Was macht Kunst politisch?

Flucht ins Konzept

Das soll politisch sein? Warum versteckt sich kritische Kunst so oft hinter alten Strategien der Konzeptkunst, fragt sich Autor Raimar Stange und plädiert für einen kritischen Populismus.
Flucht ins Konzept

Nasan Tur: "Sea View", 2016, Installationsansicht BlainSouthern, Berlin

Seit Donald Trump in den USA den Präsidenten gibt, ist nicht nur dort eine neue Politisierung der Kunst auszumachen. Bisher reagierte das deutsche Feuilleton darauf größtenteils kritisch. Kolja Reichert sprach in der FAZ im Zusammenhang mit Anti-Trump-Kunst gar von einer ihr "eigenen Filterblase aus Überheblichkeit, Besserwisserei und Ratlosigkeit". Mit anderen Worten: Schuster bleib bei dein Leisten! Der Künstler soll auch in Zukunft vor allem das machen, wovon er was versteht: Kunst nach allen Regeln der Kunst. Und diese Regeln fordern derzeit offenbar einen Umgang mit politischen Inhalten, der wohlgelitten ist: Die meisten Arbeiten sind so sehr mit cleveren, von jüngerer Kunstgeschichte längst abgesegneten Konzepten aufgeladen, dass nichts mehr von einem politischen Gehalt übrig bleibt. Dafür drei Beispiele.

Raimar Stange
Raimar Stange ist freier Kurator und Kunstkritiker aus Berlin. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften und Kunstmagazine. 2003 erhielt er den Preis des ADKV für Kunstkritik.

Da ist die jüngst in der Berliner Galerie BlainSouthern ausgestellte Serie "Seaviews", 2016, des Künstlers Nasan Tur: Großformatige, am Computer bearbeitete Fotos von Meeresansichten. Das Mittelmeer ist zu sehen – in den letzten Jahren ein Massengrab für Tausende ertrunkener Flüchtlinge – das hier seiner ganzen Schönheit als Folie für Sehnsucht und Fernweh erscheint und zwar deswegen, weil der Künstler Motive wie Flüchtlingsschiffe aus diesen Fotos weg retuschiert hat. Dadurch, so hofft Tur, würde das Schreckliche uns um so mehr bewusst werden, denn das Verbergen, eine künstlerische Strategie, die Christo bis zur Perfektion entwickelt hat, mache das Unsichtbare erst wirklich wichtig.

Aber geht diese Rechnung auf? Oder bleiben die Bilder, zumal ihr prekärer Ursprung weder den Bildern noch ihren Titeln ablesbar ist, nicht einfach das, wozu Tur sie gemacht hat: romantische "Seaviews", Seestücke?  

Flucht ins Konzept

Die hellblaue Zahl benennt die Anzahl der Toten. Nasan Tur: "Funktionieren", Installationsansicht in der Galerie BlainSouthern, 2016

In der Werkreihe seiner Aquarelle mit Zahlen spielt Tur erneut mit dem Konzept des Weglassens, ergänzt es aber noch um On Kawaras erprobte Strategie der Datumsbilder. Im so schlichten wie poetischen Hellblau sind da Nummern aufs Blatt aquarelliert, darunter stehen jeweils mit Bleistift in deutlich kleinerer Schriftgröße, also kaum lesbar, geschriebe Angaben wie "North of N’Djamena, Chad, 29. August 2015". Die Aquarelle sollen an menschliche Katastrophen erinnern, hier an ein Selbstmordattentat im afrikanischen Tschhad, die hellblaue Zahl "10" benennt die Anzahl der Toten. Aber was leistet die Werkreihe, die sich wiederum als politische ausgibt? Wirklich mehr als ein verrätseltes Andeuten, das vor allem durch seine minimalistische Reduziertheit ästhetisch punkten kann?

Ein tatsächlicher Effekt ist offenbar nicht erwünscht

Die Kunst von Susan Philipsz ist da kaum besser, etwa ihre Installation "War Damaged Musical Instrument (Shofar)", 2016, für den Kunstverein Hannover. Das Blasinstrument Shofar aus dem ehemaligen Besitz einer jüdischen Familie aus Hannover steht hier im Mittelpunkt. Dieses Widderhorn lag im Zweiten Weltkrieg versteckt unter einem Kohlenberg, entsprechend demoliert ist es heute. Philipsz fotografierte das Instrument, fügte ein Text bei, der dessen Geschichte erzählt und gab das Shofar schließlich einem Musiker, der versuchte dem Instrument Töne zu entlocken. Das mehr oder weniger musikalische Resultat ist im Raum zu hören.

