Carl Spitzweg und Erwin Wurm

Kampf dem Spießertum

Ein Paarlauf mit Erwin Wurm macht die erste Carl-Spitzweg-Ausstellung in Österreich zu einem Fest. Denn so unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick auch erscheinen, vereint sie doch eine zentrale Gemeinsamkeit.
Kampf dem Spießertum

Ein fulminantes Paar: Carl Spitzwegs "Der Bücherwurm", 1850, Öl auf Leinwand, 49,4 × 26,9 cm und Erwin Wurms "Take your most loved philosophers", 2002, Bücher und auf Sockel gezeichnete Anleitung von Erwin Wurm, 155 × 80 × 47 cm

 

Die erste Spitzweg-Ausstellung in Österreich zu organisieren, würde ja alleine schon für das Bundesmuseums-Verdienstkreuz reichen, wenn es eins gäbe. Doch die Kombination, die sich Leopold-Museums-Direktor Hans Peter Wipplinger für diese späte Premiere einfallen ließ, macht sie zu mehr als dem reinen Aufholen lange Versäumten.

Der Paarlauf mit Erwin Wurm, Österreichs zur Zeit prominentestem Künstler, wirkt, als wäre er seit Jahrzehnten generalstabsmäßig geplant gewesen, schaut man auf die Jahreszahlen der Arbeiten Wurms, die ausgewählt wurden. Die 15 skulpturalen Interventionen, die man zwischen die 110 Spitzweg-Arbeiten (vor allem aus dem Georg Schäfer Museum) platziert hat, sind verblüffend treffende Kommentare, Ergänzungen und Hineinholungen ins Zeitgenössische. Was Spitzweg und Wurm vereint, ist ihre so verlockend populär daherkommende Kritik am Spießertum, am Biedermeier. Bei Wurm ist es das Spektakel, bei Spitzweg der heimelige, "schöne" Stil, mit dem verbrämt die Kritik an genau dem einhergeht.

Bissige Kommentare auf die falsche Heimeligkeit der Metternich-Zeit

So ist es ein Ereignis, wenn man ins Untergeschoss des Leopold Museums herabsteigt und vor einem die ganze Halle bis zum Dach füllenden Einfamilienhaus originaler Ausmaße zu stehen kommt – inklusive Blumenkästen. Eintreten darf man auch, da hört der Spaß dann aber auf. Denn das Haus hat zwar eine durchschnittliche Höhe und Länge, aber die Idylle trügt in diesem Fall nicht nur, sondern drückt auch, und zwar in der Horizontalen: Das Haus wurde der Breite nach geschrumpft und zwar auf 1,50 Meter, inklusive der gesamten Einrichtung von Esszimmer, Küche, Schlafzimmer und Bad. Es handelt sich dabei ums traute Heim der Künstler-Eltern: Wurm wurde 1954 im steirischen Bruck an der Mur geboren. Muss beengend gewesen sein.

Kampf dem Spießertum

Das berühmteste Werk von Carl Spitzweg: "Der arme Poet", 1838, Öl auf Leinwand, 37,9 × 45 cm, Privatbesitz

Hinter den Spitzengardinen von Wurms Wohnzimmer der Kindheit spitzelt man durch auf Spitzwegs so schöne wie bissige Kommentare auf die falsche Heimeligkeit der Metternich-Zeit. Man beobachtet voyeuristisch die Szene des überreichten Blumenstraußes etwa, den ein Galan seiner darob scheinbar entsetzten Angebeteten hinstreckt. Ein Voyeur unter vielen, folgt man den Blickachsen der so beiläufig noch Dargestellten.

Ein fulminantes Paar

Ein Kapitel ist Spitzwegs kaum verhohlener Kritik an der Kirche gewidmet: Eine Serie von Mönchbildchen sind unmäßig in jeglicher Weise. Dazu assoziiert man eine Fotostrecke Wurms, die im Benediktinerstift Admont entstand, wo Mönche sich zu Wurms berühmten One-Minute-Sculptures verführen ließen, also in komischen bis surrealen Posen verharren. Eine solche Gelegenheit bekommt man auch selbst in der Ausstellung: Angesichts Spitzwegs Ikone des "Bücherwurms" (1850), also des auf der Bibliotheks-Leiter gefangenen Privatgelehrten – er hat überall Bücher eingeklemmt, darf man sich als ebensolcher reinszenieren. Auf einem Podest liegen Wurms "liebste Philosophen" in Buchform bereit, die man sich hier zwischen Arme und Beine klemmen soll – und vor lauter Wissen erstarren soll. Eine One-Minute-Sculpture-Anweisung von 2002 übrigens. Lange hat sie warten müssen auf ihr historisches Pendant in der Malerei. Ein fulminantes Paar.

Interessant wird es bei der Gegenüberstellung der Selbstporträts der beiden, da merkt man dann die Zeitenwende: Denn bei sich selbst verging Spitzweg dann doch der Humor und der satirische Blick, er stellte sich 1842 todernst dar, mit strengem Blick durch die Brille und in schwarzer Jacke. Wurm dagegen kniet 2002, betend, mit riesiger Zitrone im Mund. Nur wovor, das sieht man nicht.

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