Ai Weiwei und Magdalena Jetelova in Prag

Er kann nicht anders

Ausgerechnet ins flüchtlingsfeindliche Tschechien schickt Ai Weiwei ein gigantisches Rettungsboot. Prag hyperventiliert – und übersieht dabei das viel eindringlichere Werk einer Künstlerin unweit der Installation des chinesischen Superstars. Für art war Susanne Altmann in der tschechischen Hauptstadt.
Er kann nicht anders

Ai Weiwei vor seiner Installation "Law of the Journey" (Das Gesetz der Reise) im Nationalmuseum in Prag

Prag hyperventilierte geradezu. Für das "Grand Opening" im Messepalast der Nationalgalerie letzte Woche wurde mit Superlativen operiert. Genau genommen nur mit einem einzigen: "Die bisher größte Installation von Ai Weiwei ist ein gigantisches Flüchtlingsboot". Unter dieser Titelzeile in geringfügigen Variationen überschlugen sich die nationalen und ein paar, von den Agenturen Reuters oder DPA angefütterte, internationale Medien.

In der Tat hat der chinesische Künstler dem großen Innenhof des in den 1920er Jahre errichteten Ausstellungshauses eine monumentale Setzung verordnet. Um die siebzig Meter lang, kippt ein schwarzes Schlauchboot entlang seiner Längsachse nach unten. Es ist dicht beladen mit ein paar hundert identischen Figurinen, aus demselben Gummimaterial hergestellt wie das Schiff und jeweils mit einer Art Rettungsring im Halsbereich ausgestattet. Das Projekt nennt sich "Law of the Journey" (Das Gesetz der Reise) und wurde von Ai Weiwei und seinem Stab direkt vor Ort eingerichtet, noch bis wenige Stunden vor der offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend. Auf dem Boden der Halle laufen die Besucher über historische Zitate aus Bibel, Odyssee oder Koran, die mit Reise, Flucht und Vertreibung zu tun haben. Die Wände der Längsseiten wurden dicht mit kleinen Fotografien tapeziert, die Ais Besuche in diversen Flüchtlingslagern und immer wieder ihn selbst zeigen. Während der Pressekonferenz wiederum dienen diese Tapeten der Misere als Kulisse für die gefragten Selfies mit dem Meister, der seinerseits mit seinem Smartphone verwachsen scheint.
 
Das Boot funktioniert im Überwältigungsmodus, das dürfte auch dem wohlwollendsten Betrachter klar sein. Es bedient sich der erfolgreichen Methode des Künstlers, durch serielle Wiederholungen gleichartiger Formen Räume auszuspannen. Entlang dieser Praxis entstanden bereits in den letzten Jahren im Außenbereich von Wien und Berlin Assemblagen aus Rettungswesten und auch das museale Werk "Waschsalon/Laundromat" mit tausenden gesäuberten und ordentlich aufgehangenen Kleidungsstücken vom berüchtigten Auffangort Idomeni folgt diesem Schema. In einer der oberen Etagen des Hauses können die Besucher auch dieses labyrinthische Arrangement durchqueren und gleichzeitig hinab auf das Schlauchboot blicken.

Dilemma aus guten Absichten und Berühmtheitsbonus

Viel Raum für eigene Schlussfolgerungen bleibt da nicht, zumal das angewandte "Mehr, Größer, Höher"-Prinzip an sich bereits suggeriert, hier an einem künstlerisch-politischen Event teilzunehmen, das über jeden Zweifel erhaben ist. Doch ist es das wirklich? Folgt man der nachvollziehbaren Argumentation des Kollegen Raimar Stange, so wird es tatsächlich Zeit, dass sich engagierte Kunst nicht mehr hinter konzeptuellen Verschlüsselungen versteckt. Er plädiert für "einen kritischen Populismus, der unter die Haut und in den Kopf geht." Das "Gesetz der Reise" hätte in diesem Sinne alles richtig gemacht, denn hier bleibt keine Frage offen. Abgesehen davon, dass etwa einem begabten Absolventen der Szenografie weder die finanziellen noch menschlichen Ressourcen für eine solche Materialschlacht zu Verfügung stehen würden, könnte das schwarze Floß (und ja, auch an Delacroix’ eschatologische Überwältigungsmalerei dürfen wir denken) ohne weitere Umstände das Bühnenbild für eine entsprechende Oper abgeben, am Besten auf einer Seebühne a la Bregenz. Dieser, zugegeben unsubtile Vergleich hat seine Berechtigung, denn abgesehen von Zitatenparcours und Fototapete gibt es in dem Raum noch einige Elemente, die so platt sind, dass sie nicht einmal unfreiwilliger Komik entbehren.
 

