Skulptur Projekte Münster 1997

Suche nach der besten aller Welten

Sommer 1997: Zum dritten Mal nach 1977 und 1987 lässt sich die alte Stadt in Westfalen von der jungen Kunst herausfordern. Rund 70 Künstler sind eingeladen, die Möglichkeiten des Stadtraums zu erproben – ein Kräftemessen, bei dem Künstler und Bürger Verbündete sind.
Suche nach der besten aller Welten

Ayşe Erkmen: "Skulpturen in der Luft", 1997, für "Skulptur. Projekte in Münster"

Am Ufer des Aasees in Münster erhebt sich ein "poetischer Sendeturm", dessen metallene Querstreben in 13 Metern Höhe ein ovales Schriftfeld bilden. Wer sich darunter auf den Rücken legt, kann mit etwas Geduld eine Botschaft entziffern: "Mein Lieber! Du liegst im Gras, den Kopf im Nacken, um dich herum keine Menschenseele, du hörst nur den Wind und schaust hinauf in den offenen Himmel – in das Blau dort oben, wo die Wolken ziehen - das ist vielleicht das Schönste, was du im Leben getan und gesehen hast. " Und im Wind flirren die glitzernden Lettern.

"Mein Lieber!" Wann wird ein Kunstbetrachter schon mal so herzlich adressiert? Zur Schau "Skulptur. Projekte in Münster 1997" hat Ilya Kabakov, der einstige Kinderbuchautor aus der Ukraine, heute ein weltweit herumgereichter Erbauer schicksalsschwerer Environments, diesen fröhlichen, kommunikativen Beitrag ersonnen.

Diese Zusammenarbeit ist in vielen Fällen bereits exemplarisch gelungen, etwa wenn ein Münsteraner dem Duo Peter Fischli und David Weiss seinen schon im 19. Jahrhundert angelegten Obstgarten an der Stadtmauer überläßt, in dessen Hecke seit alters her Tierfiguren geschnitten sind, ein "Grüner Zoo". Hier legen die beiden Konzeptkünstler aus der Schweiz einen Gemüsegarten nach ökologischen Gesichtspunkten an. Wie Fischli/Weiss, so sieht es das Konzept vor, haben die rund 70 teilnehmenden Künstler aus Europa, Nord- und Südamerika und Asien keine fertigen Objekte oder Ideen nach Münster mitgebracht. Vielmehr entwickelten sie ihre Projekte nach wiederholten Ortsterminen, stets emsig umsorgt und beraten von einem ebenso kleinen wie effizienten Team - neben den Kuratoren König und Bußmann die Kunsthistoriker Florian Matzner und Ulrike Groos sowie als Pressereferent Markus Müller.

Kasper König und Klaus Bußmann wollten eine Schau für Münster machen

Suche nach der besten aller Welten

Ilya Kabakov: "Blickst du hinauf und liest die Worte...", 1997, "Skulptur. Projekte in Münster 1997"

Beispielhaft strahlt Kabakovs Arbeit den Geist aus, in dem die Veranstalter das große Münsteraner Sommerspektakel inszenieren: Freundliche Kommunikation statt rechthaberischer Provokation, Überzeugung statt Überwältigung im Umgang zwischen Kunstproduzen. ten, Kunstvermittlern und Kunstkonsumenten. Münster, das zum dritten Mal nach 1977 und 1987 erprobt, was Skulptur im öffentlichen Raum zu leisten vermag (und was nicht), will und wird es seinen Besuchern nicht leicht machen, aber so leicht, so angenehm, so an- und aufregend, so unterhaltsam wie möglich.

Und so paradox es klingt: Die Organisatoren, an ihrer Spitze der aus Münster stammende Ausstellungsmacher Kasper König und Klaus Bußmann, Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte in Münster, wollen dies erreichen, indem sie eine Schau nicht für die Welt, sondern "für Münster" machen. Sie richteten sich bei den Vorbereitungen ausdrücklich an die rund 260 000 Einwohner der Stadt, von denen knapp 60 000 Studenten sind. Sie suchen die Diskussion mit den Bürgern, ihr Verständnis, ihr Einverständnis, ihre Teilnahme - wovon, wenn die Rechnung aufgeht, auch die Gäste profitieren.

Viele Künstler, die 1977 und/oder 1987 dabei waren, machen auch diesmal wieder mit, etwa die Bildhauer Ulrich Rückriem, Richard Serra, Franz West oder Per Kirkeby. Rückriem, Serra und West sind mit autonomen Skulpturen vertreten. Kirkeby möchte, wenn das Stadtplanungsamt zustimmt, eine Bushaltestelle bauen, die besonders von Schülern frequentiert wird. Sie soll den Kindern als Warteraum dienen und ihren Schulhof zur vielbefahrenen Straße hin abschließen - Kunst als direkter Dienst an den Bürgern einer Stadt, deren Aufgeschlossenheit für die aktuelle künstlerische Produktion in den 20 Jahren seit Königs erster Schau sichtlich gewachsen ist.

