Jonas Mekas im Museum Ludwig

Ein steter Fluss flüchtiger Momente

"Wer hat Angst vor Jonas Mekas?", fragte vor 15 Jahren Nam June Paik, um gleich darauf auf sich selbst zu zeigen. Der Filmemacher gehört zur Speerspitze des Avantgardefilms.
Ein steter Fluss flüchtiger Momente

2015 nimmt der 92-jähriger Film-Regisseur Jonas Mekas aus Litauen an der Veranstaltung "Dictonary of Now #1" im Haus der Kulturen in Berlin teil.

"Wer hat Angst vor Jonas Mekas?", fragte vor 15 Jahren Nam June Paik, um gleich darauf auf sich selbst zu zeigen. "Warum? Weil Mekas ein viel größerer Videokünstler ist als ich." Der derart Gepriesene dürfte sich nicht weiter daran gestört haben, dass er eigentlich kein Videokünstler, sondern Filmemacher ist, und dass die internationale Kunstszene Paiks Urteil immer noch um Meilen hinterherhinkt.

Als Mekas 1950 begann, sein Leben mit einer 16-Millimeter-Bolex-Handkamera aufzuzeichnen, waren die Sphären von Film und Kunst noch streng getrennt. Und so bedeutet seine mit der Documenta 11 in 2002 einsetzende Entdeckung durch die Kunstwelt weniger eine späte Genugtuung als ein gerade noch rechtzeitig eingetroffenes Geschenk. Aus der Geschichte des experimentellen Kinos ist Mekas jedenfalls schon lange nicht mehr wegzudenken:

Seine beinahe ein halbes Jahrhundert umfassenden Filmtagebücher sind ein ebenso monumentales wie persönliches Lebenswerk, nehmen zahlreiche Stilmittel der Videokunst vorweg und bilden dank wiederkehrender Gäste wie Andy Warhol, John Lennon oder dem Beat Poeten Allen Ginsberg eine lebendige Chronik der New Yorker Subkultur.

Publizistische Speerspitze des Avantgardefilms

Das Kölner Museum Ludwig präsentiert das Werk des in Litauen geborenen und in die Vereinigten Staaten emigrierten Jonas Mekas jetzt in seiner ersten deutschen Einzelschau und würdigt auch dessen bedeutende Rolle als Kulturvermittler.

Neben der Filmarbeit betätigte sich Mekas als publizistische Speerspitze des Avantgardefilms, erkuratierte klassisch gewordene Filmschauen, gründete das New Yorker "Anthology Film Archive" und säte mit ungebrochenem Enthusiasmus, was Künstler heute ganz selbstverständlich ernten - die Präsenz von Filmkunst auch in Museumshallen.

Eine Vielzahl von Dokumenten zeigen diesen Teil von Mekas' Schaffen, eine umfangreiche Retrospektive seiner Filme wird gleichzeitig im Kino des Museums Ludwig zu sehen sein. Dabei lässt sich ein kurzer Beitrag von 1966 ("Hare Krishna") entdecken, der ein Happening mit schnellen Schnitten, Zeitraffer und Wischeffekten zum modernen Musikvideo veredelt, oder eines von seinen mehrstündigen Homemovies, in denen das Leben als steter Fluss flüchtiger Momente vorüberzieht und gerade in der essayistischen Unordnung seine Poesie entfaltet. Dass Jonas Mekas bis heute mit der Zeit zu gehen versteht, zeigen schließlich seine multimedialen Projekte, darunter ein filmischer Kalender im Internet.

Documenta 14
So gigantisch, dass sie nur alle fünf Jahre stattfinden kann: Die Documenta in Kassel ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen zeitgenössischer Kunst. Hier finden Sie Bilder, Berichte und Highlights aus Kassel und Athen