Duchamps »Fountain« wird 100

Ein Pissoir krempelt die Kunst um

Vulgär, simpel und einfach brillant: Mit seinem bei einer Kunstschau eingereichten Pissoir brach Marcel Duchamp 1917 eine große Debatte vom Zaun. Im Jahrhundert danach prägt er Werke von Andy Warhol bis Jeff Koons - Kunst aus Toiletten inspiriert "Fountain" noch immer.
Ein Pissoir krempelt die Kunst um

Marcel Duchamps "Fountain", 1917, auf einer Fotografie von Alfred Stieglitz

Das Urteil fiel vernichtend aus: Anstößig sei dieses Objekt, reine Sanitärkeramik, die an körperliche Abfälle erinnert. Mit einem einfachen Pissoir wollte der Vorstand der Society of Independent Artists bei ihrer Jahresausstellung 1917 nichts zu tun haben. "Der "Fountain" mag an seinem Platz sinnvoll sein, aber sein Platz ist keine Kunstausstellung, und es ist nach keiner Definition ein Kunstwerk", teilte der Vorstand nach Ablehnung des Werks von Marcel Duchamp mit. Was die Society nicht ahnte: Der Schritt sollte eine der großen Kunst-Debatten des 20. Jahrhunderts entfachen.

Sein Schatten erhellt die Moderne
Mit Scharfsinn und kryptischen Werken revolutionierte der Franzose Marcel Duchamp die Kunst des 20. Jahrhunderts. Bis heute gilt der als einflussreichster Künstler der Moderne, vergleichbar allenfalls mit Pablo Picasso

100 Jahre ist die Provokation des französischen Surrealisten her. Marcel Duchamp kaufte 1917 bei J. L. Mott Iron Works, einer New Yorker Manufaktur für Klempnerbedarf, ein handelsübliches Porzellan-Urinal, Modell »Bedfordshire«. Er kippte es um 90 Grad und signierte es mit "R. Mutt 1917". Dann reichte er es unter dem Titel Fountain auf der ersten Ausstellung der "Society of Independent Artists" im New Yorker Grand Central Palace ein – und produzierte einen Eklat. Zwar wurde im Vorfeld festgelegt, dass die eingereichten Arbeiten keiner Vorauswahl unterlägen, doch dass jemand ein banales Pinkelbecken zu Kunst erklärte, ging den meisten Society-Mitgliedern dann doch zu weit.

Wollte Duchamp sich lustig machen?

Ein Pissoir krempelt die Kunst um

Marcel Duchamp

Duchamp, selbst im Vorstand, gab sich damals noch nicht als Urheber des Werks zu erkennen. Das Objekt, das anschließend in Alfred Stieglitz’ Galerie "291" ausgestellt und von diesem fotografiert wurde, ist seither verschwunden. Wahrscheinlich landete es auf dem Müll. Die Interpretationen zu diesem Werk reißen jedoch bis heute nicht ab. Wollte der Künstler sich lustig machen? Wollte er die Aufmerksamkeit auf die elegante Form des Objekts lenken? Oder wollte er zeigen, dass selbst der banalste Gegenstand Kunstpotenzial hat? Allein die Bedeutung der Signatur regte Kunsthistoriker zu zahlreichen Vermutungen an. Die Fotografie zeigt übrigens, dass Fountain unter gewissen Lichtbedingungen an eine Madonna erinnerte. Ob das von Duchamp intendiert war, ist jedoch reine Spekulation.

Schon vor seinem Umzug nach New York hatte der aus der Normandie stammende Künstler sich für seine Arbeit verteidigen müssen. Das braungrau gefärbte, kubistische Gemälde "Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2" hatte 1912 die Missgunst des Pariser Salon des Indépendants auf sich gezogen - der 25-Jährige entfernte das Werk daraufhin leise. Doch den Vorfall bezeichnete er später als "außerordentlichen Verrat" und Wendepunkt in seinem Leben, wie die Londoner Tate Gallery schreibt.

Die Erfindung des Readymade
Vor genau 100 Jahren machte Marcel Duchamp die wichtigste Kunst-Erfindung des 20. Jahrhunderts. Sein "Flaschentrockner" ist nicht nur das erste wirkliche Readymade der Kunstgeschichte. Es hat auch eine schillernde Vergangenheit. In den Hauptrollen: Man Ray, Robert Rauschenberg und Duchamps Schwester Suzanne

Insofern kann die Wahl eines großen Sanitärherstellers in New York auch als Experiment verstanden werden, schreibt Sophie Howarth von der Tate. Duchamp habe testen wollen, inwieweit die "neue amerikanische Gesellschaft sich der freien Meinungsäußerung verpflichtet fühlt" und ob sie neuen Kunstkonzepten tolerant gegenübersteht. Mit seinem "Fahrrad-Rad" - eine auf einen Holzhocker montierte Fahrradgabel - hatte Duchamp den Kunstbegriff 1913 bereits gedehnt und im selben Jahr notiert: "Kann man Kunstwerke machen, die keine Werke aus "Kunst" sind?"

Künstler von Weltrang haben Duchamps Konzept des "Readymade" übernommen

Nicht umsonst signierte Duchamp das Urinal mit dem Pseudonym "R. Mutt": So konnte er das ästhetische Verständnis der Amerikaner testen, ohne sein Verhältnis zum Vorstand der Society aufs Spiel zu setzen - und doch mit der Möglichkeit, später Urheberschaft zu beanspruchen. "Herrn Mutts 'Fountain' ist nicht unmoralisch, das ist absurd, nicht mehr als eine Badewanne unmoralisch ist", schrieb das Magazin "Blind Man", das Stieglitz' Foto des Objekts 1917 abdruckte. Weil der Künstler entschieden habe, das Pissoir in einem neuen Kontext zu zeigen, könne es eben auch als Kunst verstanden werden, hieß es.

Künstler von Weltrang haben Duchamps Konzept des "Readymade", also Kunst aus fertigen Gegenständen, übernommen und erweitert: In "Monogram" kombinierte Robert Rauschenberg etwa eine Angoraziege mit einem Autoreifen auf einer bedruckten Holzplattform, Andy Warhol fügte mit seinen Seife-Pads namens "Brillo Box" im Jahr 1964 Fragen von Kommerz und Konsum hinzu. Auch die in Plexiglas gezeigten Staubsauger in der "New Hoover Convertibles series" von Jeff Koons, Isa Genzkens "Weltempfänger" und Damien Hirsts in Formaldehyd konservierter Tigerhai ("The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living") sind vom "Readymade" inspiriert.

Marcel Duchamp
Die Geschichte des Readymade und seines faszinierenden Erfinders – alle Artikel und Berichte zu Marcel Duchamp

Duchamp habe die Grenzen öffentlichen Geschmacks und künstlerischen Handwerks nicht nur getestet, sondern auch überschritten, schreibt das Metropolitan Museum of Art. Bis heute wirkt sein zugelich auch satirisch gemeinter Zug nach: Erst vergangenen September zeigte das Guggenheim-Museum in Manhattan die Skulptur "America" des Italieners Maurizio Cattelan - ein voll funktionsfähiges Klo aus 18-karätigem Gold. Eine Toilette als Kunstwerk zu deklarieren, scheint selbst ein Jahrhundert nach Duchamp kaum an Aussagekraft verloren zu haben.