Skulptur Projekte
Künstler, Werke, Kuratoren: Das Wichtigste über die Skulptur Projekte Münster und alle Artikel rund um das Thema im Überblick, dazu Reise- und Restaurantipps und eine Karte zum Ausdrucken

"Skulptur Ausstellung in Münster 1977": Neun Künstler – Carl Andre, Michael Asher, Joseph Beuys, Donald Judd, Richard Long, Bruce Nauman, Claes Oldenburg, Ulrich Rückriem und Richard Serra - zeigen den mit zeitgenössischer Kunst wenig vertrauten Münsteranern, was neue Skulptur bedeutet.

"Skulptur Projekte in Münster 1987": 64 Künstler greifen teils massiv ins Stadtbild ein, entwickeln Beziehungen zwischen ihrer Ästhetik und dem, was sie an Architektur, Geschichte und soziologischen Strukturen in der Stadt wahrnehmen - die Schau, wieder geleitet von Kasper König, macht deutlich, daß Kunst im öffentlichen Raum nicht nur das Deponieren von Plastiken im Freien sein darf, sondern eine auf den Ort bezogene Leistung, verbunden mit der Hoffnung, daß sie, mit welcher Verzögerung auch immer, angenommen werde, weil sie per Diskurs mit den Bürgern und ihrer Umwelt erbracht wurde.

Ein verschmähter Liebhaber benutzte Claes Oldenburgs Betonkugeln als Plakatwände für herzzerreißende Botschaften

Es gibt etliche solche Beispiele in Münster, etwa ein 79 Quadratmeter großes sandgestrahltes Bodenrelief aus Granit von Matt Mullican zwischen den Universitätslaboratorien für organische und anorganische Chemie; es gab dem gesichtslosen Gelände Profil. Studenten und Professoren haben gesammelt, um den Ankauf der 1987 entstandenen Arbeit mitzufinanzieren. Oder - inzwischen beinahe ein Wahrzeichen der Stadt - drei Riesenkugeln aus Beton von Claes Oldenburg, 1977 installiert. Sie sind ein beliebter Treffpunkt geworden, vor allem für junge Leute und sogar für Unglückliche: Ein verschmähter Liebhaber erlangte lokalen Ruhm, indem er sie als Plakatwände für herzzerreißende Botschaften an die Verflossene nutzte.

"Skulptur. Projekte in Münster 1997": Es gehe darum, sagt Kasper König, die gewonnenen Erfahrungen zu überdenken und zu erproben, ob sie mit dem aktuellen Stand der Kunst vereinbar sind. Wie vor einem Jahrzehnt beziehen sich viele der Arbeiten nicht nur räumlich, sondern auch ideell auf Münstersche Verhältnisse, auf die Geschichte der Stadt, in der nach dem Dreißigjährigen Krieg von 1645 bis 1648 im Westfälischen Frieden die neue Landkarte Europas ausgehandelt wurde, oft auch auf Geschichte aus der Sicht derer, die keine Macht hatten und keine Macht haben.

So befragte der Amerikaner Allen Ruppersberg, Jahrgang 1944, ältere Bürger Münsters nach ihren Erinnerungen an Orte, die heute nicht mehr existieren. Elf Geschichten hat er aus zahlreichen Interviews herausgefiltert, etwa die einer einstigen Kneipenwirtin: Im Krieg verlor sie Mann und Kinder, die Gaststätte wurde zerbombt, wiederaufgebaut und wieder zerstört. Heute steht das Kaufhaus Karstadt an ihrer Stelle. Aus solchen Berichten und gesammeltem Bildmaterial stellte Ruppersberg eine Broschüre zusammen, die Interessierte im Altbau des Landesmuseums von einem Schauspieler überreicht bekommen. Der Mime ist kostümiert als "Candide" aus dem Roman (1759) des französischen Philosophen, Geschichts- und Geschichtenschreibers Voltaire.

Suche nach der besten aller Welten

Hermann de Vries: "sanctuarium", 1997, für "Skulptur. Projekte in Münster 1997"

Candides Reise auf der Suche nach der besten aller Welten begann in Westfalen. Der Schauspieler erläutert das Projekt, postiert in einer Installation, die ein etwas altmodisches Reisebüro nachstellt. Dort laufen Videos mit Passagen aus Leonard Bernsteins Musical "Candide" sowie Szenen aus Münster. Derart vorbereitet, lassen sich vom Landesmuseum aus die elf "Orte der Erinnerung" ansteuern, markiert jeweils durch ein rundes Schild mit der Umschrift "Die beste aller möglichen Welten". Geschichte von unten, Philosophie, westfälische Heimatkunde - dargeboten ausgerechnet von Künstlern aus Übersee.