Er kann nicht anders

Zwischen Plantschutensil und Überlebensmetapher: Detail der Installation

So "schwimmen" in unmittelbarer Nähe des Wasserfahrzeugs zwei im Hüftbereich abgeschnittene Figuren in Rettungsringen auf dem Boden. Die Torsi winken, vermutlich in Not. Wenn es je eine unseligeres Hybrid zwischen Plantschutensil und Überlebensmetapher gegeben haben mag, diese Artefakte stehlen ihm die Show. Ebenso fragwürdig wirkt eine weitere Dekoration unweit davon: Eine riesige, wahrsagermäßige Kristallkugel erhebt sich auf einem Stapel charakteristischer Rettungswesten. Auch deren fotogene Verzerrungsoptik lädt zu immer neuen experimentellen Aufnahmen des Raumes ein. Kurz gesagt, Ais plakative Ornamentik des Flüchtlingselends hat in Prag ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Allerdings verbietet der Ernst des dort vorgetragenen Appells an Menschlichkeit und Solidarität die Umsetzung eines bösartigen Impulses: einfach mal die Luft rauslassen aus der Bedeutsamkeit. Denn am Ende wäre selbst diese vorgestellte Übertretung moralisch blockiert – durch die Metaphorik der real fragilen Existenz auf dem Boot des Überlebens. In was für ein Dilemma aus Befindlichkeiten, guten Absichten und Berühmtheitsbonus hat sich die Nationalgalerie da nur begeben?

Das dunkle Europa
Während die einen von Ai Weiweis aufblasbaren Flüchtlingsfiguren tief bewegt sind, bemängeln andere deren Anonymität. Endlich aber scheint der Künstler auch ästhetisch wieder an Überzeugungskraft zu gewinnen

Die Zwickmühle wird nur noch verstärkt davon, dass das Prager "Grand Opening" zusätzlich zu Ais Auftritt zeitgleich noch mit acht (!) weiteren neuen Ausstellungen aufwartet, die allesamt im Schatten des Spektakels ihr Dasein fristen und zwar völlig unverdient. Da ist etwa die Soundinstallation "The Ship" von Brian Eno, die als begehbares Lied, wie ihr Schöpfer erklärte, die historische Dimension des Untergangs der Titanic nachzeichnen möchte. In diese dunklen Gemächer muss man sich aber erst einmal verirren. Hat man das geschafft, so findet man auch noch zwei sehr poetische Einzelausstellungen der tschechischen Newcomer Jan Nalevka und Pavla Dudalkova. Aber das ist, wie gesagt, ein Zufallsbefund im ausgestellten Überfluss. Weniger versteckt ist die elegante, meditative Keramikausstellung, die Hauskurator Adam Budak gemeinsam mit Peter Pakesch, seinem früheren Grazer Chef komponiert hat. Übrigens, wessen Werke mögen wohl im Mittelpunkt von "Geknetetes Wissen/Kneaded Knowledge“ stehen? Ganz richtig, Vasen und Objekte von Ai Weiwei.

