Isa Genzken in Münster 2007

Kurz abgestellt

Die Skulptur Projekte Münster funktionieren dann, wenn die Werke ihre Umgebung verändern, findet art-Redakteurin Barbara Hein. Ein Beispiel ist die Arbeit von Isa Genzken, die wie keine andere das Thema Kunst im öffentlichen Raum zur Diskussion stellt. Sie widersetzt sich allen Gepflogenheiten von Draußen-Kunst.
Kurz abgestellt

Installation der Künstlerin Isa Genzken auf dem Vorplatz der Liebfrauen-Überwasserkirche in Münster, 2007

Notdürftig befestigt stehen zwölf Assemblagen aus Schirmen, Puppen, Stühlen und Krimskrams auf dem Liebfrauen-Kirchplatz und sind fast schutzlos Wetter und Vandalen ausgesetzt. Bereits bei der Eröffnung gibt es Spuren: Trotz Bewachung ist eine Puppe zerrissen, wurden Plastikfische geklaut, hat der Wind die Schirme zerzaust. "Das hält niemals drei Monate", prophezeit der Wachmann.

Wahrscheinlich wird er Recht behalten, denn die Arbeit führt in Versuchung: ein Schälchen mit Euromünzen, eine Hand voll Muscheln, ein paar Girlanden ... Es wirkt, als habe jemand die Sachen kurz abgestellt, um sie gleich wieder zu holen. So hebt Genzken die Distanz zwischen Werk und Betrachter auf und erreicht dadurch, dass der eigentlich schon zum Gemeinplatz gewordene "öffentliche Raum" wieder spannend wird.

Stünden die Sachen signiert, datiert, etikettiert im musealen Schutzraum hätte wohl niemand Zweifel, aber hier draußen unter grauem Himmel wird der radikal provisorische Charakter der Arbeit als Dilettantismus ausgelegt, die geringe Wertigkeit des Materials als geringer Wert des Werks. Und auch, wenn es meist nicht um Genzkens Arbeit selbst geht, die ein Passionsspiel zeigt, so ist es ein unglaublicher Erfolg, dass die Frage, auf die sich Besucher hier einlassen, lautet: "Was ist Kunst?" Der Mehrzahl der wetterfesteren Arbeiten aus Holz, Kunststoff, Beton fehlt diese Ebene, sie entziehen sich gewissermaßen dieser Diskussion, da der öffentliche Raum bereits ins Konzept integriert ist: Guillaume Bijls Ausgrabungsstätte mit versenktem Kirchturm, Thomas Schüttes gläserner Brunnendeckel oder Dominique Gonzalez-Foersters Miniaturengarten.

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Auf einer Wiese am Aasee hat letztere einige wichtige Arbeiten aus den vergangenen 30 Jahren im Maßstab 1:4 nachgebaut. Niedlich ist das. Dort am See ist man sich auch unter grauem Himmel einig: Keith Harings roter Stahlhund von 1987 sieht süß aus in Miniatur. Das ist bestimmt ein Genuss, aber nicht unbedingt eine bedeutende Erkenntnis. Die "Skulptur Projekte 07" wachsen da über sich hinaus, wo die Künstler nicht einfach eine Arbeit nach draußen verfrachten, sondern sich mit "draußen" aus einandersetzen. Dazu gehört auch Bruce Naumans Arbeit "Square Depression", die 1977 scheiterte und nun realisiert wurde: eine begehbare quadratische Betonsenke. Von da unten im weißen Nichts sieht Münsters Siebziger- Jahre-Tristesse plötzlich grafisch reizvoll aus.

Auch Susan Philipsz' Lied, das sie von der Tormin-Brücke über den Aasee schickt, spielt mit der Wahrnehmung: Die Melodie tönt weit, legt sich als Soundtrack sanft unter das Gesichtsfeld und verändert kurzfristig den Blick auf die Welt. Überhaupt sind es weniger die spektakulären Arbeiten, für deren Errichtung Bagger und Dachdecker anrücken mussten, die am stärksten wirken. Vielmehr überzeugen die Werke, die eher beiläufig unser gewohntes Bild von der Welt außer Kraft setzen.

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