Sammlung Pietzsch

Nationalgalerie Berlin



BRENNEN FÜR SURREALISMUS

Eine hervorragende Sammlung surrealistischer Kunst ist in der Neuen Nationalgalerie zu besichtigen – wird sie als Stiftung in den Museumsbesitz übergehen?
// KITO NEDO, BERLIN

"Kunst", so das Sammlerpaar Ulla und Heiner Pietzsch "ist Leidenschaft. Nicht Spekulation." Den Grundstein ihrer Sammlung legten die Pietzschs 1964 mit einem Aquarell des Thüringer Malers Gerhard Altenbourg, schnell kamen Werke von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Günther Uecker hinzu. Doch erst eine zufällige Begegnung mit Max Ernst im Sprengel-Museum Hannover 1972 gab den sammlerischen Bemühungen der in Berlin-Grunewald ansässigen Kunstliebhaber Struktur und Ziel.

Seither brennen die Pietzschs leidenschaftlich für den Surrealismus der zwanziger und dreißiger Jahre, der Zeit zwischen den großen Kriegen, als die Protagonisten der Klassischen Moderne um den Dichter André Breton in Paris damit begannen, in die Abgründe ihrer Seelen zu schauen. Aus heutiger Sicht darf das frühe Erwachen des Interesses in Berlin als unerhörter Glücksfall gelten: Noch bevor die Preise auf dem Kunstmarkt explodierten, gelang der Ankauf wichtiger Werke von Ernst, René Magritte oder Joan Miró. Die stete Hinzu-gewinnung der Kunst von Balthus, Hans Bellmer, Salvador Dalí, Paul Delvaux, André Masson und Yves Tanguy bekräftigt den anspruchsvollen Charakter der Sammlung, die jedoch nie ihre private Motivation, die persönlichen Vorlieben der Sammler verhehlte.

Das zeigt etwa ein zweiter Fokus auf frühe Papierarbeiten des amerikanischen abstrakten Expressionismus oder der Erwerb eines Bildes von Neo Rauch auf dem letzten Berliner Art-Forum. Doch zu jenen Sammlerfiguren, die sich in den letzten Jahren mit Privatmuseen oder spektakulären Museumsdeals in die Öffentlichkeit drängelten, gehörten die Pietzschs nie. Deshalb darf Berlin nun staunen, wenn rund 150 Werke aus der Sammlungin der Neuen Nationalgalerie gezeigt werden.

Der Druck auf allen Seiten erhöht sich

Dem Haus ist der 1930 in Dresden geborene Pietzsch, der Mitte der fünfziger Jahre von Ost- nach Westberlin übersiedelte und sich dort eine Existenz als Kunststoffhändler und Investor aufbaute, eng verbunden. 1977 gehörte er zum Gründerkreis des "Vereins der Freunde der Nationalgalerie" und wirkte lange Jahre als dessen Schatzmeister und Kuratoriumsmitglied. Dass Heiner Pietzsch einer Museumsstiftung durchaus nicht abgeneigt ist, verleiht dem Unternehmen zusätzliche Brisanz und dem Ausstellungstitel "Bilderträume" einen schönen Doppelsinn. Denn Michael Eissenhauer, der neue Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, und Udo Kittelmann, Chef der Nationalgalerie, spekulieren auf die Übernahme der Bestände, müssen jedoch ihre Leidenschaft für die Sammlung Pietzsch unter Beweis stellen.

Doch ob die Nationalgalerie der beste Ort ist? Der Sammler pocht auf den Zugang der Öffentlichkeit. "Stiftungen, die in die Magazine der Museen wandern, halte ich für nicht sinnvoll." Ob Berlins Bilderträume über den November hinaus Wirklichkeit werden? Mit der publikumswirksamen Ausstellung erhöht sich der Druck auf allen Seiten. Der Verlust dieser Sammlung für Berlin wäre ein kulturpolitisches Desaster.

"Bilderträume. Die Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch"

Termin: 19. Juli bis 22. November, Neue Nationalgalerie, Berlin

http://www.neue-nationalgalerie.de

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1 Leserkommentar vorhanden

peter

19:44

21 / 06 / 09 // 

1a

super

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