Mit etwas Finderglück erklimmt man später die Wendeltreppe über dem Museumsladen und findet sich unversehens in einem von Olafur Eliasson konzipierten Workshop wieder. Ursprünglich in Wien von der Thyssen-Bornemisza Kunststiftung (TBA) organisiert, werden hier an einem langen Tisch polyedrische Gestelle aus Holzleisten und Kunststoffgelenken zusammengebaut, die zudem grüne Leuchtkörper enthalten. Der Besucher kann sich an der Bastelei beteiligen und die "Green Lights" auch käuflich erwerben – ein partizipatorisches Projekt mit in Österreich angelandeten Geflüchteten, von denen einige extra nach Prag gekommen sind. In Tschechien selbst, so die Organisatoren, habe man nicht einen einzigen Migranten finden beziehungsweise zur Mitwirkung gewinnen können. Durch einen winzigen Spalt schimmert hier die wirkliche Tragik des tschechischen Umgangs mit der humanitären Krise der Gegenwart ins Museum: Das EU-Land weigert sich Asylsuchende aufzunehmen.

Als Aktivist wirkt Ai Weiwei am glaubwürdigsten

Insofern wirkt Ai Weiweis bildnerische Anstrengung fast wie ein Alibi für politische Defizite. Der Künstler scheint sich dieser Absurdität wohl irgendwie bewusst zu sein – nicht, dass er Selbstzweifel äußern würde, wenn das Publikum an seinen Lippen hängt. Doch er spricht nicht ein einziges Mal, weder während eines Vortrages vor Studenten noch während der Pressekonferenz, direkt über die Botschaft seines Gewaltakts im Lichthof. Kurz beschreibt er auf Nachfrage, dass er den großen Raum zusätzlich habe mit Bedeutung aufladen wollen, indem er die Demontage aller Lichtpaneele verfügte und dass er das Material für Boot und Figurinen über türkische Händler von Schlauchbootherstellern aus China bezog. Viel lieber spricht er jedoch über seinen aktuellen, abendfüllenden Film zur Flüchtlingsproblematik, der sich in der Postproduktion befände und alsbald in die Kinos käme. Dafür habe er weltweit Brennpunkte der Krise in Afghanistan, der Türkei und Griechenland, in Bangladesh, Mexiko und Kenia besucht. Interessanterweise wirkt Ai als Aktivist am glaubwürdigsten, selbst wenn er die Dokumente seiner Recherche, also unzählige Fotos, ungesäumt wieder in den Kreislauf der visuellen Verwertung einspeist. Vor dem physischen Hintergrund der enorm arbeits- und materialaufwändigen Skupltur, dem "Gesetz der Reise", die zum Großteil in seiner billiglöhnenden Heimat vorproduziert wurde, erklärt er schließlich: "Können wir diesen, unseren Lebensstil wirklich beibehalten? Es geht um die Verantwortung des Westens.", um dann wie ein ratloser Politiker zu klingen: "Es wird schlimmer und wir sehen keine vernünftigen Lösungen." Ai Weiweis Gestalten sehen schwarz aus und es sieht schwarz aus für die Menschheit.

Wer ist jetzt zynisch?
Das Zentrum für politische Schönheit sucht Flüchtlinge, die sich in einer Arena fressen lassen. Mit der Aktion wolle man auf die zynische Flüchtlingspolitik aufmerksam machen. Das Innenministerium findet die Aktion selbst zynisch

