Documenta 14 in Athen: Kritik

Der Gesang der Kuratoren

Die Documenta 14 will ein »Parlament der Körper« bilden. Nicht die Bilder oder Bildschirme an der Wand, sondern die Körper im Raum sollen die Erschütterungen der Gegenwart reflektieren. Und das in Athen, wo einst die Tragödie erfunden wurde. Gelingt das? art-Redakteure haben sich zur Eröffnung der D14 in Athen aufgemacht und schildern ihre ersten Eindrücke von den dortigen Spielorten.
Der Gesang der Kuratoren

Ihre starken Momente findet die Documenta 14 in der Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart: hier das Flüchtlingszelt aus grauem Marmor von Rebecca Belmore, auf Augenhöhe mit der Akropolis.

Es raunt "Wow" im großen Konzertsaal des "Megaron", als sich bei der Auftaktpressekonferenz der Vorhang hebt für die Documenta 14. Denn im Halbdunkel der Bühne sitzen alle Mitarbeiter und Künstler zusammen. Leise beginnt diese schattenhafte Masse zu zischeln. Dann werden die Geräusche vielfältiger, mancher Künstler aus den hinteren Reihen steht auf und gestikuliert. Langsam schwillt der Klangkörper der Documenta zu einem Orkan des Protestes an, bis die Erregung wieder verklappt und die Macher der Kunstschau über Murmeln zurück ins Zischeln verfallen.

Doch dieser Auftritt – eine Komposition Jani Christous von 1969 – ist nicht nur ein gelungener Gag, sondern er formuliert wortlos den Anspruch dieser Documenta, der im Anschluss in sehr vielen Einzelreferaten des großen Kuratorenteams von Adam Szymczyk verbal erklärt wird: Das "Parlament der Körper" will das Epizentrum sein dieser performance-orientierten Documenta. Die enorme Aura konkreter Anwesenheit und die Kraft der Einmischung der Künstler in die Gesellschaft soll der Schau ihre Energie und Aussage geben. Das wird anschließend von Szymczyk selbst mit der paradoxen Formulierung unterstrichen, "Lernen von Athen" müsse zunächst "Entlernen" heißen, um sich der Welt unvoreingenommen nähern zu können.

Nach 2 Stunden ist die Konferenz vorbei und die Besucher strömen mit ihren Daybooks und handgemalten Stadtplänen etwas ratlos in die Welt.

Benaki-Museum: ein »Parlament der Tafelbilder«

Wer nach den Ankündigungen einer körperbetonten Documenta seine Odyssee durch die zahlreichen Ausstellungsorte in der Stadt ausgerechnet im Benaki-Museum beginnt, muss schwer irritiert sein. Denn in dem roten Hofbau an der lauten Piräus Straße, der viertgrößten Abspielstelle dieser Athen-Documenta, herrscht die kontemplative Stille einer Malerei-Ausstellung. In klassischen White-Cube-Sälen sind zwar überwiegend politische Arbeiten versammelt, die sich mit kolonialer und diktatorischer Gewalt beschäftigen. Aber der Körper ist hier ganz klassisch zweidimensional. Roee Rosen eröffnet den Rundgang mit einer fikitiv-pornografischen Höllenfahrt von Eva Braun, die er in literarischen Textpassagen und kinderbuchartigen Schwarz-Weiß-Bildern mit Sex- und Nazisymbolik als ätzend-komische Jahrmarktserzählung illustriert. Ein Saal malt die brutale Kolonialgeschichte des Kongo mit Dutzenden Bildern aus, die Tshibumba Kanda Matulu im Stil afrikanischer Friseurschilder gestaltet hat. Miriam Cahn zeigt ihre eindrückliche Auseinandersetzung mit den Folterungen von Abu Ghraib in gespenstischen Fratzen und gezeichneten Masken. Oder Sergio Zevallos hat eine "War Machine" konstruiert, in der sich der Urin von Beate Zschäpe, Ursula von der Leyen, Erdoğan und Mario Draghi mit dem diverser CEOs von Weltkonzernen und Banken sowie hoher Generäle vernetzt – als eine der wenigen Installationen in dieser sehr konventionell eingerichteten Abteilung der Documenta, die eher "Parlament der Tafelbilder" heißen müsste.

