Miriam Cahn

Immer scharf am Abgrund

Mit ihren Schwarzweißzeichnungen war Miriam Cahn eine der prägenden Künstlerinnen der achtziger Jahre. Jetzt meldet sie sich mit Gemälden von strahlender Farbkraft zurück.
Immer scharf am Abgrund

Miriam Cahn 2016 in der Kunsthalle in Kiel, wo rund 130 Arbeiten von ihr aus mehr als 40 Jahren zu sehen waren.

Tiefer Schatten liegt auf dem Haus. Das Licht verfängt sich hoch oben in den Schneegipfeln der Engadiner Berge. Auf den Steinplatten des Dachs wächst Moos. An der ausgeblichenen Bohlenwand hängen Sägen, Bohrer und Haken. Wer an dem alten Holzbau am Dorfrand von Stampa vorbeikommt, denkt an einen Schuppen, in dem ein Bauer seine Gerätschaften verstaut hat. Doch drinnen brennen bisweilen die Farben. Da ist ein Raum alles zugleich. Hier wird geschlafen, gekocht und gearbeitet. An der Wand leuchten Farbränder. Sie sind von vielen der glühenden Bilder geblieben, die Miriam Cahn kürzlich in Karlsruhe im Badischen Kunstverein gezeigt hat. Figuren mit dunklen Augen und auratisch hellen Körpern.

Fremde in fahlen Landschaften. Glühende Brüste und wulstige Schamlippen. Köpfe mit Hundeohren. Hunde mit Rattenschwänzen. Mischwesen aus Menschen und Tieren. Schimmernde Architekturen und Wege, die sich wie Schlangen durch Landschaften winden. Menschen mit Pistolen und erhobenen Händen. Grauen und Zärtlichkeit haben da nebeneinander Platz. So verschieden die Sujets sind, sie alle fallen auf durch die Leuchtkraft und Transparenz ihrer Farben. Und auf manchen Leinwänden feiert die Malerei ganz ohne Figuren ein Fest. Dann sind da nur mehr Blaus und Rots und Gelbs zu Flächen geschichtet, als wären die Ölbilder abs- trakte Aquarelle. Diese Gemälde faszinieren seit geraumer Zeit von Berlin über Paris bis New York eine junge Generation von Galeristen.

Doch um eine Auseinandersetzung mit Farbe geht es der Malerin nicht. "Solche Fragen habe ich längst hinter mir. Ich bin einfach eine gute Malerin", sagt die 63-Jährige spöttisch, wenn man danach fragt, wie sie diese Bilder zustande bringt. "Ich habe das Privileg, dass ich von früh an sehr gut über Kunst informiert war." Der Vater war in Basel Archäologe und Kunsthändler, die Mutter zeichnete. "Man besuchte Kokoschka und viele andere Künstler. Überall im Haus lagen Kunstbücher, die Auktionskataloge von Klipstein, Kornfeld und Ketterer wurden monatlich geliefert. Für mich ist es keine Frage, wie Farben zueinander passen.

Das hat mich vielleicht noch während der Ausbildung zur Werbegrafikerin in der Schule für Gestaltung beschäftigt. Heute ist das einfach Handwerk." Worauf es Miriam Cahn ankommt, hat sie bereits bei der ersten Arbeit gezeigt, mit der sie international Furore machte. 1979 wurde in Basel ein Autobahnstück gebaut. Brücken und Pfeiler standen schon und zerschnitten ein Stadtviertel. Viele protestierten. Auch die Künstlerin.

Doch dann ging sie auf das Areal und war begeistert: "Das waren riesige leere Flächen, die ich zur Verfügung hatte. Das war plötzlich meine Autobahn." Tagsüber zeichnete sie in ihrem Atelier, nachts zog sie los und zeichnete auf den Beton. Alleine, in weißem Overall, mit schwarzen Kreiden.