Und es bleibt schwarz, wenn auch auf künstlerisch höherem Niveau. Das ist der tschechisch-deutschen Künstlerin Magdalena Jetelova zu verdanken und ihrem Auftritt im benachbarten kleinen Lichthof. Anders als Ais Boot bleibt ihre Intervention "Touch of Time/Berührung der Zeit" keine Trockenübung, im Wortsinn. Und wie ihr chinesischer Kollege, war auch sie ein politischer Flüchtling. 1985 emigrierte sie aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland, nachdem sie als Kunststudentin den Prager Frühling und dessen Scheitern miterlebt hatte und wie so viele tschechische Kulturschaffende in der Folgezeit unter dem erstickenden Klima des späten Staatssozialismus und seiner Kunstfeindlichkeit litt. Durch ihre damals halblegal aufgestellten Möbelskulpturen als Gleichnisse von Macht und Ohnmacht wurde sie auch im Ausland berühmt. Im Inland wurden selbst harmlos wirkende Land Art-Aktionen, an denen sie teilnahm, regelmäßig von den Behörden unterbunden. Viele von Jetelovas Arbeiten zeichnen seitdem sich durch ein politisches oder kulturkritisches Basso Ostinato aus, denken wir an ihre Laserprojektionen "Atlantic Wall" auf dänischen Welkriegsbunkern 1995 oder ihre geradezu physisch berührende Interpretation der UN-Menschenrechtscharta 2010 in der Mannheimer Kunsthalle. Doch trotz oder gar wegen ihres gesellschaftlichen Scharfblicks, ist sie stets eine zutiefst formbewusste Bildhauerin geblieben.

Jetelova schafft es tatsächlich, einen universellen Zustand von Bedrohung aufscheinen zu lassen.

Er kann nicht anders

Inhaltliche Brisanz aus künstlerischer Form: "Touch of Time" von Magdalena Jetelova

Mit ihrer Installation im kleinen Hof des Messepalastes und der Einzelausstellung im Mezzanin tritt die mittlerweile Siebzigjährige das allererste Mal in großem Stil in ihrer Heimat in Erscheinung. "Touch of Time" verwandelt fast den gesamten Bodenbereich in einen flachen See. Unter der Oberfläche des Beckens zeichnet sich eine miniaturisierte und ja: schwarze Landschaft ab, Terrassenfelder vielleicht, Inkasiedlungen oder nordböhmische Bergbauflächen – auf alle Fälle abstrahierte Zeugnisse menschlicher Zivilisation. Von jedem Stockwerk des sechsgeschossigen Lichtschachts führt der Blick nach unten, auf die immer kleiner werdende Szenerie. Gelegentlich zischen Laserblitze darüber hinweg, wie ein simuliertes Naturschauspiel. Je weiter der Sicherheitsabstand, desto wirklicher scheinen die geografischen Formationen und richtig: Zwischen den flackernden Blitzen zeichnet sich plötzlich ein klassisches Fadenkreuz ab. Was gerade noch wie ein Spiel mit Vogelschau und Modelleisenbahn anmutete, steht jetzt im Visier möglicher Zerstörung. Ob digitales Ballerspiel oder realer Drohnenkrieg, Magdalena Jetelova schafft es tatsächlich, aus dem friedlichen Mikrokosmos der Kunst einen universellen Zustand von Bedrohung und Aggression aufscheinen zu lassen. Sie tut dies mit eher simplen bildhauerischen Mitteln und völlig ohne Hast, so wie auch die Betrachter erst Galerie um Galerie ersteigen müssen. Wie Ai Weiwei nebenan, weiß auch Jetelova keine Lösung für die selbstverschuldete Notlage der Menschheit. "Touch of Time" geht aber trotzdem "unter die Haut und in den Kopf". Denn das Werk entwickelt seine inhaltliche Brisanz aus der künstlerischen Form und eben nicht umgekehrt.

Aktuelle Ausstellungen in der Nationalgalerie

  • Magdalena Jetelová – Touch of Time
    bis 03.09.2017
  • Ai Weiwei. Law of the Journey
    bis 07.01.2018
  • Epos 257. Retro-reflection
    bis 04.06.2017
  • Introducing Pavla Dundálková: When I Close My Window, I Donʼt Hear the Street Noise
    bis 10.09.2017
  • Kneaded Knowledge. The Language of Ceramics
    bis 27.08.2017
  • Keiichi Tahara: Photosynthesis 1978–1980
    bis 27.08.2017
  • Moving Image Department #7: Brian Eno, The Ship, featuring Jan Nálevka
    bis 10.09.2017
  • Poetry Passage #5: L'esprit des poètes officiels et crochus
    bis 10.09.2017
  • Olafur Eliasson: Green light
    bis 02.04.2017