Bauhaus

Dossier



DAS WILDE BAUHAUS
Vor 90 Jahren wurde die bedeutendste Kunstschule des 20. Jahrhunderts gegründet: das Bauhaus. Hier wurden nicht nur in Architektur und Design neue, bis heute gültige Maßstäbe gesetzt. Auch das Leben sollte in Weimar und Dessau mit Festen, spirituellen Zirkeln und Liebschaften reformiert werden. Ein großes Jubiläums-Dossier.
// BARBARA HEIN

Gründungsdirektor Walter Gropius verankerte als oberstes Ziel die "Wiedervereinigung aller werkkünstlerischen Disziplinen – Bildhauerei, Malerei, Kunstgewerbe und Handwerk – zu einer neuen Baukunst". Die neuen Lehrmethoden umfassten "Vermeidung alles Starren", "Freiheit der Individualität", "Mitarbeit der Studierenden an den Arbeiten der Meister", "Fühlung mit dem öffentlichen Leben" und die "Pflege freundschaftlichen Verkehrs zwischen Meistern und Studierenden außerhalb der Arbeit; dabei Theater, Vorträge, Dichtkunst, Musik, Kostümfeste".

Angestrebt war eine ganzheitliche Bildung der Studenten, die ausdrücklich das Privatleben einbezog – ein Gedanke, dessen Wurzel der Wunsch war nach Wiedervereinigung aller gestalterischer Disziplinen im Sinne mittelalterlicher Bauhütten sowie von serieller Produktion und individuellem Schöpfungsakt.

Es gelang Gropius, Avantgardisten und Freidenker wie Lyonel Feininger, Johannes Itten, Paul Klee, Oskar Schlemmer, Georg Muche oder Wassily Kandinsky für sein revolutionäres Lehrkonzept zu gewinnen. Vor der Spezialisierung wurden die Studenten im erst ein-, später zweisemestrigen "Vorkurs" mit Materialeigenschaften und Prinzipien der Produktgestaltung vertraut gemacht. In den nächsten sechs Semestern – dem eigentlichen Studium – wurde ein Handwerk erlernt. Das fand nicht in Professorenklassen statt, sondern in Werkstätten für Ton, Stein, Holz, Metall, Gewebe, Farbe und Glas, wo die Lehrer "Meister" hießen und die Schüler "Lehrlinge".

Die Bauhäusler begriffen sich als Avantgarde – und gebärdeten sich auch so: "Am Anfang ließ man sich erst einmal gehen", erinnerte sich Tut Schlemmer, die als Frau von Bauhausmeister Oskar Schlemmer rund acht Jahre lang das Bauhaus erlebte. "Die Haare lang bei den Jungen, die Röcke kurz bei den Mädchen. Man ging ohne Kragen und Strümpfe, was damals schockierte." In der Tat führte die enge Verquickung von Leben und Lehre zu 71 Bauhaus-Ehen. Gelegenheiten, um sich näher zu kommen, gab es viele. Regelmäßige gemeinsame Feste, Laternenumzüge, Maskenbälle, Ausflüge oder Sportkurse gehörten zum Grundprogramm. Diese Tradition wurde nie vernachlässigt – weder nach dem Umzug von Weimar nach Dessau 1925 noch unter dem neuen Direktor, dem Architekten Hannes Meyer, der 1928 Nachfolger von Walter Gropius wurde.

"Volksbedarf statt Luxusbedarf"

Anders als in Weimar wirkte in Dessau jedoch schon das von Gropius entworfene Schulgebäude als Monument einer neuen Zeit und Lebensart. Überhaupt ließ das Bauhaus mit dem Umzug den expressionistischen, esoterischen, individualistischen Ballast zurück. Der bereits unter Gropius neu eingeschlagene Kurs der Prototypen-Entwicklung für die Wirtschaft rückte noch weiter in den Mittelpunkt. Der Marxist Hannes Meyer gab die Parole aus: "Volksbedarf statt Luxusbedarf". Im Gegensatz zu Gropius, der Bauaufträge von seinem eigenen Büro realisieren ließ, beteiligte er die Studenten an allen Schritten vom Entwurf bis zur Realisierung, wie zum Beispiel beim Bau der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds in Bernau bei Berlin zwischen 1928 und 1930.

Einigen Meistern missfiel die Politisierung von Direktor und Studenten. Meyer wurde von der Stadtregierung Dessau 1930 entlassen, seine Nachfolge trat Ludwig Mies van der Rohe an. Doch auch der neue Direktor konnte die Schließung durch die Nationalsozialisten nicht verhindern. Am 20. Juli 1933 beschloss eine Konferenz der Lehrkräfte, die Schule unter den von der Gestapo gestellten Bedingungen – zum Beispiel die sofortige Entlassung von Lehrkräften wie Wassily Kandinsky – nicht weiterzuführen, sondern aufzulösen.

Gerade aber durch die Vertreibung vieler Lehrer und Schüler ins Exil verbreitete sich der Bauhaus-Gedanke über die ganze Welt. Vor allem in den USA wurden die Ideen der Bauhäusler begierig aufgenommen.

Stark gekürzte Fassung: Lesen Sie den gesamten Artikel über das Bauhaus in der aktuellen art-Ausgabe 7/2009.

Ausstellungen zum Bauhaus-Jahr

Das Berliner Bauhaus-Archiv, die Stiftung Bauhaus Dessau und die Klassik-Stiftung Weimar schließen sich in der großen Jubiläumsausstellung "Modell Bauhaus" im Berliner Martin-Gropius-Bau zusammen: 22. Juli bis 4. Oktober / "Das Bauhaus kommt aus Weimar": bis 5. Juli, verschiedene Museen und Institutionen in Weimar / Die sanierte Bauhaus-Schule in Dessau ist zu besichtigen und zeigt außerdem die Ausstellung "Bauhaus in Aktion": bis 4. Oktober.

http://www.modell-bauhaus.de

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