Claudel: "L' âge mûr" (Das reife Alter), 1894-99, 60 x 86 x 37 cm

Alfred Boucher, der Camille und ihren Freundinnen regelmäßige Korrekturen gibt, lässt sich 1883 während einer längeren Reise von Auguste Rodin vertreten. Ob Camille und Rodin sofort ein Liebespaar wurden oder erst 1885, als sie Mitarbeiterin in seinem Atelier wurde, ist nicht genau bekannt. Allerdings ist Camilles Einfluss auf Rodins Werk ab 1883 bereits deutlich sichtbar. Bevor sie in sein Leben tritt, drücken seine Werke eine gewisse Strenge aus, zeigen Athleten und biblische Gestalten. Mit Camille erscheint auch das Fleischliche, die Erotik in seinen Plastiken. Es entstehen Werke wie „Das ewige Idol“, „Der ewige Frühling“ oder „Der Kuss“ und zahlreiche Büsten von Camille, wie „Aurora“ oder „Der Gedanke“. Ihr Gesicht taucht in unzähligen seiner Skulpturen auf.

Camilles künstlerischer Einfluss auf Rodin

Camille Claudel hatte mehr künstlerischen Einfluss auf Rodin, als dieser heute vielleicht zugeben würde. Sie war ein Wunderkind mit einem so außergewöhnlichen Talent, das dem Bildhauer mächtig imponierte – und inspirierte. Über ihre direkte Mithilfe an einigen seiner berühmtesten Skulpturen wie „Die Bürger von Calais“ ist bekannt, dass Camille viele Hände und Füße modellierte. Eine große Verantwortung im Hinblick auf die oft bedeutungsgeladene Symbolik dieser Körperteile in Rodins Gesamtwerk.

Bei genauer Betrachtung der Skulpturen des Künstlerpaars sind zweifelsfrei technische Gemeinsamkeiten, aber auch umso deutlichere Unterschiede in der Bildsprache erkennbar. Camille Claudel erzählt mit ihren Plastiken andere Geschichten als Rodin oder sonstige männliche Kollegen. Sie vermag es in ihren Figuren seelische Vorgänge darzustellen, die beim Anblick schmerzen, mitreißen, anrühren. Im Gegensatz zu Rodins „Der Kuss“, der pure Erotik versprüht, drückt Claudels „Die Hingabe“ eine andere Art von Intimität aus: Eine Frau beugt sich zu ihrem Geliebten hinunter, der sie kniend im Arm hält. Sein Gesicht vergräbt er in ihrer Wange, als wolle er sie einatmen, festhalten und nie wieder loslassen. Eines ihrer schönsten Werke ist wohl „Der Walzer“: ein Paar, das gegen die Regeln der Schwerkraft in Selbstvergessenheit tanzt und taumelnd umzufallen droht.

 

Die ewige Schülerin Rodins

Camille wird es jedoch als Künstlerin nie gelingen, sich aus dem Schatten ihres Lehrers zu befreien. Sie gibt Rodin damals die alleinige Schuld an der mangelnden Anerkennung ihres Werks. In einem Brief an den Pariser Kunstkritiker Mathias Morhardt schreibt sie: "Ich möchte Sie bitten, Ihr Möglichstes zu tun, damit mich Monsieur Rodin am Dienstag nicht besucht. Er weiß sehr gut, dass viele böswillige Leute darauf verfallen sind, zu behaupten, er habe meine Skulpturen gemacht, warum also noch alles tun, um diese Verleumdung glaubwürdig erscheinen zu lassen?"

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Camille Claudel: "Die Hingabe", 1905, 62 x 57 x 27 cm

Nach der Beziehung mit Rodin greift Camille vermehrt Themen wie Verlust und Tod in ihren Arbeiten auf. 1893 schafft sie ein Werk, dass heute wie ein verstörender Vorbote ihres eigenen Schicksals wirkt. Es zeigt die römische Göttin Clotho, die den Lebensfaden spinnt. In Camilles Darstellung erstickt diese als ausgemergelte alte Frau an den Fäden der eigenen Existenz, die wie krankhafte Wucherungen aus ihrem Kopf sprießen.

Nach der Trennung von Rodin leidet Camille unter Verfolgungswahn, der sie glauben lässt, ihr ehemaliger Geliebter plane in ihre Wohnung einzufallen, um Ideen zu stehlen. Im Wahn zerstört sie viele ihrer Skulpturen, um die vermeintliche Spionage zu verhindern, vermutet eine Verschwörung und Rodins Absicht, sie zu vergiften. Sie lebt in unzumutbarer Unordnung und Dreck, verarmt und verfällt dem Alkohol.
Nach dem Tod ihres Vaters 1913, mit dem sie auch ihr letzter Unterstützer verlässt, weist die Familie Camille in die psychiatrische Anstalt Ville-Évrard ein, die sie bis zu ihrem Tod 1943 nicht mehr verlassen wird. Oft versucht man, ihr bildhauerisches Arbeitswerkzeug vorzusetzen, das sie jedoch nie anrührt.

"Das Gold, das sie findet, gehört ganz ihr."

Eine sagenumwobene, lückenhafte Biografie, die bis heute ungeklärte Geisteskrankheit und eine tragische Liebesgeschichte – Camille Claudel fehlt es an nichts, um als geheimnisvolle romantische Figur in die Geschichte einzugehen. Vor allem aber ist es wichtig, sie auch künstlerisch als das zu sehen, was sie war: eine begabte Bildhauerin voller Lebenslust und Schaffensdrang. Rodin hatte einmal gesagt: „Ich habe ihr gezeigt, wo sie Gold finden konnte, doch das Gold, das sie findet, gehört ganz ihr.“ Dass der französische Bildhauer Paul Dubois bei der Betrachtung einer von Camilles frühen Plastiken ausrief: "Aber das ist ja ein Rodin!" – und zwar bevor die beiden Künstler einander trafen – zeigt jedoch, dass Camille Claudel auch allein schon genau wusste, wo sie dieses Gold zu suchen hatte.

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Außenansicht Musée Camille Claudel

Musée Camille Claudel

Im März 2017, 64 Jahre nach ihrem Tod, eröffnete das erste „Musée Camille Claudel“ in Nogent-sur-Seine in Nähe von Paris. Es zeigt eine Auswahl von Camille Claudelles Arbeiten und sorgt so für die längst überfällige Ehrung einer Frau, die mehr als die Geliebte eines Bildhauers war.

Musée Camille Claudel
10 Rue Gustave Flaubert
10400 Nogent-sur-Seine (Aube en Champagne)
+33(0) 3 25 24 76 34
Webseite des Museums