Documenta 11: Lagebericht

Wer macht was?

Über 100 Teilnehmer aus der ganzen Welt präsentieren vom 8. Juni bis 15. September 2002 auf der Documenta 11 ihre Arbeiten. Die wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst, die seit 1955 etwa allle fünf Jahre in Kassel stattfindet, versammelt bildende Künstler, Architekten, Filmemacher und Grenzgänger zwischen allen Gattungen zu einem Überblick über aktuelle Tendenzen. Wo steht die Kunst? Was sind die Themen unserer Zeit - und in welcher Ästhetik äußern sie sich? Die Künstler eingeladen hat der Direktor der Documenta 11, der aus Nigeria stammende, in New York lebende Ausstellungsmacher Okwui Enwezor. Unterstützt wurde er dabei von sechs Kuratoren - Carlos Basualdo aus Argentinien, Ute Meta Bauer aus Deutschland, Susanne Ghes aus den USA, Sarat Maharaj aus Südafrika, Mark Nash aus Großbritannien und Octavio Zaya aus Spanien. Die Redaktion stellt eine Auswahl der entscheidenen künstlerischen Positionen dieser Documenta vor. Ein Lagebericht
Wer macht was?

Okwui Enwezor, künstlerischer Leiter der Documenta 11, vor dem Logo der Weltkunstausstellung.

Studentenprotest, sexuelle Revolution und Vietnamkrieg führten in den sechziger Jahren zu gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Künstler entdeckten die Performance als Mittel, ihre Kritik an der Gesellschaft auszudrücken. Die Amerikanerin Joan Jonas zählt zu den Pionierinnen, die Körper und Identität zu Themen ihrer Arbeit machten. In neueren Projekten erprobt sie die Möglichkeiten, digitale Medien in Performances einzusetzen. Die New Yorkerin Lorna Simpson untersucht die klischeehaften, diskriminierenden Zuschreibungen von Rassenmerkmalen und kommt dabei häufig zu höchst erhellenden Ergebnissen. Und der in London lebende afrobritische Filmemacher Isaac Julien ergreift in seinen Spielfilmen, Dokumentationen und Video-Installationen Partei für oft mehrfach diskriminierte Grenzgänger: Schwarze, Homosexuelle - und einsame weiße Cowboys in der Großstadt.

Bilder schießen über digitale Highways, Texte rauschen durch Kabel und Kanäle - im Dauerfeuer der Medien haben Informationen eine geringe Halbwertszeit. Künstler wie die Düsseldorfer Hilla und Bernd Becher oder ihre einstige Schülerin Candida Höfer arbeiten daran, die Welt aufzuzeichnen - mit dem Fotoapparat, nach strengen, selbst verfassten Regeln. Schrift, Zeichen, Fotos - die Versuche, mit Archiven die Welt zu interpretieren, durchziehen die Kunstgeschichte wie ein roter Faden. Der Japaner Ryuji Miyamoto bringt eine morbide Note ins Spiel: Seine romantisch aufgeladenen Schwarzweiß-Serien von eingestürzten Theatern, zertrümmerten Bunkern und verlassenen Massen-Siedlungen verströmen den Hauch von Tod und Vergänglichkeit und halten fest, was nicht aufzuhalten ist.

Es gab sie immer: die Künstler mit Mission

Es gab sie immer, aber eine zeitlang waren sie nicht sehr en vogue: die Künstler mit Mission. Politische, gesellschaftskritische Kunst spielt auf der Documenta 11 eine bedeutende Rolle - eine Fortsetzung der bereits von Catherine David für die Documenta 10 eingeschlagenen Richtung. Von der Hoffnung, mit Kunst in die Gesellschaft hineinzuwirken, leben die Projekte des Chilenen Alfredo Jaar. Er setzt auf die direkte Konfrontation des Publikums mit Themen wie Völkermord oder Ausbeutung benachteiligter Gruppen. Konzeptueller, aber mit ähnlichem Recherche-Aufwand und aufklärerischer Absicht geht der Amerikaner Allan Sekula an Themen wie Globalisierung und Kapitalismus heran. Dass bei kritischer Kunst der Humor nicht auf der Strecke bleiben muss, beweist der Däne Jens Haaning: Seine hinterlistigen Aktionen führen auf entwaffnende Art die Sinnlosigkeit und Absurdität menschenverachtender Mechanismen vor - ein befreiendes Lachen für einen Augenblick.

Anklagen gegen Rassismus und Brutalität, intime Beobachtungen, literarische Inszenierungen, dokumentarische Reportagen: Die Emanzipation Afrikas und der Kampf um eine neue Identität beschäftigt nicht nur afrikanische Künstler wie den Zeichner und Trickfilmer William Kentridge oder den Spurensicherer Georges Adeagbo. Der Amerikaner Leon Golub malt seit einem halben Jahrhundert gegen Unterdrückung und Gewalt an, und der Belgier Luc Tuymans bannt die Geschichte des Kongo in geheimnisvoll unscharfe Denkbilder. Santu Mofokeng und David Goldblatt arbeiten wie Ethnologen mit der Kamera, während der Regisseur Jean-Marie Teno in seinen kraftvoll-anklagenden Filmen zunehmend einen assoziativen Stil jenseits der Dokumentation pflegt.

