Regina José Galindo

Mit einer Schüssel Menschenblut

Die guatemaltekische Künstlerin Regina José Galindo geht gegen Mörder und Machos vor. Ein Porträt
Mit einer Schüssel Menschenblut

Die Guatemalische Künstlerin Regina José Galindo während einer Performance

Es gibt Dinge, die kann der Körper besser ausdrücken als das Wort. Vielleicht gilt das besonders, wenn es um Gewalt geht. Und um Gewalt geht es bei Regina José Galindo immer. Für eine Performance hat sich Galindo in einem Plastiksack auf einer Mülldeponie ablegen lassen, wie eines der vielen Mordopfer in Guatemala. Sie hat sich "waterborden" lassen ­ eine Foltertechnik, die Ertrinken vortäuscht. Und sie hat sich ihr Jungfernhäutchen vor laufender Kamera wieder herstellen lassen ­ eine Operation, die Frauen vor der Heirat ertragen, weil der allgegenwärtige Machismo in ihrer Heimat es so verlangt. Der Eingriff ging schief, wie bei vielen anderen auch. Galindo wurde schwer blutend ins Krankenhaus eingeliefert. "Ich versuche den Menschen mit meinen Auftritten die Realität vor Augen zu führen", erklärt die 41-Jährige.

Mit einer Schüssel Menschenblut

Performance von Regina José Galindo zur Eöffnung der öffentlichen Programme der Documenta 14 im Parko Eleftherias: "Ojo de gusano: Don’t Look Down (Ojo de gusano: Nicht zu Boden sehen)", 2016

Galindo kann aber auch leiser vorgehen. In ihrer berühmtesten Performance ging sie mit einer Schüssel Menschenblut unter dem Arm durch Guatemala-Stadt. Immer wieder setzte sie die Schüssel ab, tauchte ihre Füße ein und hinterließ ein paar Meter blutiger Fußspuren auf dem heißen Asphalt. Langsam zog sie so durch die Stadt bis vor das Verfassungsgericht. Das Blut hatte sie vorher im Krankenhaus gekauft. In "Wer kann die Spuren verwischen?" ging es ihr um die Opfer des 36 Jahre währenden Bürgerkriegs, der bis 1996 in ihrem Heimatland tobte und 200 000 Menschen das Leben kostete. Bis heute hat Guatemala die fünfthöchste Mordrate der Welt. Es war ein Totenmarsch und ein Protestlauf gegen die Untätigkeit der Justiz. "Wut, Angst und Verzweiflung sind immer nur der Anfang. Danach geht die wirkliche Arbeit erst los. Ich bin sehr zurückhaltend beim Einsatz meiner Mittel. Ich möchte, dass jeder Gegenstand ein Symbol ist."

Stille als Widerstand
Ein irritierendes Preview-Festival in einem ehemaligen Foltergefängnis Athens und die Präsentation der neuen Ausgabe des Magazins »South – As A State Of Mind« lassen drei wesentliche Schlüsse auf Adam Szymczyks documenta 14 zu

2005 wurde Galindo auf der Venedig-Biennale mit dem Goldenen Löwen für Künstler unter 30 geehrt. 2014 wurden zwei ihrer Performances im Guggenheimmuseum in New York gezeigt. »Ich hatte keine Lehrer, keine Vorbilder, ich habe auch nie Kunst studiert. Aber ich hatte Freunde, die mir geholfen haben«, sagt Galindo, die heute zu den wichtigsten Künstlerinnen Guatemalas zählt. Bis April 2016 sind unter dem Titel "Mechanismen der Gewalt" einige ihrer Werke im Frankfurter Kunstverein zu sehen. Darunter eine Aufnahme von Niemand durchquert die Region, ohne dreckig zu werden (2015), bei der sie sich in Miami bis zum Hals in Schlamm eingraben ließ und Besucher bat, durch den Schlamm zu ihr zu kommen. "Es geht um den schweren Weg der Migranten in die USA, um das große Unwissen über Mittelamerika, die Ignoranz."

Das Bild wurde erschreckend aktuell: Nur Stunden vor der Performance wurden bei einem Erdrutsch in Guatemala-Stadt Hunderte Menschen verschüttet. Freunde von Galindo buddelten mit bloßen Händen nach Überlebenden, während sie zeitgleich in ihrem Schlamm in Miami lag.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen