Il Tempo del Postino
Künstler-Oper
IMPULSE UND IDEENSPLITTER
Am Ende spielt nur noch ein Kontrabass. Musikerin für Musiker hat den Orchestergraben verlassen. Selbst der Dirigent hat sich in die Tiefe der Bühne davon gemacht. Die Idee hat Dominique Gonzalez Foerster zwar bei Joseph Haydn geklaut, der in der deswegen so genannten Abschiedssinfonie die Musiker einen nach dem andern abtreten lässt, bis sein Fürst merkt, dass es endlich Zeit für den Feierabend ist.
Gleichwohl ist es der sensiblen Künstlerin zu verdanken, wenn man dem Theater Basel nach langen zweieinhalb Stunden halbwegs versöhnt den Rücken kehrt. Sie lässt Beethovens "Pastorale" so ungezwungen austrudeln, wie ein glücklicher Tag unbemerkt in die Nacht fällt. Und sie tut dies auf eine Weise, die jede Schwere über den Abschied vermeidet. Immer mehr Instrumente fehlen, die Töne, die übrigbleiben, klingen zunehmend quakiger und schräger.
Bevor die Besucher der Basler Premiere von "Il Tempo del Postino" heiter in den Nachtregen gehen durften, mussten sie einiges an Kunsttheater über sich ergehen lassen. Angekündigt war nicht weniger als "die erste Künstler-Oper der Welt", so, als hätten noch nie Künstler entscheidend an Opern mitgestaltet, so als gäbe es die Tradition nicht, dass in der Moderne fast rituell Künstler und Architekten mit Bühnenbildern und szenischen Elementen entscheidend in das Geschehen eingreifen. 2007 hatte das Werk beim Manchester International Festival Weltpremiere. Da nur wenige dort waren, verbreitete sich schnell der Mythos, etwas Wesentliches sei geschehen, ohne dass die Kunstgemeinde so recht Notiz davon genommen hatte. Um den Kunstfreunden aus aller Welt eine Gelegenheit zu geben, das Versäumte nachzuholen, bot die Art Basel an, ihren 40. Geburtstag mit einer Neuaufnahme der Künstler-Oper zu feiern.
Obrist und Parreno führten Regie
Die Fondation Beyeler und das Theater Basel traten als Koproduzenten helfend hinzu. Bereits die Liste der Beteiligten liest sich wie ein Who is Who des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Hans Ulrich Obrist und Philippe Parreno haben die Idee entwickelt und das Ereignis kuratiert. 20 Künstlerinnen und Künstler sind nach Basel gekommen, um daran mitzuwirken. Doug Aitken und Matthew Barney zählen ebenso dazu wie Tacita Dean und Olafur Eliasson, Carsten Höller und die Schweizer Fischli/Weiss. Sie alle erhielten 15 Minuten Zeit, um ein Werk zu realisieren. Obrist und Parreno führten in Basel zusammen mit Anri Sala und Rirkrit Tiravanija Regie.
"Was passiert, wenn eine Ausstellung nicht Raum beansprucht, sondern Zeit?", lautete die zentrale Frage, auf die alle Beteiligten frei reagieren konnten. Diese Offenheit wurde der Produktion nun allerdings eher zum Hindernis als zum Segen. Denn sie schließt ein, dass jeder machen kann, was er möchte, und es nicht darauf ankommt, die Instrumente zu beherrschen, zu denen man greift. Zeit ist ein Element der Bühne und der Handlungen, die sich darauf entwickeln, und wer nicht nur einen flotten Kuratorenspruch machen, sondern sie gestalten will, muss um die Formen und Traditionen, um das Handwerk wissen, mit der sich diese Zeit modulieren lässt. Daran haben viele Beteiligten jedoch nur ein bescheidenes Interesse. Sie zählen zu derjenigen Generation, die gelernt hat, Impulse und Ideensplitter umstandslos in Werke umzusetzen, die schnell Netze knüpft, sich die Bälle zuspielt und wenig danach fragt, wie gut die Pässe geschlagen sind. Dabei kommen Gags und Sketche heraus, die vielleicht die über viele gemeinsame Projekte miteinander verbundenen Künstler der sogenannten "Guggenheim-Gang" amüsieren, dem uneingeweihten Besucher jedoch banal erscheinen.
Mitmachtheater wie vor 70 Jahren
Diese Zerspieler und Dekonstruktivisten fragmentieren Formen. Das kann durchaus befreiend wirken. In dieser Künstler-Oper ging es häufig daneben. Den meisten Beiträgen liegt nicht mehr als die platte Auflösung einer Konvention zugrunde. Liam Gillick lässt ein Klavier im Stil der alten Stummfilm-Kinomusik ab Band klimpern, während auf das real auf der Vorbühne stehende Klavier Konfetti regnet. Tino Segal fährt den roten Bühnenvorhang hoch und runter und schafft es immerhin noch, ihn zur Musik der Basler Sinfonietta tanzen zu lassen. Peter Fischli und David Weiss haben ihre alten Kostüme von Ratte und Bär wieder hervor geholt und lassen den Eisernen Brandvorhang herunterfahren. Anri Sala verteilt Opernsängerinnen und –sänger im Publikum, die Arien aus Puccinis "Madame Butterfly" singen.