Park Fiction aus Hamburg baut im Stadteil St. Pauli einen Park, ganz real

Wenn Künstler Kunst über Kunst machen, also künstlerische Strategien offenlegen, auf vorhandene Kunst antworten, den gängigen Kunstbegriff ironisieren oder bildnerische Traditionen zerlegen, sind die Arbeiten oft schwer zugänglich. Der kanadische Fotografie-Star Jeff Wall macht es den Laien leicht: Seine nach altmeisterlichen Regeln komponierten, minuziös am Computer zusammengesetzten Bilder wirken auch ohne Informationen überwältigend. Fabian Marcaccio aus Argentinien lässt die Malerei, die beim holländischen Cobra-Senior Constant noch innerhalb des Rahmens wild werden durfte, in den Raum hineinwachsen. Und die Bildhauer Giuseppe Gabellone, Italien, und Pascale Marthine Tayou, Kamerun, erobern mit ihren Skulpturen ganze Hallen. Die Berlinerin Maria Eichhorn bleibt ganz streng der Konzeptkunst treu: Der Vorhang vorm Geheimnis ihrer Arbeit bleibt geschlossen.

Von individuellen Bedürfnissen bis hin zur staatlichen Repräsentation - Architektur ist gebaute Ideologie und Ausdruck ihrer Zeit. Urbanismuskritik und Architektur-Utopien spielen in der bildenden Kunst seit den neunziger Jahren eine wichtige Rolle. Der Bildhauer Manfred Pernice greift den billigen Schick der Erlebnisarchitektur und alltägliche Elemente der Stadtmöblierung auf. Dabei kommt er zu sehr frei formulierten, oft grotesken Ergebnissen. Bodys Isek Kingelez hingegen pfeift auf die Realität und baut aus Zahnpastatuben und Kartonresten prachtvolle Fantasiestädte. Die Grenzen zwischen Bildhauerei und Architektur sind dabei nicht mehr auszumachen: Architekten-Teams wie Asymptote und Simparch entwerfen im grenzenlosen Reich der Virtualität utopische Gehäuse und Strukturen, die sich dem Knebel der Machbarkeit entziehen - und das Künstlerkollektiv Park Fiction aus Hamburg baut im Stadteil St. Pauli einen Park, ganz real.

Voller Appelle an Herz und Hirn: Louise Bourgeois

Wo der Körper des Betrachters als Wahrnehmungsinstrument angesprochen wird, geht es oft um die ganz fundamentalen Erfahrungen und Gefühle: Angst, Verunsicherung, Gewalt, aber auch Protest, Freude und Liebe. Anordnung von emotional aufgeladenen Gegenständen, Psycho-Installationen voller Appelle an Herz und Hirn sind die Spezialität der Grande Dame der Gegenwartskunst, Louise Bourgeois. Dieter Roth hingegen erklärte das ganze Leben zur Kunst, häufte an, was dabei so abfiel - und fand einen würdigen Nachfolger im jungen John Bock, der sich in spätdadaistischer Manier seine eigene Welt baut und oft tagelang darin lebt. Analytischer setzt Luis Camnitzer seine zellenartigen Rauminszenierungen zusammen: "Es geht um all die Begrenzungen, denen man ausgesetzt ist. Um den Fluch. Kunst ist keine gemütliche Sache."

Kulturen und Riten erforschen, Alltag und Mythos miteinander verschmelzen, sich vom Anderen verzaubern lassen und das Fremde im Eigenen entdecken: Dokumentation und Fiktion gehen bei den Filmemachern Ulrike Ottinger und Johan van der Keuken eine mal poetische, mal radikale Allianz ein. Persönliche Erfahrungen mit dem Leben im Exil, umgesetzt in Objekte, Videos und Fotografien von hoher ästhetischer Kraft, bestimmen die Arbeiten der Palästinenserin Mona Hatoum und der im Iran geborenen Shirin Neshat. Neshat beschäftigt sich mit den Konventionen des Islam und verarbeitet den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, Mann und Frau, Orient und Okzident zu hypnotisierenden Bildern. Hatoum, christliche Palästinenserin in London, lässt persönliche Erfahrungen und Erinnerungen einfließen in ihre Auseinandersetzung mit den Formen und Ideen von Avantgarde-Heroen wie Marcel Duchamp und Piero Manzoni.

Dieser Artikel erschien zuerst in art – Das Kunstmagazin, Ausgabe 6/2002.

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