Richard Prince
Interview
MYTHEN-SAMPLER UND PIRAT
Richard Prince lebt mit Ehefrau und zwei Kindern auf dem Land: Etwa drei Autostunden nördlich von New York City, in Rensselaerville, hat der medienscheue Künstler, der mit abfotografierten Marlboro-Cowboys und gemalten Witzen berühmt geworden ist, ein altes Farmhaus umgebaut und riesige Ateliers errichtet. Prince gilt als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen „Appropriation Art“. 2005 setzte eines seiner Werke bei einer Auktion mit rund 1,2 Millionen Dollar den Rekord für Fotografie. Nun widmet das Guggenheim Museum in New York dem 58-Jährigen eine umfangreiche Werkschau. Bei unserem Besuch arbeitet er gerade an einer neuen Gemäldeserie für die Ausstellung, den „De Koonings“. Derweil bekleben seine Assistenten große Leinwände mit fotokopierten Bildern von den Kultbands Sonic Youth, The Band und The Velvet Underground, von Supermodel Kate Moss und Prinzessin Diana und beschriften sie mit Witztexten. In der Nachbarhalle stehen Autofahrgestelle mit anmodellierten Fantasiemotorhauben neben einem knallroten 87er-Cobra-Sportwagen. Im flugzeughallengroßen Galerieraum sieht man einige großformatige Witzbilder, Abgüsse von Pflanzkübeln aus Autoreifen, eine Vitrine von Damien Hirst, einen Designer-Schreibtisch von George Nelson. Im Dorf hat Prince zudem ein historisches Haus zu seiner privaten Bibliothek gemacht. Dort hortet er wertvolle Erstausgaben von Vladimir Nabokov, Ken Kesey und Jack Kerouac. Neben Büchern der Beat-Generation liebt Prince „Muscle Cars“; vor dem Haus parkt sein nachtblauer Ford GT, ein Rennwagen-Nachbau mit 550 PS. Fremde empfängt der Künstler nur ungern, er gilt als Eigenbrötler. Für die art-Redakteurin Ute Thon und die USA-Korrespondentin Claudia Bodin macht er jedoch eine Ausnahme. Er hat sogar versprochen, man werde gemeinsam „Second House“ besuchen, ein verlassenes Haus auf einer Bergkuppe, das Prince in jahrelanger Arbeit zu einem Gesamtkunstwerk umgestaltet hat. Doch es kommt anders.
Richard Prince: Ich habe schlechte Nachrichten für Sie. Wir werden „Second House“ nicht besuchen können. Es ist vor ein paar Tagen abgebrannt.
art: Ist das einer Ihrer typischen Witze?
Leider nicht. Das Haus ist bei einem Unwetter vom Blitz getroffen worden.Zum Glück war eine Reihe von Werken, die ich dort ursprünglich ausgestellt hatte, nicht im Gebäude. Aber viele andere Arbeiten sind verbrannt.
art: Das ist ja furchtbar.
Bislang konnte ich es nicht einmal übers Herz bringen, mir den Schaden anzusehen. Als es passierte, war ich in Long Island. Die Feuerwehr hat den Brand gelöscht, aber das Gebäude und alles darin ist offenbar zerstört. Das Haus bedeutet mir sehr viel. Ich habe es zufällig entdeckt. Es war einst die Jagdhütte eines Polizisten. Es hatte etwas Menschliches, es hatte Fehler. Die Wände waren nicht perfekt geweißt, außen waren die silberfarbenen Isolierplatten sichtbar. Meine Installation von Bildern, Skulpturen und Fundstücken dort war zwar genau durchdacht, aber nicht perfekt.
Werden Sie „Second House“ wieder aufbauen?
Das weiß ich noch nicht. Eigentlich ist das sowieso die Sache des Guggenheim Museum: Die haben das Haus vor zwei Jahren gekauft und wollten es für Besucher öffnen.
Das Guggenheim Museum in New York widmet Ihnen unter dem Titel „Spiritual America“ eine große Retrospektive. Grund zum Nachdenken?
Manchmal macht es mich eher nervös, dann wieder selbstsicher. Denn ich hätte eigentlich nie gedacht, dass ich mit dem, was ich mache, überhaupt so weit kommen würde. In gewisser Weise war es wohl gut, dass mir in den ersten 15, 20 Jahren meines Schaffens niemand großartig Beachtung schenkte. So kann man sich mehr erlauben, es gibt keine Erwartungen.
Darum haben Sie auch keine Skrupel, in Ihren neuesten Bildern Willem de Kooning zu zitieren, eine Ikone des Abstrakten Expressionismus?
Ich habe De Kooning immer geschätzt, besonders seine Frauenbilder. Darum bereiten mir diese Arbeiten die reinste Freude. Was andere darüber denken, ist mir völlig egal. Es handelt sich übrigens um riesige Tintenstrahldrucke auf Leinwand, die ich bemale und übermale. Auf gewisse Weise ist in diesen Bildern alles vereint, was ich bislang gemacht habe: die Aneignung von Bildmotiven, Collagetechnik, nackte Frauen …
Das führt uns zu den Anfängen. Sie kamen 1973 nach New York. Hatten Sie damals schon das feste Ziel, ein berühmter Künstler zu werden?
Ich hatte eine völlig romantische Vorstellung von New York. Bei mir drehte sich alles um die Abstrakten Expressionisten, um die Bilder von Franz Kline, De Kooning und Jackson Pollock. Das war meine Fantasiewelt. Doch ich sah das Künstlerdasein nicht als Beruf, es war für mich mehr wie ein soziales Experiment.

