Camille Pissarro

Der treueste Impressionist

Vielleicht war Camille Pissarro wirklich »der Erste der Impressionisten«, wie das Pariser Marmottan derzeit in einer großen Ausstellung behauptet. Dass er trotzdem nicht zur Legende wurde, hatte andere Gründe.
Der treueste Impressionist

Camille Pissarro: "Le Louvre, soleil d’hiver, matin, première série", 1900, Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Privatsammlung

War Camille Pissarro wirklich "der Erste der Impressionisten", so der mehrdeutige Titel einer großen Pariser Retrospektive im Marmottan Museum, der ersten seit mehreren Jahrzehnten? Immer blieb er im Schatten seines Zeitgenossen Édouard Manet, der als Wegbereiter der Moderne gefeiert wurde, während Pissarro schuftete, um seine Familie durchzubringen. Oder er wurde Zeuge des Erfolges seines lebenslangen Freundes Claude Monet, mit dem er 1873 in Paris jene Künstlergruppe gründete, die in die Bewegung des des Impressionismus münden sollte. War Piassarro also nicht nur der erste, sondern auch der letzte der Impressionisten? Zumindest der treueste. 

Als einziger Künstler dieser Bewegung nahm er an allen acht Ausstellungen der Gruppe teil, bis 1886, und schlug sich anschließend sogar ein paar Jahre lang auf die Seite der Neo-Impressionisten um Seurat und Signac, deren pointillistischer Malstil Licht in Pixel zerlegte. Pissarro malte fast acht Jahre lang in Pinseltupfern, ehe er sich nach viel Kritik und negativen Reaktionen auf seine alten Tugenden besann und von Seurat und Co distanzierte. Und auf Anhieb wieder besser verkaufte. Welche Rolle spielte also Pissarro im Impressionismus? Und warum wurde er nicht zur Legende? 

Warum wurde Pissarro nicht zur Legende?

Pissarro war per Pass Däne, ein Humanist und Weltenbürger, der mit Frankreichs Patriotismus nicht viel im Sinn hatte. Er verachtete das Bürgertum, bekannte sich zum Atheismus und scheute sich nicht, immer wieder Publikationen der Anarchisten zu bebildern. Selbst mit seinem Vater brach er, als er sich gegen Willen der Eltern mit deren burgundischem Dienstmädchen Julie verlobte. 1830 auf der kleinen Antilleninsel Saint Thomas in den damals dänischen Antillen geboren, Sohn eines französischen Geschäftsmannes und einer Einheimischen, wurde er zwar nach Frankreich auf die höhere Schule geschickte, kehrte aber anschliessend zurück auf die Antillen. Und siedelte erst 1855 endgültig nach Paris um. Um sich später, beim Ausbruch von Frankreichs Krieg gegen Preussen 1870, schnellstens nach London abzusetzen, wohin es ihn immer wieder zog.

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Als in der Ferne geborener Fremdkörper, der vor seinem Umzug nach Europa zwei Jahre malend in Venezuela verbracht hatte und sich im späteren Leben immer wieder in die Natur zurückzog, um fern vom Kunstbetrieb unter freiem Himmel zu malen, hatte Pissarro, der Mann mit dem Rauschebart, auch keine prominenten Lehrer oder Fürsprecher, die ihm den Beginn der Karriere erleichtert hätten. Das Zeichnen etwa brachte er sich selbst bei. Hinzu kam seine Art, gern die gleichen Motive wieder und wieder zu malen, ohne einen auf den ersten Blick sichtbaren Sprung nach vorn zu wagen. Im Gegensatz zum ebenfalls seriell arbeitenden Claude Monet, der Heuhaufen im Dutzend malen konnte, die trotz der immer gleichen Perspektive sofort in ihrer Individualität erkennbar blieben.

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Heute würde man sagen: Pissarro war vor allem ein "Painters' painter". Ein Maler, der seine Kollegen beeindruckte und beeinflusste, lange bevor er von Handel und Publikum entdeckt wurde. Als erster und einziger verteidigte er früh einen anderen Aussenseiter, Paul Cézanne. Der später von ihm sagen sollte, der von akademischen Zwängen freie Pissarro habe "das Glück gehabt, auf den Antillen geboren zu sein und das Zeichnen ohne Lehrer gelernt zu haben." Auch verdammte er lange, bevor die Impressionisten das forderten, seine Farbpalette von Schwarz oder Mischfarben mit Braunzusatz. So ist in der Pariser Ausstellung eine seltene Leihgabe aus Caracas zu sehen, "Marktszene auf der Plaza Mayor", gemalt Anfang der 50er Jahre, die mit ihrem hellblauem Himmel und einem leuchtend roten Poncho schon auf einen revolutionären Umgang mit Farbe und Licht hindeutet.

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Es lohnt sich, im kleinen Pariser Marmottan Museum, einst Stadtsitz eines hohen Adligen, die Ausstellungsräume Pissarros kurz zu verlassen, um im Untergeschoss die ständige Monet-Hängung anzuschauen. Dort hängt das legendäre, der Bewegung ihren Namen gebende Bild "Impression, soleil levant". Eine solch revolutionäre Ikone hat Pissarro nie gemalt, er war eher Handwerker denn Bilderstürmer. Ein Mann der kleinen, aber wichtigen Schritte, der Licht einfangen konnte, es aber nie in Richtung Abstraktion zu zerlegen wagte.

Nach der Umsiedelung nach Paris gab er sich als Schüler des berühmten Landschaftsmalers Camille Corot aus, in dessen Atelier er mehrfach war, ohne jedoch jemals wirklich als Schüler bei ihm gelernt zu haben. Corot hatte - wie die Maler der Ecole de Barbizon - das Malen unter freiem Himmel lanciert, ohne dem Motiv untreu zu bleiben. Immerhin half der Namen des angeblich Lehrers dem jungen Pissarro, zumindest im "Salon des Réfusées (der Abgelehnten)" unterzukommen, wo er seine lichtdurchfluteten Landschaften mit vielen reichen Grüntönen zeigte, die schon damals mit Corot nicht mehr viel zu tun hatten. Pissarro war kein Realist, wagte aber nicht, sich von der realistischen Naturdarstellung zu lösen. Ein gutes Beispiel dafür sind seine Heuhaufen-Bilder, wenn man sie mit Monets Serie vergleicht. Anders in seinen Schneelandschaften, in denen vor der Stärke des hellen Lichts das Motiv zurücktritt, beispielsweise den verschiedenen Varianten der Strasse nach Versailles in Louveciennes. Alle haben sie eine ähnliche Perspektive, aber in immer wechselnden Tages- und Lichtstimmungen.

Pissarro löste sich nur vorsichtig von Konventionen

Erst in seinen späten Stadtlandschaften befreite sich Pissarro von dieser sehr konventionellen Treue zum Motiv, beispielsweise in dem berühmten "La Place du Théâtre-Francais et l'avenue de l'Opéra" von 1898, das aus Mineeapolis nach Paris gereist ist. Oder dem morgendlichen Blick auf den Louvre in der winterlichen Morgensonne "Le Louvre, soleil d'hiver, matin, première série", wo Weisshöhungen die Fassade des Louvre und Baumalleen auflösen helfen. Eine Technik, die Monet schon zwanzig Jahre vorhern angewandt hatte.

Pissarro war ein Maler, der erst lange auf den kommerziellen Erfolg warten musste. Er wurde die finanziellen Schwierigkeiten nie los, bis zu seinem Tode 1903, im Alter von 73 Jahren. Erst 1871, nach dem Preussen-Krieg, hatte er Durand Ruel kennen gelernt, der ihn auf dem damaligen Pariser Kunstmarkt positionierte. Vorher, noch bis 1868, brauchte er zum Überleben neben unregelmässigen Verkäufen eine Leibrente von der Mutter. Er liess sich schliesslich in der Nachbarschaft von Claude Monet nieder, in Eragny, wie Giverny im Tal des Flüsschens Epte gelegen. Das war im Frühjahr 1884, als seine Frau das letzte von insgesamt acht gemeinsamen Kindern erwartete. Auf Bitten von Pissarros Frau und ohne sein Wissen ermöglichte Monet später den Kauf des gemieteten Hauses, dank eines Darlehens von 15.000 Francs.

Zwei seiner Söhne wurden ebenfalls Maler, einer, Lucien, zog nach London. Pissarro besuchte ihn dort mehrere Male, malte aber auch in Paris - wo er sich der Kunstszene näher fühlte als in Eragny. Dort lebten Frau und Kinder, und auch er kehrte immer wieder dorthin zurück. Seine Eragny-Bilder stehen im Mittelpunkt einer zweiten Pariser Ausstellung, im Musée du Luxembourg. Sehr viel kleiner als die des Musée Marmottan, konzentriert sie sich ganz auf Pissarros Gärten und Felder um Eragny herum. Und reduziert so unfreiwillig wieder die Bedeutung Pissarros, weil sie sich ganz auf konventionelle, unspektakuläre Landschaften beschränkt. Also auf den Handwerker Pissarro, wie er sich selbst 1896 im "Selbstporträt mit Palette" malte, das aus Dallas nach Paris ins Marmottan gereist ist. Ein bescheidener, sehr ernsthafter älterer Herr, der mit viel Mühe zwei Dutzend gute Bilder pro Jahr malte - aber keine einzige Ikone. 

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60 Meisterwerke des auf den Antillen geborenen und zu den produktivsten Impressionisten zählenden Künstlers (1830–1903), dem die erste Impressionisten-Ausstellung 1874 in Paris zu verdanken ist
Musée Marmottan Monet ,  Paris
Pissarro in Éragny
Camille Pissarro (1830–1903) verbrachte rund 20 Jahre auf seiner Farm im Nordwesten von Paris. Die Schau beleuchtet die letzten Jahre des impressionistischen Malers
Musée du Luxembourg ,  Paris