Der Gesang der Kuratoren

Die "War Machine" von Sergio Zevallos im Benaki Museum

ASFA: Staubsaugermonster im Graffitti-Refugium

Die Hochschule der Bildenden Künste Athen (ASFA) ist ein idyllisches Graffitti-Refugium mit Garten im Industriegebiet an der hässlichen Ausfallstraße nach Piräus. Ziemlich studentisch kommt einem hier auch die Documenta-Schau in der Ausstellungshalle vor: wie eine Aufreihung beflissener Semesterarbeiten ohne rechten Zusammenhang, geschweige denn einem kuratierten Spannungsbogen. Von Plastikmüll, der zu Staubsaugermonstern mutiert (Bonita Ely) bis zu einer Fernschachparty zwischen Kassel und Athen (Bili Bidjocka) kommt alles vor. Im Gedächtnis bleiben aber vor allem die schönen konzeptuelle Zeichnungen von Agnes Denes aus den siebziger und achtziger Jahren, die aktuellen, aus mattglänzendem Stroh geklebten Bilder von Olaf Holzapfel, und vor allem der Raum mit poetisch-gruseligen Arbeiten von David Perlov, einem 2003 gestorbenem israelischen Dokumentarfilmer, die die Gemälde von Kai Althoff vorwegnehmen. Die Studenten scheint das Ganze kaum zu interessieren, entweder sie stecken in D14-T-Shirts und verdienen sich was dazu – oder sie dösen gemütlich im Hochschulpark.

Der Gesang der Kuratoren

Bonita Ely: "Plastikus Progressus Memento Mori", 2017

Odeion Athinon: die Chill-Out-Zone der Documenta

Wenn es so etwas wie die inoffizielle Chill-out-Zone dieser Documenta gibt, dann findet man sie im Athener Konservatorium, das Odeion Athinon. Wobei hier natürlich nicht einfach geistlos abgehangen wird: Auf der kühlen Marmorveranda lässt es sich wunderbar nachdenken über all die großen Fragen der Kunst, die im Keller und Konzertsälen des modernistischen Musikschulgebäudes gezeigt werden. Bestens eignen tut sich dazu etwa das Camp des Künstlers Joar Nango. Er gehört zum Volk der Samen, die in Nordnorwegen, Finnland und Russland zuhause sind. Mondo hat im Innenhof ein Hippie-Zeltlager mit Renntierfellen und Reisig ausgeschlagen, selbst die Lautsprecher sind mit Robbenfell verkleidet. Das wird den PETA-Leuten nicht gefallen. Doch wenn aus den Ringrobbenfell-gedämpften Boxen trockene Beats wummern und dazu Josef Tarrak, ein Rapper aus Grönland, in der Sprache seiner Vorfahren über Liebe, Looks und Frust rappt, dann wippen im Publikum auch Kasper König und Marta Minujín mit. Nango erklärt, dass es ihm bei seiner Performance-Installation um die Kultur der Sami geht, Felle seien selbstverständliches, vielseitig nutzbares Material und hätten auch eine symbolische Komponente: Die Haut schützt, wärmt, bildet Schichten um den Kern.

Zum Kern der Dinge will auch Emeka Ogboh vordringen, wenn er im Rohbau-Ambiente des Konservatoriums seine Sound-Installation "The Way Earthly Things Are Going" über die Widrigkeiten des Kapitalismus erklingen lässt. Der Konzertsaal wurde nie fertiggestellt – wie so vieles im krisengeplagten Griechenland. So setzt man sich auf rohe Betonstufen und lauscht im brutalistischen Halbdunkel einer vielstimmigen sphärischen Symphonie aus Stimmen und Klängen, während an der Stirnwand die Börsenkurse des Tages durchlaufen.

Der Gesang der Kuratoren

Sound-Installation des in Berlin lebenden Künstlers Emeka Ogboh: "The Way Earthly Things Are Going"

Ein bisschen verspielter und leichter kommen Nevin Aladags Konzerte in ihrem "Musikzimmer" daher. Die türkisch-deutsche Künstlerin hat Flohmarktmöbel und Haushaltgeräte, Tische, Sessel und Hocker in Musikinstrumente umgebaut. Das sieht hübsch und manchmal lustig aus, etwa wenn Kaffeetöpfchen mit Tierhaut bespannt sind oder die Lehnen eines Stuhls mit Kontrabassseiten. Bei ihren den Konzerten bespielen ausgebildete Musiker die Instrumente, sie sitzen und zupfen an Armlehnen, trommeln auf Barhockern und versetzen das ganze Tiefgeschoss des Konservatoriums in positive Schwingungen.

