Cody Choi in Chemnitz

Der Verdauungskünstler

Cody Choi bedient sich am liebsten bei den Werken anderer. Der Biennale-Künstler kopiert, ironisiert und verfremdet. Einer seiner Lieblingswerkstoffe dafür ist Pepto-Bismol, ein probates Mittel gegen Sodbrennen.
Der Verdauungskünstler

Der westliche Kanon wird geschluckt und der entsprechende Verdauungsprozess gleich mit verbildlicht. Cody Choi: "The Thinker, December #3", 1996, Toilettenpapier, Pepto-Bismol, Holz, 134,6 x 218,4 cm

Cody Choi ist ein hungriger Künstler. Mit unstillbarer Gier verleibt sich der gebürtige Koreaner Schlüsselwerke der Kunst ein. Ob die "Nike" von Samothrake, Michangelos "David", Eduard Manets "Olympia" oder Henri Matisses "Der Reigen", kein Motiv ist vor dem geradezu kannibalischen Zugriff dieses Mannes sicher.

Wer die von der Kunsthalle Düsseldorf konzipierte Retrospektive Chois besucht, die jetzt in Chemnitz gastiert, bekommt immer auch eine kunsthistorische Lektion. Die besteht nicht nur aus Verweisen auf die Vergangenheit, sondern auch aus einem Stilmix unserer Tage. Da finden sich etwa Pop und Trash Art, Appropriation, Konzeptkunst, Performance und eine Prise Exotik.

Die Gründe dafür sind biografischer Natur: Als junger Mann unfreiwillig aus Seoul an die US-amerikanische Westküste emigriert, droht Choi mit der Heimat auch seine kulturelle Identität zu verlieren. In einer kühnen Flucht nach vorn eignet er sich die ihm noch fremde Kunst an. Verschlingt sie, indem er kopiert, ironisiert und verfremdet. So formt er 1996 Rodins Denker aus Toilettenpapier und stellt ihn auf eine Kiste, in der sich ein latrinenhaftes Seitenloch befindet. Ein Foto zeigt Choi wie er nackt in dieser Öffnung sitzt, in der berühmten Pose des Sinnierenden.

Im Bannkreis von allzumenschlichen Stoffwechselmetaphern bewegt sich Cody Choi noch heute

Der westliche Kanon wird also geschluckt und der entsprechende Verdauungsprozess gleich mit verbildlicht. Dass diese Installation recht witzig daherkommt, ist auch dem besonderen Kleister zu danken, der die Papierberge zusammenhält: Bismutsubsalicylat, besser unter seinem US-Handelsnamen Pepto-Bismol bekannt. Die leuchtend pinkfarbene Substanz ist nicht nur ein probates Mittel gegen Sodbrennen und sonstige Magen- und Verdauungsprobleme, sondern auch Cody Chois bevorzugter plastischer Werkstoff.

Im Bannkreis von allzumenschlichen Stoffwechselmetaphern bewegt sich der Künstler noch heute, wenn er etwa "Shit" (2014) unter seine Nachempfindung von Munchs "Der Schrei" kritzelt. Doch Choi ist kein Clown, auch wenn er 1991 auf einem Poster als Kampfkunst-Held eine Flasche Pepto-Bismol anpreist. Er sieht sich vielmehr als praktischen Philosophen der Licht- und Schattenseiten des globalen Kulturtransfers.

Demnach ist es kein purer Jux, wenn Choi Holzboxen mit seiner Energie auflädt ­ indem er Kopf, Hinterteil oder Extremitäten bis zu 30 Minuten durch ein Passloch steckt. Das erinnert an Joseph Beuys' Idee, den westlichen Menschen mit einer Portion östlicher Energie zu heilen, steht aber auch für ein ernsthaftes Denkmodell. In ähnlicher Mission wird Cody Choi, der heute wieder in Südkorea lebt, bald in Venedig zu sehen sein. Er vertritt ab dem 13. Mai sein Heimatland auf der Biennale. Vermutlich darf dabei sogar gelacht werden.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Der Katalog zur Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walter König erschienen, Preis: 29,80 Euro.

art - Das Kunstmagazin
Die weltweit erste Retrospektive des südkoreanischen Künstlers (*1961), der sich mit dem kulturellen Austausch zwischen seiner asiatischen Heimat und den USA befasst. Der Künstler vertritt Südkorea 2017 auf der Venedig-Biennale
Kunstsammlungen – Museum am Theaterplatz ,  Chemnitz