Documenta 11: Okwui Enwezor

Mister Documenta

Sein Einstand sorgte für Verwirrung: Der Nigerianer Okwui Enwezor definierte die Schau in Kassel als "fünfte Plattform" und schickte eine politische Konferenz-Karawane um die Welt. Mittlerweile hat sich der Chef der Documenta 11 Respekt erworben – als unkonventioneller Anreger und Vermittler zwischen den Kulturen.
Mister Documenta

Der Dichter und Kunstkritiker Okwui Enwezor, 2000 in Kassel. Der gebürtige Nigerianer mit amerikanischem Paß ist Gründer und Herausgeber eines Kunstmagazins über zeitgenössische afrikanische Kunst und war 1996 künstlerischer Leiter der Johannesburg-Biennale.

Okwui Wer? Als Ende Oktober 1998 der künstlerische Leiter für die Documenta 11 bekannt gegeben wurde, staunte die Szene erst laut, lernte dann eiligst einen neuen Namen wie selbstverständlich auszusprechen und verbreitete schließlich hocherfreut Hoffnung und Optimismus. Nicht die üblichen Verdächtigen, die - wie zuletzt Günter Grass den Nobelpreis - nun endlich den Documenta-Chefposten verdient hatten, waren auserwählt worden. Nein: Der junge, aus Nigeria stammende und in New York lebende Kunstkritiker, Dichter und Ausstellungsmacher Okwui Enwezor hatte das einstimmige Votum der Findungskommission und wurde auserkoren, das Kasseler Kunst-Weltereignis zu dirigieren. "Kassel, der Kunstszene und der Documenta konnte kaum etwas Besseres passieren", jubelte etwa der Kunstkritiker Christoph Blase in seinem Internet-Bulletin "Blitz Review".

Als Kurator der zweiten Johannesburg-Biennale 1997 und anderer Ausstellungen wie zur Fotografie Afrikas im New Yorker Guggenheim Museum hatte der 1963 geborene Kunstexperte sich in der Szene einen Namen gemacht. Seine Wahl versprach einen anderen Blickwinkel auf den von der westlichen Welt dominierten Kunstbetrieb und eine verstärkte Einbindung von Künstlern aus Afrika, Asien und Lateinamerika - also jenen Ländern, die bislang meist das Nachsehen hatten.

Doch mit den ersten öffentlichen Auftritten und Interviews des neuen Helden schlich sich Verunsicherung, später gar Unmut zwischen die Druckzeilen der Feuilletons. Allein mit dem Gebrauch des Begriffes "westlich" diskriminiere man ja schon alles, was man nicht darunter zähle, verkündete Enwezor und verbannte auch gleich noch das Wort "Kunst" aus seinem Sprachschatz.

Die Debatte ist eröffnet

Und dann die Plattformen. Enwezor dehnte die Documenta auf 549 Tage und vier Kontinente aus: Vier Plattform genannte Symposien zu politischen und gesellschaftlichen Themen - Demokratieprozess, Rechtssysteme, Kreolisierung und den Problemen der Urbanisierung führten hin zur fünften Plattform, der Ausstellung in Kassel. Eine Konferenz-Karawane zog um die Welt, doch für alle, die nicht wochenweise in Neu-Delhi oder Lagos mitdiskutieren konnten (oder durften: Plattform drei fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt), gab es ja immerhin die Videoaufzeichnungen im Internet. Aber wann endlich geht es mal um Kunst?

Jetzt. Die fünfte Plattform, vulgo Ausstellung, ist nun in Kassel zu besichtigen, und sie kommt nicht ohne diejenigen aus, die uns im Zusammenhang mit der Documenta immer am meisten interessieren: die Künstler. Rund 100 haben Okwui Enwezor und sein Team eingeladen.

Präsentiert werden nicht nur einzelne, mit spitzen Fingern herausgepickte Arbeiten, sondern ganze Werkkomplexe und oftmals auch eigens für die Ausstellung verwirklichte Projekte. Es gibt doppelt so viel Raum für Kunst wie beim vergangenen Mal und einen neuen, spannenden Schauplatz in der ehemaligen Binding-Brauerei. Und weil jeder Documenta-Leiter das Ereignis neu zu erfinden versucht und jede Documenta im Vorfeld für Ärger sorgt, jede Eröffnung ein Fest ist und noch Wochen danach kontrovers diskutiert wird, gibt es auch diesmal nichts Interessanteres als die Ausstellung selbst. Die Debatte ist eröffnet.