Neuer Film über das Street-Art-Phantom

Banksy ins Museum?

Street Art ist vergänglich. Was aber, wenn man einen echten Banksy retten und anschließend einem Museum schenken will? Der Film "Saving Banksy" begleitet die verzweifelten Versuche des Kunstsammlers Brian Greif etwas Gutes zu tun und taucht dabei tief ein in die schmuddelige Welt des Kunst-Business.
Banksy ins Museum?

Banksys "Haight Street Rat" sucht ein Museum

"I don’t care about posterity." – Was schert mich die Nachwelt, erklärt der Meister und bedient sich dabei eines Stimmverzerrers. Richtig, es geht um Banksy, das ultimative Ektoplasma der Kunstwelt. Gelassen spricht er diese Worte aus, in einem seiner raren Interviews. Hier resümiert er, etwas enttäuscht, seinen düster gemeinten, aber trotzdem leider irgendwie unterhaltsamen Vergnügungspark "Dismaland" 2015 im englischen Weston-super-Mare.

Eigentlich überflüssig zu sagen: zu sehen ist er dabei nicht. Überhaupt müssen sämtliche Filme über ihn ohne sichtbaren Hauptdarsteller auskommen. Wie das geht, hat der Meister 2010 mit seiner Mockumentary "Exit through the Gift Shop" selbst demonstriert. Nun legte der Regisseur Colin M. Day nach und erhebt gar nicht erst den Anspruch, dem britischen Phantomas irgendwie auf die Spur zu kommen

Eins vorab: "Saving Banksy" hatte ein völlig anderer Film werden sollen, wie Day unlängst zur Europapremiere seines Streifens in Dresden zugab. Der Filmemacher taucht schon seit Jahren in den nächtlichen Untiefen der Street Art nach seinen Themen. In diesem Falle trieb ihn das Schicksal von sechs Banksy-Interventionen um, die dieser 2010 in San Francisco ausgeführt hatte. "Es sollte die Geschichte eines Sammlers werden, der eines dieser Werke konservieren und einem Museum schenken will. Es ist aber etwas viel Spannenderes daraus geworden, nämlich eine Geschichte über Vermarktung und Gier, eine Geschichte über den Schwarzmarkt des Kunsthandels, von dem ich gar nicht wusste, dass er existiert." erklärt Day.

Banksy ins Museum?

Banksy "Peaceful Hearts Doctor" tauchte 2010 in San Francisco auf, wurde aber mittlerweile zerstört

Man könnte erwidern, dass das entfesselte Profitstreben auf dem Kunstmarkt nicht wirklich eine Überraschung darstellt. Wie auch immer, dem fast siebzigminütigen Film gelingt nicht nur die Demaskierung des zweifellos schmuddeligen Geschäfts, sondern er führt auch den markanten Zwiespalt auf, in dem sich die Street-Art-Aktivisten selbst befinden. Denn so respektabel deren Ehrencodex auch sein mag: Es ist schon betrüblich, wenn aufwändige und riskant produzierte Kompositionen bereits ein paar Tage später wieder übermalt und vergessen sind.

Street Art ist Vergänglich

Was bleibt, sind oft nur ein paar Fotos und Berichte über Gefängnisstrafen, gelegentliche Schüsse und abenteuerliche Fluchten. Colin Day führt den Zuschauer mithilfe einer Reihe von in die Jahre gekommenen Aktivisten in diese Materie ein. Sie tragen Namen wie Lister, Risk, Shoe oder Doze Green. Die meisten von ihnen arbeiten mittlerweile sozusagen zweigleisig, indem sie galerietaugliche Flachware herstellen oder T-Shirts gestalten. Alle jedoch eint die fast romantische Verklärung des Adrenalins aus der Spraydose und das damit verbundene rebellische Lebensgefühl.

Banksy ins Museum?

Ben Eine, Künstlerkollege, Freund und Mitarbeiter von Banksy

Auch der Franzose Blek le Rat, Jahrgang 1952, kommt zu Wort. Er ist nicht nur Banksys erklärtes Vorbild, sondern auch Ideengeber für das Motiv der subversiven Ratte, die der Brite unterdessen als sein Markenzeichen adoptiert hat. Blek le Rat ist ein Kind der Pariser Protestkultur um 1970, heute sprüht er seine Schablonengraffitis unter einer Atemschutzmaske. Spätestens seit 2012 in Leipzig seine Arbeit "Madonna mit Kind" von 1991 wiederentdeckt, konserviert und unter Schutz gestellt wurde, reflektiert er über den fast schizoiden Widerspruch zwischen dem prekären, vergänglichen Charakter der Street Art und einer gewissen legitimen Sehnsucht nach Dauer.

