Überwältigende Rauminstallationen

Die neuen Wunderländer

An der Gattung der Rauminstallation führt gerade kein Weg vorbei. Ist die Konjunktur der begehbaren Erlebniszonen die haptische Alternative zum digitalen Eskapismus? Mit der Strategie der maximalen Weltentrückung kommen Künstler wie Hans Op de Beeck oder John Bock unserer wackligen Gegenwart jedenfalls erstaunlich nah.
Die neuen Wunderländer

Für die Art Basel baute Hans Op de Beek ein graues "Collectors House" – raumgreifende Installtionen wie diese liegen im Trend.

Wie bringt man Casanova, den Golem, Requisiten, Sound und wilde Freak-Kostüme in einem einzigen Kunstwerk unter einen Hut? Indem man John Bock heißt und sich der Rauminstallation als Vergrößerungsglas einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft bedient. Einen anderen Irrgarten lieferte vor kurzem Gregor Schneider ab. Dass er einen ganzen Saal der Bonner Bundeskunsthalle für seine Retrospektive verschwinden ließ, konnte man als Einladung in ein perfides Endlosgruselkabinett verstehen. Oder vielleicht doch eher als Aufforderung zur Konfrontationstherapie mit den gerne verdrängten Phantomschmerzen unserer Zeit.

Die neuen Wunderländer

Ansicht aus Greogor Schneiders Ausstellung in der Bundeskunstshalle in Bonn

Beim Durchschreiten, mitunter auch Durchkriechen der erschreckend lebensecht nachgebauten Keller, Folterzellen und Sterberäume fiel es dem Besucher immer schwerer, Debatten um selbstbestimmtes Sterben, das nicht enden wollende Unrecht in Guantanamo oder das zunehmende Entgleisen der öffentlichen Debattenkultur in eine Schlammschlacht à la Trump auf Distanz zu halten.

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Strecken Teaser

Wem dieser locus horribilis mit seinen metaphorischen Reflexionen handfester Streitfragen zugesetzt hatte, der könnte jetzt auf die Idee kommen, bei dem Belgier Hans Op de Beeck im Museum Morsbroich Erholung zu suchen. Aber auch hier täuscht die idyllische Schlosskulisse. Die Institution selbst ist seitens der klammen Stadt von der Schließung bedroht. Dabei gibt sie sich mit Ausstellungen wie "Aufschlussreiche Räume – Interieur als Porträt" am Puls des modischen Raum-Diskurses. Claus Richter etwa nahm die ein Jahr zurückliegende Schau zum Anlass, im Obergeschoss ein ganzes Zimmer im Art-déco-Stil einzurichten, samt Tapete und Teppich im eleganten Schwarz, mit der passenden Legende, es handle sich um das Domizil eines dandyhaften Vogelsammlers, der am Fenster auch als geisterhafte Puppengestalt das Geschehen im Schlosspark beobachtete. Was schließt man daraus? Wenn schon untergehen, dann bitte stilvoll!

Alexandra Wach
Alexandra Wach ist freie Kunstkritikerin und Kulturjournalistin aus Köln. Neben Hörfunk schreibt sie für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften und Kunstmagazine.

Der neue Schlossbewohner Hans Op de Beeck beweist gerade eine ähnlich ausgeprägte Bühnenkompetenz. Auf der letzten Art Basel war sein "Collector's House" in der Sektion "Art Unlimited", traditionell der Zufluchtsort für raumsprengende Werke, bereits der Hingucker schlechthin, ein langläufiges Setting, hergestellt aus Gips und literweise matter Farbe. Obwohl die monochrom graue Oberflächengestaltung die Messerealität außen vorließ, war die Illusion der Behausung eines wohlhabenden Sammlers so gelungen, dass die Besucher es sich nicht nehmen ließen, auf den Sofas und Treppen Platz zu nehmen und so mit dem Kunstwerk zu verschmelzen. Mehr Erlebnis geht nicht.

Die neuen Wunderländer

Arbeit von Chiharu Shiota am Stand der Galerie Daniel Templon

Wobei die japanische Künstlerin Chiharu Shiota, ebenfalls auf der Art Basel, mit ihren fadengewebten, mit hängenden Koffern übersäten Spinnennetzkapseln die Raum-Amateure bereits auf ihre Seite gebracht hatte. Auf der letzten Biennale von Venedig gelang ihr in dem japanischen Pavillon eine blutrote Simulation verdorrter Meereslandschaften samt Bootsruinen und Schlüssel-Wolken, die etwas zu eindeutig die Türen zum Flüchtlingsdrama öffnen wollten. Thomas Zipp allerdings brauchte schon einen ganzen Palazzo, um ein depressives Psychogramm heutiger Befindlichkeiten als begehbare "Forschungsanstalt" zu inszenieren.

Aber wie lehrt man eine überreife Architektur, wie die des Leverkusener Barockschlosses, das Schweigen? Hans Op de Beeck ortsbezogene Antwort mit dem verwunschenen Titel "The Silent Castle" versammelt handgefertigte Werke aus den letzten zwölf Jahren und versucht erst gar nicht, sie zu einer Gesamtkonzeption zu summieren. Die Einzelteile, der Seerosenteich etwa, das neoklassische Interieur, der Konzertflügel, die Wunderkammer-Utensilien oder die lebensgroßen I-Pod-Schönheiten mit verträumt verschlossenen Augen dürfen, verstreut über die Etagen, ein Eigenleben entwickeln, vielleicht als aschgraue "Überlebende" einer unbekannten Pompeji-Katastrophe?

Das skandinavische Künstlerduo Elmgreen & Dragset werden in Krefeld konkreter. Auch sie kreisen um das Thema Vergänglichkeit, flankieren aber ihre Botschaft mit einer hochaktuellen Brexit-Fiktion. Eine deutsche Familie flüchtet aus Großbritannien, um in der einst reichen Seidenhochburg einen Neuanfang zu wagen. Ausgerechnet in der von Mies van der Rohe erbauten Museumsvilla Haus Lange. Und siehe da, die ganze Stadt macht mit. Eine Krefelder Immobilienagentur schaltet eine Verkaufsanzeige, die empörten Bürger beschweren sich und die Museumsleitung lässt es zu, dass ein eilig gebauter Swimmingpool Dissonanzen in den Skulpturengarten bringt. Eine mit halboffenen Umzugkartons, Kinderfotos und passend eingerichteten Wohnräumen ausstaffierte Fake-Welt trifft hier auf willige Akteure, die alles dafür tun, damit die Überschneidung von Fantasie und der bitteren Faktizität eines auseinanderbrechenden Europa gelingt. Wer braucht da noch digitale Parallelwelten?

Flüchtlinge in Bauhaus-Villa
Im Haus steht schon der hochtrabend lange Esstisch, gedeckt mit Porzellan und Kristallgläsern. Die neuen Flüchtlinge sind da und haben das großbürgerliche Ambiente des legendären Haus Lange bereits für sich reklamiert