Venedig-Biennale 2009

Bilanz

Die Löwen brüllen an der falschen Stelle
John Baldessari wurde neben Yoko Ono mit dem Ehren-Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Hier seine Intervention "Ocean and Sky (with two Palm Trees)" am Palazzo delle Esposizioni (Foto: Jörg Gläscher)
DIE LÖWEN BRÜLLEN AN DER FALSCHEN STELLE
In diesem Jahr wurden die Preisträger gleich zu Anfang der Biennale von Venedig verkündet. Vor allem die Goldenen Löwen an Bruce Nauman und Tobias Rehberger werfen Fragen auf – war neben Mutlosigkeit auch Vetternwirtschaft im Spiel? Eine erste Bilanz zur großen Kunstschau von Venedig, nebst einiger Randbeobachtungen.
// UTE THON UND RALF SCHLÜTER, VENEDIG
Kunst handelt von Kunst

Eines der wichtigsten Themen der Biennale von Venedig scheint die Biennale von Venedig zu sein. Auffällig, wie viele Künstler sich mit der Ausstellung beschäftigen, deren Teil ihre Arbeit ist: Steve McQueen zeigt im britischen Pavillon einen stimmungsvollen Film über die Giardini im Winter: In der biennalefreien Zeit liegt Müll auf dem Gelände herum, und Hunde streifen zwischen den Pavillons umher.

Dorit Margreiter beschäftigt sich im österreichischen Pavillon mit – dem österreichischen Pavillon. Und Dominique Gonzalez-Foerster spricht in einem Film der Ausstellung "Welten machen" über ihre persönliche Geschichte mit der Biennale. So viel Selbstbezüglichkeit tut der Kunst nicht besonders gut: Statt Neugier auf die Welt und das Leben zu zeigen, schmoren die Künstler im eigenen Saft und drehen das gut durchgebratene Steak der Kunstbetriebskunst immer wieder um. Wenn sich der Erfahrungshorizont verengt und man die Wirklichkeit nur noch unter den Bedingungen des so genannten Kunstkontextes wahrnehmen kann, veröden auch die Arbeiten.

Schöner wohnen, schöner sterben

Ein schönes Gegenbeispiel, wie Kunst sich auf heitere und subtile Weise mit sich selbst beschäftigen kann, zeigte das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset: Sie bauten Wohnungen von fiktiven Kunstsammlern, die es in sich hatten. Der dänische Pavillon wurde gar von einem sehr echt wirkenden Immobilienmakler zum Kauf angeboten, eine merkwürdige "Wohnung" mit abgebrochenen Treppen und zerteilten Tischen, mehr als bizarr die gerahmten Bettlerpappen ("Durch Behördenwahnsinn bin ich verarmt") an der Wand oder das verkokelte Kinderzimmer. Hier wurde die mondäne Wohnung durch Kunst zur Design-Geisterbahn. Und gleich nebenan wohnte im nordischen Pavillon plötzlich ein schwuler Nachbar, der auch allerlei Kunst an den Wänden hatte: Von Tom of Finland bis Wolfgang Tillmans war alles vertreten, was dem Klischee nach dazu gehört. Und draußen schwamm eine Sammlerleiche im Swimmingpool. Es ist ein herrlicher Spaß, und ein intelligentes Spiel mit der Kunst und ihrer Wirkung: Die vielen Werke von Jonathan Monk, Elmgreen & Dragset, Maurizio Cattelan, Terence Koh und anderen sind echt, die Umgebung ist es nicht. Die Kunst wird zum Teil einer Fiktion, und wirkte damit selbst unecht; zugleich machte sich das Duo über echte Sammler lustig, die sich genau so einrichten – und da das ganze ein Kunstwerk ist, hat das Wohungsdesign ausnahmsweise nicht die Kunst geschluckt, sondern umgekehrt. Leider bekam diese wunderbare Arbeit keinen Goldenen Löwen, sondern lediglich eine "lobende Erwähnung", die von den Künstlern trocken kommentiert wurde: "Ist immer nett, wenn man erwähnt wird", meinte Michael Elmgreen, als er das schmucklose Dokument von Biennale-Präsident Barrata entgegennahm. Ingar Dragset tröstete sich später mit einem goldenen Plastiklöwen, den ihnen ein wahrer Freund in weiser Voraussicht aus einem Souvenirshop mitgebracht hatte.

Küchenlatein im deutschen Pavillon

Im deutschen Pavillon wird diesmal gekocht. Beziehungsweise: Es könnte gekocht werden, denn der englische Künstler Liam Gillick hat eine Küche aufgebaut. Einbauschränke verlaufen als Querriegel durch alle Räume des Pavillons, in der Mitte steht eine Küchentheke. Aber es soll gar nicht gekocht werden, erfährt man, es geht natürlich ums Prinzip: Um das der Einbauküche nämlich, die in Deutschland erfunden wurde, von der österreichischen Designerin Margarethe Schütte-Lihotzky. Tja, und nun? Besucher streifen ratlos um die funktionalen, aber funktionslosen Tannenholzmöbel herum, ist das wirklich so dürftig hier, oder habe ich nur irgendwas nicht kapiert? Um die Nicht-Banalität seiner äußerst banalen Inszenierung zu beweisen, bemüht Gillick viel Theorie: Es gehe um eine Auseinandersetzung mit der Moderne, die hier gegen die monumentale, historisch belastete Nazi-Architektur des Pavillons in Stellung gebracht werde. Noch mal: und nun? Immerhin gibt es da noch diese sprechende Katze, die irgendeinen melancholischen Monolog hält, aber was ist dadurch gewonnen? Die Küche bleibt funktional, die Nazi-Architektur bleibt Nazi-Architektur, haben wir irgendetwas Neues erfahren, irgendetwas ungesehenes gesehen? Gillick ist der erste nichtdeutsche Künstler, der Deutschland hier vertreten hat, er habe ganz viel recherchiert, so heißt es. Er hat sich eingearbeitet in das Thema "Deutschland". Abgeliefert wurde also eine Hausaufgabe, die allerdings voll daneben ging: Eine derart unangenehme Mischung aus Bedeutungshuberei und Banalität hat es lange nicht gegeben, auch in Deutschland nicht, wo Anstrengung und Kunst ja beste Beziehungen unterhalten.

Kommentieren Sie diesen Artikel

5 Leserkommentare vorhanden

Flaneur

16:15

10 / 06 / 09 // 

Britischer Humor

Die Krise hat die Briten erwischt und deren Humor. Der fade deutsche Pavillon lässt zumindestens diese Vermutung zu. Wenn es dann keine lebenden deutschen Künstler mehr gibt die würdig genung sind den Bau zu bespielen, dann gebt verdammt noch mal Dieter Roth den Pavillion. Das wäre deutscher Humor und der Dieter im Himmel würde laut dazu lachen.

Raffa

11:17

13 / 06 / 09 // 

-

Rehberger ist genau so öde wie Gillick. Ikea is besser.

Martin Weider

14:19

13 / 06 / 09 // 

Venedig

Eine fantastische Kritik!

Saskia M.

12:19

15 / 06 / 09 // 

Schweinerei

Dass Rehberger den Löwen bekommen hat, kann ich nicht verstehen. Die Arbeit hat mir gar nicht gefallen.

Sebastian W.

15:50

15 / 06 / 09 // 

Vetternwirtschaft

Genauso ist es. Dass einem Jurymitglied dazu noch ein besonders herzliches Verhältnis zu Rehberger unterstellt wird, verschärft das Ganze noch. Peinlich, peinlich, Herr Birnbaum!!!