Ähnlich nachdenklich reagiert auch Ben Eine, Künstlerkollege, Freund und Mitarbeiter von Banksy. 2007 realisierten sie zusammen Murals auf der Sperrmauer zwischen Israel und Palästina. Näher als bis zu Ben Eine kann man dem Kunst-Irrwisch wohl kaum kommen.

Mieser Ausblick, politische Kunst
Israel hat die Mauer zum Westjordanland gebaut, um sich vor palästinensischen Attentätern zu schützen. Nun eröffnet der Künstler Banksy ein Hotel direkt an der Sperranlage in Bethlehem
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Banksy: "This’ll look nice when it’s framed", 2010

Nach diesem Prolog führt der Film nach San Francisco im April 2010, wo Banksy ähnlich wie 2013 in New York, über einen längeren Zeitraum zwischen Mission District und Chinatown, zwischen Fishermen’s Wharf und North Beach seine unkalkulierbaren Manifestationen über Nacht aufblitzen ließ. Immer mit dabei: die Ratte. Während sich das Publikum freute, fürchteten sich die Hausbesitzer, denn per Gesetz sind sie verpflichtet, derlei Kunstwerke auf eigene Kosten zu beseitigen. Kein Wunder, dass die meisten Interventionen schon nach kurzer Zeit wieder verschwunden waren.

Eines der Motive wirkte wie eine ironische, prophetische Vorwegnahme der Aktion "Saving Banksy“. Neben einem Kind mit Farbtopf und Pinsel erschien der typisch gekritzelte Schriftzug: "This’ll look nice when it’s framed"-"Das wird hübsch aussehen, wenn man es einrahmt." Jetzt kommt der amerikanische Kunstsammler Brian Greif in Spiel, der dieses Menetekel wohl als Handlungsanweisung begreift. Nicht dieses, aber wenigstens eines der Gemälde will er retten und einem Museum schenken. Das wirkt anfangs ein bisschen naiv und kontraproduktiv, wenn man die generelle Philosophie der Vergänglichkeit von Street Art betrachtet. Aber irgendwie findet man Greif und seine Mühen zusehends sympathisch.

Banksy in Bethlehem
Dieses Jahr pilgern Kunstliebhaber nach Bethlehem. Der Grund: Street Artist Banksy und seine Freunde haben die Ausstellung "Santa's Ghetto" organisiert

Für Greif kommt unterdessen nur noch eine Arbeit in Frage. Sie erstreckt sich in dem musealisierten einstigen Hippiequartier Haight/Ashbury über zwei direkt gegenüberliegende Giebelwände. "This is where I draw the line" - "Hier ziehe ich eine Linie" scheint eine Ratte im Revoluzzer-Outfit zu verkünden und lässt ihre Spraydose sinken. Sie ist Mitglied der weltweit operierenden Nagerarmee unter Banksys Oberkommando. Diese Vorliebe, so Ben Eine, rührt daher, dass die Tierchen ein bisschen räudig, lustig, garstig und vor allem so schwer zu fassen sind wie Street Art Künstler selbst. Und Banksy seinerseits erläutert das Phänomen bündig in einer Zitateneinblendung: "Wenn du dreckig bist, unbedeutend und ungeliebt, dann ist die Ratte dein ultimatives Rollenmodell."

Banksy
Alle Bilder und Artikel zu Banksy, dem berühmtesten Streetart-Phantom der Welt

