Hans Haacke

Denn sie wissen, was sie tun

Mit politischen Installationen hat sich der deutschamerikanische Künstler so viele Feinde gemacht, dass er kaum ausgestellt wurde. Eine Begegnung mit Hans Haacke.
Deutsche Kunst
 

Politisches Blumenbeet im Innenhof des Reichstag: Hans Haacke: "Der Bevölkerung"

Stellt man sich einen Mann zu der Kunst vor, die Hans Haacke seit 35 Jahren macht, dann erwartet man eher einen zornigen Anarchisten im Bakunin-Format, einen bärtigen Klassenkämpfer mit notorisch schlechter Laune - aber nicht einen sanften, kleinen Herrn in Gesundheitssandalen, der leise spricht und an kontroversen Punkten im Gespräch freundlich lächelnd ausweicht. Vielleicht liegt es daran, dass Hans Haacke mittlerweile 70 und etwas altersmilde geworden ist. "Irgendwo muss man seinen Ärger ja abreagieren", ist alles, was man Haacke auf die Frage entlockt, woher seine Freude an Konflikten kommt, die umso größer scheint, je mehr seine Gegner davon überzeugt sind, gerade Gutes zu tun.

Denn Haackes Lieblingsfeinde sind die Sponsoren, die Kunstgönner, die Wirtschaftsleute mit Bürgersinn.

Denn sie wissen, was sie tun

Hans Haacke bei der Eröffnung seiner Skulptur "Gift Horse" am Trafalgar Square in London, März 2015.

Der 1996 gestorbene Aachener Sammler Peter Ludwig etwa, der sich als Deutschlands bedeutendster Kunstmäzen fühlte, in seiner Schokoladenfabrik aber überwiegend Frauen zu Billiglöhnen beschäftigte, denen er Kinderbetreuung im Betrieb mit der Begründung verweigern ließ, seine Monheim-Gruppe sei "eine Schokoladenfabrik und kein Kindergarten". Ihm widmete Haacke 1981 die berühmte Arbeit "Der Pralinenmeister", die auf Tafeln - unter den Logos von Ludwigs Schokoladenmarken - die kapitalistischen Ausbeutungsmethoden des Sammlers beschrieben.

Oder Daimler-Benz und die Deutsche Bank, Pioniere im Bereich "Imagegewinn durch Kunstsponsoring": Auf der Documenta 1987 stellte Haacke in einer großen Installation die Hintergründe der Konzerngeschäfte mit dem Apartheid-Regime Südafrikas dar und kratzte damit gehörig am generösen Selbstbild der Unternehmen, die für ihre Hochhausflure massenweise zeitgenössische Kunstwerke kauften.

Mit einer besonders schönen Installation von einem Juweliergeschäft als Bunker und Grab beleuchtete Haacke bereits 1986 dieselben wirtschaftlichen Verstrickungen für Cartier. Die Luxusmarke unterhält in Paris eine Stiftung für zeitgenössische Kunst, während ihr Hauptaktionär, die südafrikanische Rembrandt Group, lange die Menschenrechte in Afrika mit Stiefeln trat.

Weil Haacke sich in seiner Kritik immer wieder auch mit der Einflussnahme der Geldgeber auf die großen Museen und die damit einhergehende schleichende Korrumpierbarkeit des Kunstbetriebs auseinandersetzte, gibt es dort bis heute gewisse Berührungsängste zu dem Künstler. Das New Yorker Guggenheim und das Kölner Wallraf-Richartz-Museum luden Haacke 1971 beziehungsweise 1974 wieder aus, weil er sich mit dem wirtschaftlichen Verhalten ihrer Leihgeber beschäftigt hatte. Und bis heute macht Haacke die Erfahrung, dass "große Museen, die wesentlich auf Sponsorengelder angewiesen sind", es sich nicht leisten könnten, "so jemand wie mich" auszustellen. In seiner Heimatstadt New York, wo Museumsfinanzierung fast ausschließlich aus privaten Quellen erfolgt, gab es nie eine Retrospektive. Die große Doppelwerkschau, die nun in Deutschland für ihn ausgerichtet wird, findet auch nicht in einem zentralen Kunstmuseum statt, sondern in der Berliner Akademie der Künste und den Deichtorhallen Hamburg.

Man findet schwerlich einen anderen Künstler, der in seiner Botschaft so klar nach Wahrheit und Moral fragt, wie Haacke

Haacke behauptet zwar, das kränke ihn nicht, ja, er nehme das den Museen nicht einmal übel, aber frei von Eitelkeit ist natürlich auch seine Position nicht. Haacke betreibt eine Art negativer Selbstmystifizierung, indem er es ablehnt, für ein Foto zu posieren.

Und außerdem nimmt er es für seine erste große Gesamtschau mit der Moral auch nicht mehr so genau. In Hamburg arbeitet er mit einem Ausstellungsbetrieb zusammen, der genau die Struktur von privater Einflussnahme abbildet, die er offiziell immer bekämpft hat. Die Hamburger Deichtorhallen wurden 2002 von der damaligen Kultursenatorin Dana Horáková im Handstreichverfahren dem privaten Sammler F. C. Gundlach übertragen, der hier als Gründungsdirektor eines Fotomuseums seine eigene Sammlung unterbringen und ausstellen kann. Er sei nicht auf Institutionskritik abonniert, erklärt Haacke dann auch lapidar auf den Vorwurf weicher Prinzipien.

