Hermann Josef Hack
Interview
Anlässlich des städtischen Klimatags schrieb Hermann Josef Hack in Leipzig, vor dem Centraltheater, den beängstigend hohen CO2-Verbrauch für die Produktion von je einem Kilogramm ausgewählter Lebensmittel mitten auf die Straße. Auf seiner aktuellen Bekleidung las man daher: "Hack: Klimawandel aufessen!
Erst wenige Tage vorher hatte er, erst in Leipzig, dann in Dresden, auf prominenten Plätzen sein "Klimaflüchtlingslager" aufgestellt. Mit 500 beschrifteten Miniaturzelten macht er seit Jahren auf den weltweiten Exodus im Gefolge der Erderwärmung aufmerksam. Im so genannten Kunstkontext hat der radikale einstige Beuys-Schüler bislang oft nur Ablehnung oder Kopfschütteln geerntet. Explizit vorgetragene politische Themen sind nach wie vor nicht salonfähig. Für Hack kein Grund zu verzagen. art-Korrespondentin Susanne Altmann traf den Künstler bei einer Gemüsesuppe, die Teil der Aktion war, in Leipzig.
Wenn man die Liste Ihrer Projekte betrachtet, bekommt man den Eindruck, dass Sie alle kritischen Themen, die erst jetzt langsam in die Kunst einsickern, bereits vor zehn, 15 Jahren behandelt haben: Globalisierung, Kunstrecycling, Erderwärmung, Randgruppenintegration oder Internetkunst. Wie gehen Sie mit diesem Pionierstatus, der bislang kaum gewürdigt wurde, um?
Hermann Josef Hack: Ich glaube einfach an meine Arbeit. Jemand hat einmal gesagt, eine gute Idee zu früh zu haben, ist genauso schlecht wie zu spät. Ich warte jetzt einfach, bis die Karawane nachkommt. Außerdem war es mir immer wichtig, neue Wege auszukundschaften und unbequeme Fragen zu stellen, bevor das populär wurde. Darin liegt ein Risiko, aber auch die Chance. Wenn man allein unterwegs ist, muss man sich nicht auf eine bestimmte Haltung festnageln lassen. Ich wundere mich trotzdem immer, dass so wenige andere Kollegen in diesem Bereich arbeiten. Es würde mich freuen, wenn es tausend von meiner Sorte gäbe.
Ihr Klimaflüchtlingscamp tourt seit einigen Jahren durch die Lande, kürzlich war es im Schlosshof der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen und hier in Leipzig auf dem Rathausmarkt. Wie sind die Reaktionen auf dieses Miniaturlager, das eine düstere Realität in fast heiterer Form transportiert?
Diese kleinen Zelte sind mit Slogans zu dem Thema beschriftet, sie sprechen für sich. Das Camp wandert ständig und überrascht dort, wo es keiner vermutet. Ich begebe mich damit auch in die Konsumzonen, wo der Klimawandel ja gerade verursacht wird. Damit plädiere ich für ein bewussteres Einkaufsverhalten. Die Passanten nehmen die Idee als Fototrophäe mit nach Hause, womit sie bis in die Wohnzimmer kommuniziert wird.
Joseph Beuys war Ihr Lehrer, aber war er auch Ihr Vorbild? Die Spuren seiner "sozialen Plastik" bestimmen Ihr Tun deutlich. Doch was unterscheidet Sie von diesem Übervater?
Beuys war damals nicht mein Vorbild, ich war ja nicht einmal Meisterschüler bei ihm. Ich habe erst im Nachhinein vieles von ihm verstanden und als wichtig erkannt, zum Beispiel dass man in die Gesellschaft hinein wirken soll – besonders an dem Projekt der "7000 Eichen". Was ich ihm heute vorwerfen würde ist, dass er sich überwiegend im hermetischen Kunstbetrieb bewegt hat, mit der Kultivierung seines Startums und der Jüngerschaft. Das finde ich nicht vorbildlich, sondern es geht ja bei der wahrhaftigen sozialen Plastik darum, den Kunstkontext zu sprengen. Das heißt ja nicht, dass man ihn völlig negieren oder verlassen sollte.
Mit Ihren griffigen Propagandasprüchen und einer eher cartoonhaften Ästhetik wirken Sie im Kunstkontext tatsächlich etwas deplatziert. Welche Rolle spielt bei Ihnen eigentlich noch die künstlerische Form? Was verlangen Sie von Ihren Werken jenseits der politischen Botschaft und einer gewissen Plakativität?
Ich bin ja nicht angetreten, den Kunstbereich zu revolutionieren, Aber ich teile das Motto "Art is to change what you expect from it". Ich hoffe insofern, dass es mir gelingt, in Form von leicht verständlichen Idiomen und Piktogrammen Menschen anzusprechen. Aber Agitprop, wie sie etwa Klaus Staeck macht, ist nicht meine Sache. Mich interessiert zwar auch das Spiel mit Worten und Botschaften, doch weder will ich die so verschlüsseln, dass es keiner mehr begreift, noch verstehe ich mich als Werbetexter, der sich auf Einschaltquoten konzentriert.