Glossar zur Documenta 14

Das Documenta-Lexikon

In den Texten der Documenta 14 tauchen eine Reihe von Schlagworten immer wieder auf – sie zeigen den Denkprozess, der der Ausstellung zugrunde liegt. Ein kleines documenta-Lexikon.
Das Documenta-Lexikon

Das Documentar-Glossar

FLUCHT: Das Thema Migration ist einer der großen Resonanzräume dieser documenta. Viele Künstler beschäftigen sich mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen in Zeiten der Flucht, andere reflektieren damit verwandte Themen wie Krieg, Grenzen und Zugehörigkeit.

34 FREIHEITSÜBUNGEN: Mit diesem schönen Titel wurden die Programmpunkte des öffentlichen Programms versehen. Eine Vielzahl überschaubarer Klientelgruppen und einige performative Künstler beschäftigten sich während der zehntägigen Aktion mit speziellsten sexuellen Neigungen, persönlichen Traumata, Spätfolgen von Folter, mit dem Kampf um Autonomie indigener Gruppen und vielen anderen Emanzipations-Ideen.

GESELLSCHAFTEN: Die im Vorfeld der d14 gegründeten "Societies" sind keine Geheimgesellschaften, sondern offene Diskussions- und Aktionsgruppen, die sich mit einigen sonderlichen Themen beschäftigen, etwa dem "Ende der Nekropolitik" oder "kollektiver Halluzination".

HEGEMONIE: Vor allem in ihrer Beschäftigung mit Kolonialismus und Neokolonialismus ist bei den Kuratoren und Künstlern dieser documenta viel von "Hegemonie" die Rede, also von der Übermacht und Herrschaft bestimmter Interessensgruppen über Völker, Länder und Glaubensvorstellungen. Die politische Stoßrichtung nahezu aller Äußerungen im Rahmen der d14 zielt darauf, Hegemonie abzubauen.

HUNGER: Neben "Stille", "Maske", "Flucht" und "Widerstand" ist auch "Hunger" ein prominentes Stichwort der d14-Programmarbeit und wird in "South" mit unterschiedlichen Aspekten diskutiert.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen

LINKSRADIKAL: Als bekannt wurde, dass die "34 Freiheitsübungen" als linksradikaler Prolog gemeint sind, war der Schock groß. Athener Kommentatoren, die sich von der d14 einen Marketing-Effekt erhofft hatten, reagierten empört auf die Ankündigung dezidierter Haltungen.

MASKEN: Die Metapher der "Maske" ist das komplexeste Verständnisangebot für die d14, das im Vorfeld etabliert wurde. Trotz der vielfältigen Bedeutungen, die das "Maskieren" annehmen kann, ist die Freiheit, die es im Verborgenen zu finden gibt, der entscheidende Impuls dieser Setzung.

MODERNE: Der Begriff der "Moderne" wird in den Publikationen der documenta – wie "South" –, ziemlich durchgängig in seinen negativen Auswirkungen beschrieben. Als Synonym für die verarmenden und zerstörerischen Tendenzen des Kapitalismus ist die Moderne mit ihrem Glauben an Wachstum, Reichtum und Effizienz der ideelle Gegner für das Kunst- und Gesellschaftsbild der Ausstellungsmacher.

NARRATIVE: Das aus den Sozialwissenschaften stammende Wort benennt sinnstiftende Erzählungen, die für die Ausbildung von Identitäten bedeutsam sind – und so zu den Ursachen von Konflikten zählen. In vielen Arbeiten versuchen Künstler, unterdrückte Narrative in Erinnerung zu rufen oder bestehende zu kritisieren, etwa jenes von der Alternativlosigkeit des Kapitalismus. Man kann auch die documenta als Versuch lesen, ein neues politisches Narrativ der Kunst zu formulieren.

Wer ist Adam Szymczyk?
Es ist der am meisten beachtete Job der Kunstwelt: Mehr als künstlerischer Leiter einer documenta kann man als Kurator eigentlich nicht werden. Wie tickt der Mann, der die 14. Ausgabe gestaltet?

NEOLIBERALISMUS: Nichts macht linke Menschen so böse wie der "Neoliberalismus". Als satanische Größe schwebt er auch über dieser documenta. Die Auswirkungen des entfesselten Weltmarkts, die Katastrophen ungezügelter Gier, die Skrupellosigkeit, mit der Gemeinwohl für Firmeninteressen geopfert wird, sind in den Publikationen und in Künstler-Statements als Feindbild markiert. Wie produktiv die Auseinandersetzung mit diesem Begriff sein kann, wird man nach der Eröffnung wissen.

PROZESS: Die enorme Bedeutung des Performativen für diese documenta, des Prozesshaften und Offenen scheint auf allen Ebenen von Adam Szymczyks Konzept hindurch. Dialog und Eingreifen, Aktion und Entwicklung sind Stichworte, mit denen der d14-Leiter und sein Team konsequent die Abkehr von der kontemplativen Betrachtung eines Kunstobjekts beschreiben, um Ausdrucksformen zu finden, die Prozesse der Veränderung einleiten können. Selbst dort, wo das klassisch statische Kunstwerk auftritt, soll es Teil einer Bewegung sein, des Körpers, des Denkens und der Selbstbefreiung.