Traumatische Erfahrungen verarbeitet dagegen Kettly Noël in ihrer Performance "Zombification". Die in Haiti geborene Tänzerin lässt Männer in Gummistiefeln, grauen Arbeitskitteln und Mundschutz lebensgroße Lumpenpuppen durch einen Bambuswald schleifen, an Baumstämmen lynchen, brutal vergewaltigen und auf Schubkarren abtransportieren. Die Künstlerin selbst durchlebt die Tortur wie im Voodoo-Trance. So entstehen eindrückliche Bilder, Assoziationen von Unterdrückung, Sklaverei, Ebola-Epedemie, Kindersoldaten, Massenvergewaltigungen werden abgerufen. Am Ende der einstündigen Horrorshow ist man platt, aber irgendwie auch ratlos, warum so eine starke Performance in einer Kellerecke gezeigt wird anstatt auf der großen Bühne.

EMST: Penibel inhaltlich kuratiert

Das National Museum of Contemporary Art (EMST) ist für das Publikum geöffnet. Allein diese Nachricht kann schon als kleine Sensation verbucht werden, nachdem die ehemalige Brauerei seit einem Jahrzehnt zwar baulich abgeschlossen war, jedoch nicht als Museum für zeitgenössische Kunst in Betrieb genommen werden konnte. Die Documenta-Ausstellung in diesen großzügigen, hellen Räumen ist fast schon penibel inhaltlich kuratiert. Auf jeder Etage dominiert ein Thema, vom Erdgeschoss beginnend: kapitalistische und andere Ökonomien, das Parlament der Körper, die Figur als politischer Topos, und ganz oben im 4. Stock Abstraktion und das Verhältnis von Zeigen und Verbergen.

Der Gesang der Kuratoren
"The Lust That Comes From Nothing – Hitler and the Homosexuals", 1946/2001, von David Walter McDermott und Peter Thomas McGough

Es gibt ein paar sehr markante Arbeiten, wie die großen Masken des indigenen kanadischen Künstler Beau Dick im Erdgeschoß oder Piotr Uklanskis Arbeiten zum Thema Hitler und Homosexualität. Doch die meisten Werke gliedern sich brav ins inhaltliche Konzept ein, Ausuferndes oder Exzentrisches war hier sichtbar nicht gefragt. Erstaunlich viele Arbeiten sind älteren Datums, besonders die 70er und 80er Jahre sind hier vertreten, Werke aus Polen, dem damaligen Jugoslawien oder Albanien setzen Akzente. Natürlich trägt dieser historische Einschlag zu dem Eindruck bei, dass es hier wenig Neues zu erfahren gibt: Die Fragestellungen, mit denen die Kunst auf Documenten und Biennalen seit zwei Jahrzehnten beschäftigt ist, werden hier sehr ernsthaft weiter behandelt, Kapitalismuskritik und Identitätspolitik lösen beim Kunstpublikum das wohlige Gefühl des Vertrauten aus. Dem "Parlament der Körper" fehlt hier alles Anarchische, Doppelbödige, Unberechenbare – es ist auf fast unheimliche Weise geordnet und in sich geschlossen.  

Philopapposhügel: Auf den Punkt gebracht

Gleich hinter dem EMST die Straße hoch bis zum Fuß des Felsens, dann beginnt der Spaziergang auf den Philopapposhügel, wo einmal die Musen hausten und Theseus mit dem Amazonen gekämpft hat. Vom Gipfelplateau mit dem römischen Grabmal hat man einen überwältigenden Rundblick über Stadt und Meer, auf Augenhöhe mit der Akropolis gleich gegenüber. Etwas unterhalb stößt man dann auf Rebecca Belmores Flüchtlingszelt aus grauem Marmor. Ja, das einfache Prinzip der Arbeit (Eins-zu-eins-Umsetzung eines Alltagsgegenstandes in ein anderes Material) ist hinlänglich bekannt, der Wirkung dieses unheroischen Denkmals mit Blick auf den Parthenon wird man sich dennoch kaum entziehen können. Hier ist die Documenta in ihrer Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart an diesem Ort wirklich einmal auf dem Punkt.

Documenta-Spielorte in Athen
Zu den wichtigsten Schauplätzen der Documenta 14 in Athen gehören diverse Kulturstationen. Darunter sind das Benaki-Museum, das älteste Museum in Griechenland, und das im letzten Jahr eröffnete EMST National Museum of Contemporary Art
Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden sie alle Informationen zur Geschichte und Gegenwart der Schau