Wir begleiten Brian Greif weiter auf seiner Mission der Rattenrettung. Dass diese grotesken Prozeduren überhaupt dokumentiert werden konnten, ist der größte Glücksfall für die Filmerzählung. Wir erfahren: Die Besitzerin ist betagt, das Haus ihr ganzer Stolz und das Gemälde auf der Holzverkleidung ein Ärgernis. Sie will das Bild übermalen lassen. Im Mai 2010 beginnen monatelange Verhandlungen, inzwischen wittert der aktuelle Mieter des Hauses Profit, will selbst die Säge anlegen und das Motiv im Internet versteigern. Greif interveniert, während die Stadtverwaltung ein Ultimatum von dreißig Tagen setzt. Ein Drama. Gleichzeitig steigen die Kosten für das Unterfangen. Erst im Oktober nehmen Experten die Situation in Augenschein. Da meldet sich der Nachbar und verlangt stolze 5000 Dollar, damit die Handwerker ihr Gerüst an seinem Gebäude aufbauen können – er hat zwischenzeitlich herausgefunden, wer dieser Banksy eigentlich ist. Als endlich die Einigung mit allen Beteiligten erzielt ist, überrascht die Eigentümerin mit einer finalen Klausel: Greif hat an einer zweistündigen Diskussion über den Weltfrieden teilzunehmen, bevor er endlich zur Tat schreiten kann. Aber das ist die geringste Hürde.

Banksy enttarnt?
Eigentlich dient "Geographic Profiling" der Suche nach Kriminellen. Londoner Wissenschaftler haben sich mit der Methode jetzt auf die Suche nach dem wohl berühmtesten Kunst-Phantom der Gegenwart gemacht

Im Dezember können endlich die Fachleute anrücken, die Kosten belaufen sich mittlerweile auf knapp 33 000 Dollar. Die Ratte blickt äußerst verwundert. Hundert Jahre alte Farbschichten auf den Rotholzpanelen stellen ein Problem dar, Segment für Segment muss einzeln abgenommen werden. Chirurgie am offenen Herzen, mitten in Hashbury. Zum Schluss werden die Verbände angelegt. Die Bretter werden mit Bettlaken, Handtüchern und Gafferband umwickelt und in Greifs begehbaren Kleiderschrank verbracht. So wie die Maßnahme publik wird, erreichen den Sammler Offerten von Kunsthändlern, bis zu 200 000 Dollar werden geboten. Doch Greif reagiert nicht darauf, er will die Kampfratte nicht verkaufen. Er will sie nur einem Museum schenken und damit der Öffentlichkeit zurückgeben.

33 000 Dollar Bergungskosten

Doch das San Francisco MoMA lässt ihn abblitzen, unter anderem weil das Werk nicht schriftlich von Banksy authorisiert sei und überhaupt, es sei mitnichten Aufgabe einer solchen Institution, etwas gegen den Willen eines Künstlers zu bewahren. Dass jener selbst die Werke penibel auf seiner Webseite listet, spielt da keine Rolle. Das exemplarische Dilemma ist allen Beteiligten durchaus bewusst. Künstler Risk beklagt den mangelnden Kunstverstand der Fachleute; die wären einfach nicht in der Lage, Qualitätsunterschiede zu erkennen zwischen den Schöpfungen eines Profis, der schon zwanzig Jahre die Fassaden unsicher macht, und denen von Kids mit der Spraydose als Lifestyleaccessoire. Dafür sei diese Kunstform einfach noch zu jung. Doch sollen die Bretter deswegen in einem Kleiderschrank überdauern?

Banksy ins Museum?

Kunstsammler Brian Greif bekam für Haight Street Rat am Ende 700 000 US-Dollar geboten.

Einer, der sich über sämtliche derartige Befindlichkeiten hinwegsetzt, ist der deutsche Kunsthändler Stephan Keszler. Im Film verkörpert er passend den Advocatus Diaboli, und zwar in einer Klischeehaftigkeit, die von einer Fiktion kaum übertroffen werden könnte. "In der Street Art-Szene gilt er als Ganove, als Schurke. Doch selbst sieht er sich als Banksys größten Fan.“ erläutert Ben Eine. Keszler dealt mit abmontierten und natürlich nicht authentifizierten Banksy-Werken. Er erzielt hohe Profite damit und ist sofort bereit, Brian Greif eine stattliche Summe zu zahlen. Und wie es sich für einen Bösewicht gehört, inszeniert sich Keszler in einer fast autoritären Selbstgefälligkeit als Retter der, sonst dem Untergang geweihten, Wandgemälde: "Wenn Banksy ehrlich zu sich selber ist, manchmal, wenn er zu Bett geht und sich nicht um seine Außenwirkung kümmert, dann ist er uns dankbar, dass wir das für ihn tun."