Doch den Wert seiner langjährigen Dissidententätigkeit im Kunst- betrieb macht diese späte Inkonsequenz nicht zunichte. Beharrlich, um nicht zu sagen störrisch und unabhängig von den Zyklen, in denen politische Kunst en vogue ist, hat Haacke seine Arbeit auf Macht und Machtmissbrauch bezogen. Zwar lehnt er den Begriff "Politische Kunst" für seine Arbeit als "verkürzend" ab. Aber man findet schwerlich einen anderen prominenten Künstler, der in seiner Botschaft so klar nach Wahrheit, Demokratie, Menschenrechten und Moral fragt, wie Haacke - und damit zielsicher den Finger in offene Wunden legt. Seine letzte berühmte Aktion in Deutschland, die Installation "Der Bevölkerung", erzählt in ihrer Entwicklung eine beispielhafte Geschichte von Haackes Kunststrategie - sogar eine mit Happy End.

1998 wurde Haacke eingeladen, sich am Kunstprogramm im Regierungsviertel zu beteiligen. Er schlug vor, den Schriftzug am Reichstag - "Dem deutschen Volke" -, der die nicht deutsche Bevölkerung diskriminiere, durch eine Installation im Haus zu kommentieren, die auf die Gesamtheit der Menschen verweist. Die Wörter "Der Bevölkerung" in der gleichen, einst von Peter Behrens entwickelten Schrift, wollte Haacke in ein Beet stellen, das von allen Abgeordneten des Deutschen Bundestags mit Erde aus ihren Wahlkreisen gefüllt werden sollte. Dieser Vorschlag eröffnete eine aufgeregte, von patriotischen Tönen gefärbte Diskussion, die schließlich 2000 in einer Bundestagsdebatte endete.

Nach der Zustimmung des Parlaments (mit 260 zu 258 Stimmen) fanden sich dann tatsächlich die meisten seiner Mitglieder bereit, an der Aktion teilzunehmen. Erde von stark symbolträchtigen Orten wie dem ehemaligen KZ Buchenwald oder dem Haus in Solingen, in dem 1993 nach einem ausländerfeindlichen Anschlag fünf Menschen verbrannten, vermischen sich mit Humus aus eher unbelasteten Orten zu einem Beet, in dem Unkraut wachsen darf, wie es will. "Es ist sehr schön, dass sich die Lage entkrampft hat und sich mein 'Der Bevölkerung' gewidmetes Projekt inzwischen einer gewissen Popularität erfreut - und dass jetzt auch Abgeordnete aus den Parteien, die es vor sechs Jahren verteufelt und dagegen gestimmt haben, Erde aus ihrem Wahlkreis in den Reichstag bringen und sich dabei fotografieren lassen", bemerkt Haacke zufrieden.

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Noch immer gilt er als Inbegriff des politischen Künstlers: Hans Haacke bewies mit seinen kritischen Arbeiten stets Haltung. Aber wie steht es um das politische Bewusstsein der jüngeren Künstlergeneration?

Tatsächlich würde man Haacke falsch verstehen, entstünde das Bild eines Berufsprovokateurs. "Indirekt spricht durch meine Arbeiten, was ich mir für eine humanere Welt erträume", sagt er. Er will etwas bewegen, er hat eine Vorstellung vom gerechteren Leben und ist schon deswegen im reinsten Sinn des Wortes "politisch".

Und was ist dann an Haackes Arbeiten die Kunst? Seine vermutlich wichtigste Installation, "Germania" für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1993, zeigte anschaulich, wie sich eine politische Kritik in ihrer Umsetzung künstlerisch verzweigt. Ein großes deutsches Eine-Mark-Stück mit der Jahreszahl der Wiedervereinigung thronte über dem Eingang, ein Repräsentationsfoto von Adolf Hitler, der 1934 den Pavillon besucht hatte, versperrte den geraden Weg ins Innere. Dort lag der Original-Travertinboden aufgerissen und geschichtet wie Caspar David Friedrichs berühmtes Eisschollengemälde "Gescheiterte Hoffnung". Der Schriftzug "Germania", italienisch für Deutschland, aber auch Name der geplanten Welthauptstadt Berlin nach dem Endsieg, prangte an der Wand.

Die NS-Architektur des Baus verwandelte sich durch die starke Bildlichkeit von Haackes Intervention in ein Erinnerungstheater.

Aufgeführt wurde ein Stück über politische Symbolik.

Haackes Feldzug gegen Heuchelei, Vertuschung und falsche Samariter wird inzwischen allerdings vernebelt vom Heer der Friedenspfeifen. Zu seinem 70. Geburstag am 12. August diesen Jahres stimmte das deutsche Feuilleton einstimmig den Chor des Lobes an. Und im Zentrum von Berlin durfte Haacke gerade ein großes Denkmal zu Rosa Luxemburg umsetzen.

Darum scheint der Tag nicht fern, wo selbst das Guggenheim in seiner Berliner Dependance im Haus der Deutschen Bank Haackes Arbeiten ausstellen kann - falls er sich soweit verbiegen möchte.

Völlig anders stellt sich die Situation an seinem Wohnort New York dar. Auch in den USA hat Haacke sich immer mit Installationen zu politischem Unrecht geäußert, hat Bush und den New Yorker Bürgermeister Giuliani angegriffen und Heiligtümer wie Fahne und Verfassung in kritischen Kontexten verwendet. Inzwischen aber macht er sich konkrete Sorgen über die Meinungsfreiheit:

"Im aktuellen politischen Klima kann es Folgen haben, sich als Ausländer politisch zu Wort zu melden." Es gibt also noch viel zu tun für Hans Haacke, den netten Klassenkämpfer.

»Trump hat sich ins Knie geschossen«
Seit langem lebt der deutsche Konzeptkünstler Hans Haacke in New York, an einen Wahlsieg von Donald Trump glaubt er nicht mehr. Er habe »einfach zu viel dummes Zeug geredet.«
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