Flucht ins Konzept
Susan Philipsz: "War Damaged Musical Instruments (Shofar)", 2016, Ausstellungsansicht Kunstverein Hannover 2016

Philipsz macht hier "nach allen Regeln der Kunst" vieles richtig: Sie arbeitet ortsbezogen, wählt ein wichtiges Thema, mixt geschickt unterschiedliche Medien wie Text, Foto und Sound und gibt ihrer konzeptuell angelegten Kunst so durchaus sinnliche Qualitäten. Aber auf welche Fragestellung läuft das Arrangement hinaus? Sag mir wie du klingst und ich erfahre was du im Nationalsozialismus durchgemacht hast?

Schließlich geht es hier um nichts anderes: Das Instrument wird zum Statthalter für die Geschichte der Juden im "Dritten Reich". Ein Anspruch, den die Installation in keinster Weise einlöst, auch nicht einlösen kann, das Konzept läuft vielmehr in die Leere des bloß klug und moralisch korrekt Gedachten. Bezeichnend auch, dass Philipsz nicht versucht, das Thema Nationalismus in Richtung Rechtspopulismus zu aktualisieren. Ein tatsächlich auftretender politischer Effekt ist offenbar nicht erwünscht.

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Die Reihe der Beispiele lässt sich mühelos fortsetzen, etwa mit Eric Baudelaires Videoinstallation "Site displacement / Deplacement de site", 2016. Der derzeit hoch gehandelte Künstler hatte in der französischen Stadt Clermont-Ferrand Fotos zum Thema "Territorium" gemacht. Clermont-Ferrand war einst Produktionsstandort für die Reifenfirma Michelin – bis diese ihre Fabrikation nach Indien ausgelagert hat. Also schickte Baudelaire seine Aufnahmen einem indischen Fotografen mit der Bitte, vergleichbare Fotos in Indien zu machen. Der Prozess der neoliberalen Globalisierung soll so reflektiert werden und zwar dadurch, dass der Künstler seine eigene Arbeit gleichsam outsourct, um beide Produktionen dann mit Hilfe zweier Diaprojektionen im Ausstellungsraum zeigen zu können. Auf den ersten Blick macht das Konzept durchaus Sinn, auf den zweiten fällt aber auf, dass hier auf inhaltlicher Ebene überhaupt nicht mehr von Outsourcing und dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen und sozialen Arbeitsbedingungen die Rede ist. Die Kritik flüchtet sich ganz ins Konzept. Zu sehen sind stattdessen vor allem recht ansehnliche Architekturfotos.

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Eric Baudelaire: "Site Displacement / Déplacement de site", 2007, zwei synchronisierte Diaprojektionen (2 x 22 Bilder)

Dass politische Kunst auch anders geht, also ohne eine konzeptuelle "Verkünstelung", die im schlimmsten Fall Zustände eher verharmlost, ist derzeit in Dresden zu erleben. Dort hat der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni direkt vor der Frauenkirche drei Busse kopfüber in den Boden gerammt und mit diesem "Monument", 2017, auf eine Situation in Aleppo verwiesen, in der Bewohner der umkämpften Stadt sich offenbar mit Hilfe von ebenfalls aufgerichteten Bussen vor Beschuss schützen.

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Die Eröffnung von Manaf Halbounis Installation "Monument" wurden von lautstarken Protesten begleitet.

Dieses "Monument" mahnt also vor den Schrecken des Krieges und Terrors, und das mit künstlerischen Mitteln, die wir ebenfalls aus der jüngeren Kunstgeschichte kennen, etwa aus dem Nouveau Réalisme. Doch Halbouni weiß: "Ertrinkende singen keine Arien" (Hermann Hesse) und so formuliert er sein engagiertes Anliegen in einer schnörkellosen, direkten Sprache. Ohne Versteckspiel.

Dass diese einfache Sprache unmittelbar Wirkung zeigt, wird nicht zuletzt an den anhaltenden, teils heftigen Diskussionen rund um dieses Kunstwerk ablesbar. Halbouni ist so gelungen, was politische Kunst heute auszeichnen müsste: ein kritischer Populismus, der unter die Haut und in den Kopf geht.

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«
Seine Installation "Monument" auf dem Dresdner Neumarkt sorgt weiter für heftige Diskussionen und verbale Angriffe gegen Künstler und Organisatoren. Im Interview mit art spicht Manaf Halbouni über die krassen Erfahrungen der letzten Wochen, falsche Vorwürfe und wann ihm die Hutschnur platzt.
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