»Dass Beuys die Kunst öffnete, fand ich toll, dass er es in einer so deutschen Art machte, störte mich.«

Eine oder zwei Zeichnungen, dann ging sie nach Hause. Das war eine künstlerische Besetzung der Störkörper mit den Mitteln der Performance. "Aber im Sinn der siebziger Jahre: Man taucht in etwas ein, verbraucht die Energie und taucht wieder auf. Das kann fünf Minuten gehen oder anderthalb Stunden." Das Entscheidende geschieht im Augenblick, Planung ist so wenig möglich wie Kontrolle. Die Zeichnungen werden von innen heraus entwickelt. Dauerhaftigkeit ist dabei kein Ziel. Miriam Cahn nannte die Aktion programmatisch "mein frausein ist mein öffentlicher teil" und fotografierte dieses riesige Zeichnungsfeld, bevor sie angeklagt wurde und die Polizei die Arbeiten zerstörte.

Ein solcher Auftritt war Ausdruck der damaligen Zeit. Joseph Beuys gab im deutschsprachigen Raum den Ton an, die Malerei prägten Künstler wie Anselm Kiefer. "Dass Beuys die Kunst öffnete, fand ich toll, dass er es in einer so ideologischen, deutschen Art machte, störte mich." Miriam Cahn wollte sich nicht sagen lassen, was Künstler tun dürfen. Verbote für Künstlerinnen mochte sie schon gar nicht. An der Pinnwand in ihrer Kochecke hängen winzige Abbildungen von Robert Indianas "LOVE" und vom ähnlich gestalteten "AIDS" der Künstlergruppe General Idea untereinander.

"Das ist die Geschichte der Sexualität meiner Generation. Als Aids kam, hat sich alles geändert. Zum Glück konnte ich die Befreiung der Love-Zeit voll genießen." Feminismus erlebte Miriam Cahn anfangs als Kunst, offen und voller Energie. Sie begeisterte sich für Valie Export und Ulrike Rosenbach.

"Performance und Video waren mir wichtig." Selber praktizieren wollte sie diese Formen so jedoch nicht. "Ich nahm mir, was ich davon brauchen konnte, und entwickelte daraus meine eigene Form von Zeichnung." Sie richtete sich einen "Kreideraum" ein, schabte schwarze Kreide zu Pulver, hockte sich hinein und zeichnete auf alle mögliche Weisen, manchmal auch mit dem nackten Körper. In aktionsartigen Handlungen entstanden winzige und riesige Formate. Einzelne Blätter und Serien, sogar ganze Räume. Alles war von ähnlicher Intensität durchdrungen, alles sollte gleich viel wert sein. Das erste Blatt so viel wie das letzte. Und die Zeichnung stand nicht hinter der Malerei zurück. Auslöser war alles, was die Künstlerin beschäftigte. Träume und der eigene Monatszyklus, aber auch Kriege.

Als der zweite Golfkrieg ausbrach, schuf sie 1991 einen ganzen Raum dazu. Aber bei aller Härte und Polarisierung mancher Themen: Cahn wollte, dass die Blätter leicht blieben, ohne Pathos. "Während Kiefer ein ganzes Team brauchte, um seine Bilder zu malen und zu einer Ausstellung zu transportieren, konnte ich meine Zeichnungen zusammenlegen und in einer Mappe im Zug mitnehmen. Und wenn ich sie auseinanderfaltete, hatte ich einen ganzen Raum, der war dann sogar größer als diese bedeutungsschweren Gemälde", sagt sie. "Anti-Kiefer."

Als in den neunziger Jahren der Rücken nicht mehr mitmachte, musste sie mit den Kreidezeichnungen aufhören. Sie hatte bereits zuvor mit allen möglichen anderen Formen experimentiert, um "Routine zu vermeiden". Also entwickelte sie eine Form der Malerei, die zwar dauerhafter wirkt als manche Kreidezeichnung, aber in derselben performanceartigen Weise entsteht. "Ich habe einfach das Verfahren gewechselt", sagt Miriam Cahn. Und Kreide mit Öl und Pinsel getauscht. Ihre Bilder entstehen ähnlich wie früher die Zeichnungen. "Wenn ich eine Pistole male, dann weiß ich, wie es ist, sie in der Hand zu halten. Ich male das aus dem entsprechenden Körpergefühl heraus", sagt Miriam Cahn und streckt den Arm aus, als wollte sie zielen. Mit den sehr flüssig gemalten Farben schafft sie eine Flüchtigkeit, die viel von unserer Zeit trifft, in der Konturen ins Diffuse verschwimmen. Damit sie bei all der Leichtigkeit und Spontaneität ihrer Mal-Performances nicht abhebt, hat Miriam Cahn sich vor fünf Jahren ein Kontrastprogramm verordnet. In einer Halle ein paar Kilometer weiter unten im Tal liegen schwere Holzklötze übereinander. Zwei Meter lang das Stück, Körpergröße also. "Die habe ich alle von Hand geschnitzt", sagt die Künstlerin, und ihre Augen leuchten. Sie liebt die Arbeit mit Schnitzmesser und Handsägen.

