Alchemie in Berlin

Golden schimmert der Urin

Spätestens seit der Harry Potter-Manie ist die Suche nach dem Stein der Weisen wieder in aller Munde. Aber was verbindet die Kunst mit der alten Geheimwissenschaft der Alchemie?

Für eine alte Geheimwissenschaft ist die Alchemie im Moment sehr populär. Aber obwohl die Alchemisten als die historischen Vorläufer der heutigen Chemiker und Pharmazeuten gelten dürften, sind es vor allem die Künstler, Kuratoren und Literaten, die sich gegenwärtig auf die Alchemie beziehen. 

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Seit die britische Bestsellerautorin Joanne K. Rowling Ende der Neunziger mit ihren Büchern eine weltweite Potter-Mania entfachte, ist die Erzählung von der Suche nach dem Stein der Weisen in mystischen Kellergewölben nahezu selbst zum popkulturellen Narrativ mutiert. Für ein Institut wie die staatlichen museen zu berlin mit seinen umfassenden kunst- und kulturhistorischen Sammlungsbeständen, die sich von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart erstrecken, ist dieses neu entfachte Interesse ein echter Glücksfall. Denn die groß angelegte Ausstellung “Alchemie. Die Große Kunst” mit 200 Exponaten aus über 3000 Jahren Kunst- und Kulturgeschichte kann nahezu aus den eigenen Beständen bestückt werden – ergänzt durch einige wenige Leihgaben.

Urin aus dem Berghain

Neben falschen Edelsteinen, künstlichem Gold, Böttger-Steinzeug und Porzellan -werden auch zahlreiche historische Gemälde und Miniaturen, Zeichnungen und Druckgrafiken, Hängerollen, Handschriften, Fotografien und Laborbücher präsentiert. Die von Jörg Völlnagel kuratierte Schau will unter anderem mit dem weitverbreiteten Missverständnis aufräumen, dass es den Alchemisten -vorrangig nur um die Herstellung künstlichen Goldes gegangen sei. -Vielmehr war – so lautet eine der Ausstellungsthesen – die Transzendierung und Nachahmung des göttlichen Schöpfungsakts selbst das Ziel. An dieser Stelle lassen sich die Grundmythen von Kunst und Alchemie wie Folien übereinanderschieben. Deswegen lag es nahe, nicht nur alte Werke zum Thema Alchemie, sondern auch die Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern wie Carl Andre, Joseph Beuys, Fischli/Weiss, Heinz Hajek-Halke, Anselm Kiefer, Yves Klein, Joe Ramirez oder Alicja Kwade in die umfangreiche Schau zu integrieren.

Wunderlich und gigantomanisch
Um Damien Hirst war es etwas still geworden. In Venedig kehrt das britische Enfant terrible wieder ins Rampenlicht zurück: mit einer Doppelschau, in der Hirst Gigantomanie und seinen Mythos zelebriert.

Wie eng Alchemie und Fantasie manchmal beieinanderliegen, dürfte etwa eine Installation der Berliner Künstlerin Sarah Schönfeld verdeut-lichen, die für ihr Werk Hero’s Journey (Lamp) im Berliner Techno-Club “Berghain” über mehrere Wochen 1000 Liter Urin sammelte, um anschließend einen großen, vitrinenartigen Glasbehälter damit zu befüllen. Die speziell beleuchteten Ausscheidungen der Tänzer schimmerten “wie das Gold in einer byzantinischen Kirche”, lobte wenig später Chris Dercon, Ex-Direktor der Tate Modern, das ungewöhnliche Werk. Manchmal lösen sich eben die Assoziationen zwischen transzendenten Erfahrungen, Laboratorien, Kellern und dem Glanz von Gold auf gänzlich unerwartete Weise auf. Ganz ohne Zauberei.

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