Von der Straße zur Art Basel

Im Dezember 2012 gestattet Greif dem Galeristen, das Nagetier in einer Sonderpräsentation auf der Art Basel Miami zu zeigen. Er hofft, so ein Museum zu finden, das an seiner Schenkung interessiert ist, nicht zuletzt weil ihm Keszler diese Möglichkeit in Aussicht stellt. In Miami wird das Bretterpuzzle von der Haight Street an einer weißen Wand wieder zusammengesetzt und mit roten Kordeln vor dem illustren Publikum geschützt. Die Ratte blickt irritiert nach rechts. Unweit davon stellt sich Keszler direkt vor die berühmte Szene der sich küssenden Polizisten, 2005 im britischen Brighton gemalt, und erklärt beflissen und ernsthaft, dass hier zwei, sich küssende Polizisten zu sehen seien, "eine sehr lustige Art, Protest gegen das Establishment zu zeigen." Diese Art Situationskomik hätte nur noch Billy Wilder übertreffen können.

Das derart vorgeführte Establishment seinerseits flaniert mit Cocktails auf und ab, unter anderem vor zwei bemalten Fragmenten einer Betonmauer aus Palästina, wie Keszler emotionslos erklärt. Der nasse, sich schüttelnde Straßenköter "Wet Dog“ ist eines der berührendsten und poetischsten Bilder, mit denen Banksy 2007 den Nahostkonflikt vor Ort kommentierte. Spätestens als der Kunsthändler dann auch noch die Einschusslöcher in den Mauerelementen zeigt, ist die Komödie vorbei. Als Betrachter möchte man sich ebenso schütteln wie der Hund. Nicht weniger unerträglich wirkt die Sequenz, in der Keszler Greif vor laufender Kamera eine Viertelmillion Dollar offeriert. Zwei Wochen später bietet er eine halbe Million und als Greif erneut ablehnt, kündigt ihm Keszler per E-Mail die Freundschaft, sprich: seine vermeintliche Unterstützung. Der Lichtblick: Mittlerweile hat sich Greif den Respekt der zunächst skeptischen Street Art Community verschafft: "Wer so was ablehnt, will sicher kein schnelles Geld damit machen.“ (Risk) und  "Jemand sichert das Werk, lehnt eine halbe Million Dollar dafür ab und will es einem Museum schenken: Das ist die Schönheit der Street Art.“ (Ben Eine)

Banksy ins Museum?

Eines der bekanntesten Motive von Banksy "Kissing Coppers" entstand 2005 in Brighton, später wurde es für 575 000 Dollar von einem Kunsthändler verkauft.

Im Nachgang von Keszlers angeblich nichtkommerzieller Banksy-Parade in Miami werden die beiden Polizisten für 575 000 Dollar verkauft, das berühmte Bild eines arbeitenden Kindes, "Slave Labour" (2012, London-Wood Green) bringt auf einer Auktion 1,2 Millionen Dollar. Greif lässt mittlerweile "seinen" Banksy auf eigene Kosten restaurieren und schafft es damit auf die Titelseiten der Westküsten-Magazine. Die privaten Angebote erhöhen sich auf 700 000 Dollar. 2014 sucht der Enthusiast immer noch einen würdigen Standort. Im Abspann erfährt man, dass er die "Haight Street Rat" seitdem auf US-Tour schickt, mit der Maßgabe, dass sie öffentlich und kostenfreigezeigt wird.

Zum Glück maßt sich "Saving Banksy" kein Urteil an, was nun richtig und was falsch sei. Auch Brian Greif hat viel gelernt in den Jahren seines Engagements und viele widersprüchliche Meinungen gehört. Vorsichtig resümiert er: "Vielleicht müssen wir neu über diese Auffassung von einer temporären Kunstform nachdenken." Denn schließlich sei ja fast alles, was diese wichtige Bewegung je hervorgebracht hat, komplett verschwunden. Was nun die Moral von der Geschichte sei, fragt sich Banksy-Intimus Ben Eine abschließend. „"Wenn es eine gibt, dann die, dass die Guten gesiegt haben, das Werk ist geschützt und sicher landet es irgendwann in einem Museum und nicht in einer Villa in den Hamptons. In fünfzig Jahren sind alle dafür dankbar." Umso schöner wenn sich der Urheber dabei gar nicht um seinen Nachruhm schert ...

"Saving Banksy"

Der Film "Saving Banksy" von Regisseur Colin M. Day wird im Rahmen des Street-Art-Festivals "Magic City" in München aufgeführt.

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