Documenta 12: Umfrage

Ist die Documenta 12 gelungen?

Euphorie und blankes Entsetzen: Mit ihren ungewöhnlichen Ausstellungsformaten hat die Documenta 12 kontroverse Reaktionen provoziert. Instrumentalisiert oder befreit sie die Kunst? Wir haben einige zeitgenössische Kuratoren nach ihrem Urteil gefragt.
Ist die Documenta 12 gelungen?

Peter Friedls ausgestopfte Giraffe ("The Zoo Story") in der vollen Documenta-Halle.

René Block, 65
Von 1997 bis 2006 künstlerischer Leiter der Kunsthalle Fridericianum in Kassel

»Zu Ihrer Umfrage nur eine kurze Antwort: Die Kuratorenwerkstatt Kunsthalle Fridericianum hat sich zum Ende der Periode 2003 bis 2006 mit einer fünfteiligen Ausstellung verabschiedet, die den Titel trug "5 Tage bis zum Ende der Kunst". Wir haben dabei überhaupt nicht an die Documenta gedacht.«

Vanessa Joan Müller, 39
Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf

»'Dinge, die wir nicht verstehen' hieß eine Ausstellung, die Roger M. Buergel im Jahr 2000 kuratiert hat. Bei der Documenta 12 hingegen wird nun das Sehen gegenüber dem Wissen privilegiert und die Deutungshoheit an den Betrachter delegiert: atmosphärische Räume, formale Korrespondenzen und exemplarische künstlerische Positionen, die in Variation immer und überall auftauchen. Das wirkt ein wenig angestrengt bemüht, um nicht zu sagen didaktisch. Trotzdem gibt es an den Rändern auch dieses mit großer kuratorischer Geste angelegten Parcours Spannendes und bislang Unentdecktes zu entdecken. Und wie wegweisend eine Documenta im Endeffekt ist, entscheidet sich - siehe Catherine Davids D10 von 1997 - ohnehin erst Jahre später.«

Heike Munder, 38
Direktorin des Migros-Museums für Gegenwartskunst in Zürich

»Seien wir ehrlich, nach Catherine Davids Documenta 10 haben es nachfolgende Kuratoren schwer. Dort spürte das Publikum fast physisch den produktiven Zusammenhalt zwischen KünstlerInnen und Kuratorin. Bei Roger M. Buergels und Ruth Noacks Ausstellung hingegen ist davon wenig zu spüren. Ihr Versuch, sich als "Künstlerkuratoren" zu platzieren, als kreative Mitspieler zu fungieren, scheint gescheitert. Denn die beiden instrumentalisieren die Kunst im Dienste der kuratorischen Praxis und greifen mit ihrer dominanten Präsentationswahl nicht besonders respektvoll in die Autonomie der Werke ein. Doch trotz aller Kritik am Modell gibt es bei der Documenta 12 zum Glück auch immer wieder positive Überraschungen und gute Kunst zu sehen.«

Lydia Haustein
Professorin für Kunstgeschichte in Berlin und Abidjan/Elfenbeinküste

»Die Documenta 12 lockte mit einem wunderbaren Konzept, das Kunst jenseits des Starsystems versprach, aber die Präsentation konnte nur enttäuschen. Unter dem griffigen Motto "Migration der Form" haben die beiden Macher eine Privatikonografie entwickelt, die eine intellektuelle oder kontextbezogene Auseinandersetzung flieht. Mit der Ausstellung wurde ein autistischer "Ich-Ort" geschaffen, der einem freien Zusammenspiel der Kunst keinen Raum lässt. Dies gilt vor allem für die nicht nachvollziehbare Auswahl an Arbeiten aus China, Lateinamerika und Afrika. Doch diese Documenta fordert heraus, darum: Unbedingt besuchen!«

Susanne Pfeffer, 34
Kuratorin der Kunst-Werke - Institute for Contemporary Art in Berlin

»Die Documenta ist in der Hinsicht gelungen, als sie die konsequente Umsetzung einer kuratorischen Weltanschauung darstellt. Kein Besucher kann der sehr persönlich in Bild, Schrift und Wort vermittelten Lehrmeinung entgehen. Der ständige Wandel der Ausstellung lädt dazu ein, sie mehrfach zu besuchen.«

Stephan Berg, 47
Direktor des Kunstvereins Hannover

»Diese Documenta ist über weite Strecken misslungen, weil Roger M. Buergel sie für eine Inszenierung benutzt, hinter und in der die meisten Arbeiten verschwinden oder sich in einen wolkigen Reigen an Impressionen auflösen. Sein Rückgriff auf Arnold Bode verwandelt die Räume in hoch emotionalisierte Wunderkammern, ohne dass sich die Fülle des Gebotenen zu einem stimulierenden Gesamtbild zusammenschließt. Und die groß angekündigte Migration der Form entpuppt sich als simples Spiel mit formalen Analogien, die teilweise erschreckend harmlos daherkommen. Statt Zukunftsperspektive oder wenigstens Standortbestimmung anzubieten, riecht es auf der Documenta 12 nur etwas muffig nach fünfziger Jahren und ayurvedischer Räucherstäbchen-Esoterik.«

Adam Szymczyk, 37
Direktor der Kunsthalle Basel und Kurator der 5. Berlin-Biennale 2008

»Die Documenta 12 ist eine bemerkenswerte kuratorische Leistung und eine überwiegend bestechende Ausstellung - präzise und ein Gegenbild zum überschwänglichen Kunstmarkt. Sie ist eine Ausstellung der Ausstellungen, indem sie einige modernistische Präsentationsformen produktiv zur Anwendung bringt. Die Pressearbeit der Documenta war eine mutige Darbietung in sich: Die Kuratoren haben die gängige Forderung nach Transparenz und unmittelbarem Zugriff auf die Kunst zurückgewiesen. Anstatt das Publikum und die Medien mit vorgefertigten Botschaften zu füttern, wurde dem einzelnen Besucher die Möglichkeit eröffnet, sich auf die Ausstellung einzulassen.«

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