Radar

Martina Weinhart

Martina Weinhart über Tamy Ben-Tor
Als "eine Synthese von Cindy Sherman, Sara Silverman und Woody Allen" beschreibt die Kuratorin Martina Weinhart Tamy Ben-Tor. In Ihrer Videoarbeit "Normal" von 2006 berichtet die Künstlerin – "mechanisch, getrieben und auch nicht mehr ganz sie selbst" – von ihren stressigen Projekten (Courtesy Zach Feuer Gallery, New York)

MARTINA WEINHART ÜBER TAMY BEN-TOR

Für unsere Serie "Radar" fragen wir jede Woche Sammler, Kuratoren, Dozenten und Kritiker nach ihrem aktuellen Lieblingskünstler. Diesmal: Martina Weinhart, Kuratorin der Schirn-Kunsthalle Frankfurt, über die israelische Performance- und Videokünstlerin Tamy Ben-Tor.
// MARTINA WEINHART, FRANKFURT

Am Anfang der Karriere der jungen israelischen Performance- und Videokünstlerin stand die "Tamy Ben-Tor Show", und damit ist schon viel gesagt. 1975 in Jerusalem geboren, studierte sie dort experimentelles Theater, bevor sie dann nach New York ging und ihre Ausbildung in der bildenden Kunst fortsetzte.

Aus dieser Mischung schließlich generiert sie ein Werk, das wie eine Synthese von Cindy Sherman, Sara Silverman und Woody Allen anmutet. Zweifellos haben ihre Auftritte wie ihre Videos etwas von dem selbst gebastelten Charme einer Stand-up Comedy. Und es sind ihre chamäleonartigen schauspielerischen Fähigkeiten, die ihr bei ersten Besprechungen in New York die Vergleiche mit der großen Cindy Sherman eingebracht haben. Dies ist nicht ganz von der Hand zu weisen, teilt sie mit ihr doch den Mut zur Hässlichkeit, die Liebe zum Trash und zur theatralischen Überzeichnung.

In früheren Arbeiten wie beispielsweise "Women Talk About Adolf Hitler" beschäftigte sich Ben-Tor mit der jüdischen Identität, vor allem aber mit den damit verbundenen Klischees, wobei sie immer genau den einen Schritt weiter geht, ohne den sie auf dem sicheren, weil stets schon gut ausgetretenen Pfad geblieben wäre. Im Rahmen meiner Recherchen für die Ausstellung "The Making of Art" ist mir jedoch besonders eine Reihe von Videos aufgefallen, die sich ganz speziell mit der Kunstwelt auseinandersetzen. Hier wie in ihrem übrigen Werk gilt ihr Interesse den tragikomischen Figuren, den Unsympathischen, Überreizten, Frustrierten, Arroganten, Naiven oder Verwirrten. Immer betont sie die bizarren Seiten, die man wahrscheinlich an sich selbst am wenigsten mögen würde. Sie nerven, reiten auf Dingen herum und können nicht anders. Auf diese Weise begegnen uns auch die Künstler, Kritiker, Kuratoren als total manische Typen, die in ihrem eigenen System gefangen sind.

Derbe, fast burleske Karikaturen

Da ist zunächst die Frau in schrillem Pink mit der blonden Perücke, die in "Normal" wirklich sehr damit beschäftigt ist, ihre umfangreichen und offensichtlich stressigen Projekte zu organisieren. Mit wachsender Dringlichkeit rezitiert sie die Texte ihrer E-Mails in die Kamera. Mechanisch, getrieben und irgendwie auch nicht mehr ganz sie selbst. Die Hektik wird beinahe zum Selbstzweck, dazwischen soll schnell noch ein Dinner organisiert werden, aber das schon nicht mehr aus Lust, sondern eher weil man das eben so macht. Am Ende jedoch bleibt dann nur noch Fernsehen auf dem Sofa und Essen aus der Konserve. "Normal" ist der nicht nur der lustige Bericht einer Überforderung, die in der hektischen Betriebsamkeit des Systems nur noch Hülsen und Automatismen produziert.

In "The End of Art", einer weiteren Arbeit aus diesem Themenkomplex, schlüpft Tamy Ben-Tor wiederum in zwei Rollen, die jedem, der jemals etwas mit der Kunstwelt zu tun hatte, mehr als vertraut vorkommen. Hier wählt sie zwei zentrale Gestalten: den Künstler und den Kritiker. Und man muss sagen, beide kommen nicht besonders gut dabei weg. Es sind derbe, fast burleske Karikaturen. Die Thai-Künstlerin hinter dicker Brille, die – weil ihr nichts Besseres eingefallen ist – für alle kocht und zwischen irrem Blick, Gekicher und Singsang ein zynisches Geständnis darüber ablegt, wie gut es das Leben mit ihr meint: Sie muss nicht hart arbeiten, Essen einkaufen hasst sie, aber das kann ja der Praktikant machen oder noch besser der Kunstkritiker, der macht die Aktion dann auch noch zum partizipatorischen Werk. Dass dies am Ende nun auch noch als soziale Skulptur bejubelt wird, mit der darüber hinaus auch noch eine Menge Geld zu verdienen ist, findet sie mehr als großartig. Ein Gericht: eine Million, mit Erdnusssoße zwei Millionen, mit Chop Sticks 2,5 Millionen, mit Getränk drei Millionen.

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