PARLAMENT DER KÖRPER: Erfunden als Titel für das erste öffentliche Programm der d14 im September 2016 in Athen, umschreibt der Begriff mittlerweile die ganze Ausstellungskonzeption. Mit Rückbezug auf die demokratische Tradition Athens wird das Miteinander von Künstlern und Besuchern als gleichberechtigter Dialog gefeiert, in dessen Verlauf sich neue Ideen des Zusammenlebens entwickeln können.

Spielorte in Athen
Zu den wichtigsten Schauplätzen der Documenta 14 in Athen gehören diverse Kulturstationen. Darunter sind das Benaki-Museum, das älteste Museum in Griechenland, und das im letzten Jahr eröffnete EMST National Museum of Contemporary Art

PARTITUR: Der englische Begriff "score" für die Notation von Musik spielt eine wichtige Rolle. Im buchstäblichen Sinn, denn tatsächlich werden diverse künstlerische Partitur Erfindungen der vergangenen 100 Jahre ausgestellt und in ihrer Umsetzung avantgardistischer Musik zu hören sein. Auch für die Besucherführung wurde eine Partitur entwickelt – natürlich eine sehr freie.

PARTIZIPATION: Die Beteiligung am künstlerischen Prozess wird bei der d14 in verschiedenen Formaten ausprobiert. Urbanistische Projekte arbeiten direkt mit Menschen vor Ort zusammen, offene Foren, wie die "Gesellschaften", erlauben den Austausch mit den Machern, aber auch die performativen Arbeiten sind gedacht als Teilhabe des Besuchers am Werk.

RESTITUTION: Mit dem Wunsch Adam Szymczyks, den Nachlass des NS-Kunsthändlers Gurlitt zu zeigen, ist das Problem der Rückgabe von Kunstwerken und des Sammelns ein wichtiger Themenstrang d14 geworden, zu dem auch Diskussionen über die Repatriierung an indigene Völker und eine kritische Bewertung von Kunsthandel zählen.

Foto: Rosa Maria Rühling
Es ist eine der ersten diskursiven Verlautbarungen der künftigen Documenta: Das griechische Kulturmagazins "South as a State of Mind" wird zum Documenta-Journal umfunktioniert. art-Autor Till Briegleb hat es gelesen

SOUTH AS A STATE OF MIND: So lautet der Titel eines jungen griechischen Kunstmagazins, das den d14-Machern für einige Ausgaben als Plattform zur Verfügung gestellt wurde. In den buchdicken Magazinen finden sich alle wesentlichen Konzeptüberlegungen des Szymczyk-Teams, Künstlerarbeiten und Gedichte, geisteswissenschaftliche Betrachtungen und scheinbar abseitige Texte – also eine handliche Papier-documenta.

SPAZIERGANGSWISSENSCHAFT: Die "Promenadologie" des Schweizer Urbanisten Lucius Burckhardt lehrt die hohe Aufmerksamkeit für das Persönliche der Stadt. An der Universität Gesamthochschule in Kassel lehrte Burckhardt bis in die neunziger Jahre: Durch Zu-Fuß-Gehen sollte seiner Lehre zufolge die Per­spektive auf Stadtplanung verändert werden. Vom d14-Team als Spiritus Rector für behutsame Weltsicht auserkoren, passt die Lektüre seiner Ideen perfekt zum Kunst-Flanieren

STILLE: Eine der Grundmetaphern, mit denen Adam Szymczyks Team im Vorfeld das Konzept der d14 umriss, war "Stille". Als Innehalten, Verweigerung, als Ausdruck von Poesie, aber auch als Pause zur Strukturierung von Musik und Sprache ist sie ein subtiler Schlüssel zum Verständnis der Arbeiten und der Idee einer Widerständigkeit von Kunst.

TREMBLING: Der Begriff des "Zitterns" (Trembling) stammt aus den Schriften des karibischen Philosophen Édouard Glissant und beschreibt in einem poetischen Bild, welche Bedeutung die Grenzüberschreitung oder das Vermischen von Perspektiven für ein verständiges Bewusstsein hat. In der Entwicklung des documenta-Konzepts wird in diesem Zusammenhang auch vom "Verwischen der Grenzen" gesprochen, etwa zwischen Performance und Theater oder Kunst und Ritus.

Von Athen lernen
Noch genau ein Jahr und Kassel wird für 100 Tage zum Zentrum der Kunstwelt – dann beginnt die Documenta. Die Künstlerliste ist bereits gut gefüllt. Einige könnten noch ganz spät dazu kommen

VON ATHEN LERNEN: Das optimistische Motto für die Erweiterung der documenta nach Athen ist selbst im Leitungsteam nicht mehr ganz ironiefrei auszusprechen. Denn neben all den Inspirationen, die aus der Geschichte und der Stadt zu gewinnen sind, ist die Organisation vor Ort doch häufig eher zum Verzweifeln. Aber auch wenn manch Beteiligter in Politik und Verwaltung vor Ort gern "Von Kassel lernen!" ins Logbuch schreiben würde, wird die Schule von Athen am Ende für alle unvergesslich sei.