»Wenn diese Tiere gehen, hat man das Gefühl, die ganze Erdgeschichte lastet auf ihnen.«

Am Anfang stand eine Ausstellung im ehemaligen Kloster Schönthal im Umland von Basel. Im Skulpturenpark schnitzte sie Formen in eine lebende Esche. Ein brutaler Akt. "Die Arbeit heißt auch Brutalitätenskulptur", sagt Cahn, "aber ich wollte durchaus, dass der Baum überlebt, und ließ genügend Rinde bestehen." Damals hat sie an der Verlangsamung und Schwere Gefallen gefunden, welche die Bearbeitung von Holz mit sich bringt. Das große Format ist allerdings nicht auf die Skulpturen beschränkt.

Hinter einer Trennwand ist ein Malatelier eingerichtet, das mit seiner Höhe zur Expansion verlockt. Riesige Leinwände lehnen an den Wänden. Ein pink-weiß glühender Vierbeiner schaut uns an. Gegenüber scheint eine weiße Traumgestalt durch eine rot, grün und braun glühende Landschaft zu wandeln. "Tapirschreiten" lautet der Titel. "Haben Sie schon einmal einem Tapir zugeschaut?", fragt Cahn. "Wenn diese Tiere gehen, hat man das Gefühl, die ganze Erdgeschichte lastet auf ihnen. So vorsichtig und langsam setzen sie ein Bein vors andere." Mit der Erklärung bekommt das Bild eine andere Dimension. Die Figur scheint ihren Fuß in Zeitlupe zu heben, die Landschaft schwebt, als würde man einen Film anhalten, bis das Bild zu flimmern beginnt.

Die größten Gemälde kehren das Gesicht zur Wand. Miriam Cahn dreht sie um. Fast tänzerisch bewegt sie sich mit den drei, vier Meter hohen Formaten durch den Raum, zirkelt an Tischkanten, Boden und Leinwänden vorbei und demonstriert, dass sie die Ungetüme ganz alleine bewegen kann.

Ist sie damit nicht bei einem Format angelangt, das sie ganz am Anfang ihrer Karriere bei Anselm Kiefer und anderen Macho-Malern lächerlich gemacht hat? "Groß sind die Bilder schon, aber sie bleiben leicht, sie haben nichts Monumentales, weder im Material noch in ihrer Bedeutung", sagt die Künstlerin und schiebt eine Leinwand zur Seite, dass die Kante über die Boden schrammt. "Ölmalerei hat bei mir keinen Wertbonus", sagt sie und lacht, als sie sieht, wie der Besucher zusammenzuckt. Noch ein Ruck und das Gemälde lehnt an der Wand.

Rot strahlen Stamm und Äste eines Baums. Die Krone ist von einem leichten Schleier aus Grau umfangen und erhält dadurch Volumen. Einsam ragt er in einen Himmel aus hellem Blau. Ein Held, ein Gigant, der zugleich so fragil erscheint wie die Dinge im Traum. "Zuerst habe ich mir gesagt, jetzt spinnst du aber völlig", erzählt Miriam Cahn von ihrer eigenen Überraschung. "Aber eigentlich ist er für einen Baum gar nicht so groß. Mit war es einfach wichtig, dass er ungefähr im Maßstab eins zu eins gemalt ist. Aber jeder hat die Freiheit, damit umzugehen, wie er möchte."

Auf der Rückfahrt zum Wohnatelier parkt Miriam Cahn ihren Offroader haarscharf an der Hangkante. "Keine Angst, ich kenne meine Abgründe", sagt sie fast mütterlich. Man atmet tief durch. Wie vor ihren Bildern.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen