Maria Lassnig in Essen

Welche Farbe hat Schmerz?

Die viel zu spät entdeckte, heute umso stürmischer gefeierte österreichische Künstlerin Maria Lassnig malt Bilder die man so schnell nicht vergisst.
Welche Farbe hat Schmerz?

Maria Lassnig: "Dame mit Hirn", ca.1990, Öl auf Leinwand, 125 x 100 cm, Maria Lassnig Stiftung

"Wenn man zum Beispiel das Knie anwinkelt", so Maria Lassnig, "bekommt man ein bestimmtes Körpergefühl, einen Druck, der sich im Körper fortpflanzt, weitervermittelt, und das malt man dann." Die Grundidee von Lassnigs Körperbewusstseinsmalerei scheint ganz einfach zu sein.

Doch dann sieht man zum Beispiel ihre "Dame mit Hirn" (1990), der ebendieses Gehirn gerade aus dem Kopf quillt, als wäre es ein riesiges Geschwür, und fragt sich, welches Gefühl diesem Motiv wohl zugrunde liegt. Und wie man dieses Gefühl dann so auf die Leinwand bringt, dass es niemand mehr so schnell vergisst. Die Antwort ist, wie jede große Kunst, ein Rätsel, das, wenn man davorsteht, ganz selbstverständlich wirkt: mit röchelndem Blick, mit ungesunden Farben und mit einem hellblauen Hintergrund, der sich unheilvoll in den weit aufgerissenen Pupillen spiegelt.

Jede Maria-Lassnig-Werkschau ist auch eine Art Wiedergutmachung

Es fällt immer noch schwer zu glauben, dass die Kunstwelt so blind war, Maria Lassnig (1919 bis 2014) über Jahrzehnte hinweg zu übersehen. Mit der Malerei begann die österreichische Künstlerin bereits in den vierziger Jahren, und sie blieb sich selbst (also ihrem Lieblingssujet) und ihren unverwechselbaren Farben bis zu ihrem Tod weitgehend treu. Aber erst in den neunziger Jahren wurde sie allmählich als eine der größten Malerinnen des menschlichen Körpers und des leiblichen Schmerzes anerkannt; zum Star wurde sie dann als ewig junge Greisin. Jede Lassnig-Werkschau ist daher auch eine Art Wiedergutmachung und eine Einladung, dieses faszinierende Riesenwerk ganz persönlich noch einmal zu entdecken.

Ich möchte malen, was ich spüre
Maria Lassnig entblößt in ihren Bildern schockierende Seelenzustände. Zu ihrem 90. Geburtstag wird sie in Wien und Köln mit großen Ausstellungen geehrt

Im Essener Museum Folkwang sind jetzt rund 45 Gemälde und mehrere Animationsfilme von Maria Lassnig zu sehen. Die Bilder der Ausstellung, die zuerst in der Tate Liverpool zu sehen war, stammen aus allen Werkphasen und zeigen eine Künstlerin, die sich ebenso virtuos wie obsessiv mit der Frage beschäftigte, wie man Gefühle, leibliche Erfahrungen und das eigene Spiegelbild in malerische Werte übersetzen kann.

Ein Höhepunkt der Schau ist Lassnigs allererstes, noch skizzenhaftes "Selbstporträt" aus dem Jahr 1945, ein anderer das Gemälde "Zwei Arten zu sein" (2000). Hier blickt uns Lassnig in doppelter Ausführung entgegen: Sie ist eine Person aus Fleisch und Blut, und sie ist ein Wesen, dessen Inneres nach außen gestülpt erscheint. Wie sonst vielleicht nur bei Francis Bacon geht einem bei Maria Lassnig das Paradox des menschlichen Körperbewusstseins auf: dass man einen Körper hat und zugleich ganz Körper ist.

Der Ausstellungskatalog (Tate Publishing) kostet 24,95 Euro. Eine Lassnig-Biografie erscheint am 3. April bei Brandstätter.

Gegen Vorlage ihrer artCard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.

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