Die Erfahrung eines ins Kommunikative erweiterten Kunstbegriffs wollen die Kuratoren von Münster vermitteln

Auch Rirkrit Tiravanija, 35, in Buenos Aires geboren, mit Atelier in New York, hat sich intensiv mit Münsters Vergangenheit befaßt. Er interessierte sich für die Geschichte des Alten Zoos, in dem seit Jahren keine Tiere mehr zu bewundern sind - außer einem bellenden Hund. Der ist ein Geschöpf des Amerikaners Keith Haring (1958 bis 1990), heißt "Red Dog for Landois" und kläfft seit der Skulpturenschau von 1987 in Richtung des Bankgebäudes, dem der Zoo in den sechziger Jahren weichen mußte. Hermann Landois war Gründer des Zoos und der "Abendgesellschaft des Zoologischen Gartens", die Ende des vorigen Jahrhunderts mit Laientheater Geld für Elefanten und Meerschweinchenfutter einspielte. Tiravanija hat die alten Manuskripte ausgegraben, baut eine Bühne und inszeniert mit Schülern aus Münster einen der Schwänke, "Söffken van Gievenbeck", uraufgeführt 1896: Bauernsohn aus dem Münsterland zieht in die weite Welt, kommt als berühmter, schwerreicher Bildhauer zurück und rettet seinen alten, von Tochter und Schwiegersohn malträtierten Vater aus Münsters Gosse. Gespielt wird mit thailändischen Marionetten.

Was hat das mit bildender Kunst, mit Bildhauerei zu tun? Wenig, selbst wenn man Tiravanijas Bühne oder Ruppersbergs Installation skulpturale Qualitäten zubilligt. Aber genau die Erfahrung eines ins Kommunikative erweiterten Kunstbegriffs wollen die Kuratoren von Münster vermitteln. Bewußt haben sie den auf den ersten Blick leicht kryptischen Titel "Skulptur. Projekte in Münster 1997" gewählt, mit dem Punkt dazwischen. Will heißen: Wir zeigen einerseits Skulpturen, aber wir zeigen auch Arbeiten wie Ruppersbergs Recherche. Den eingeladenen Künstlern, von denen sich kaum einer um traditionelle Gattungsbegriffe kümmert, steht es frei, wofür sie sich vom genius loci begeistern lassen. Umgekehrt: Jede für Münster erdachte Skulptur oder Installation ist auch ein Projekt, und ihr Wert als Projekt macht sie würdig für den Katalog und eine Präsentation im Altbau des Westfälischen Landesmuseums, selbst wenn sie wegen Einwänden des Stadtbauamts, wegen Geldmangels oder ihres utopischen Charakters nicht verwirklicht werden konnte.

Eine ganze Reihe von Künstlern hält die Video-Projektion noch lange nicht für out

So könnte es einem kühnen, obschon realisierbaren Projekt des Mexikaners Gabriel Orozco ergehen, wenn Kasper König (auch ein König der Bettler) nicht noch zusätzliche Mittel auftut. Im Sechs-Millionen-Etat der Schau (Stadt, Land und Landschaftsverband gaben je eine Million, die andere Hälfte wird von Sponsoren geworben, Hauptsponsor ist die Kultur-Stiftung der Deutschen Bank) sind die benötigten 350 000 Mark nicht drin. Orozco möchte ein veritables Riesenrad aufstellen und betreiben: Keine Kunst. Er will es aber so aufstellen, daß sich das Rad nicht nur durch die Luft, sondern zur Hälfte durch einen halbrunden Schacht in der Erde dreht. Und wenn Kunst darin bestehen sollte, unvergeßliche Augenblicke zu bescheren, dann ist Orozco - wie Tiravanija - zumindest ein Unterhaltungskünstler.

Der Koreaner Nam June Paik, Altmeister der Video-Kunst und auch schon 1987 mit einem kleinen "TV-Buddha für Enten" dabei, plant diesmal einen großen Auftritt. Aus den USA läßt der 1932 geborene Künstler 32 alte Automobile der Baujahre 1924 bis 1959 nach Münster transportieren. Die Wagen, immobil, da ohne Motor, sind silberfarben gespritzt und werden auf dem Schloßplatz ein gigantisches Ensemble bilden. Aus ihrem Innern erklingt leise Mozarts Requiem; auf seine Markenzeichen, die Bildschirme, verzichtet Paik. Seine Botschaft: Das Jahrhundert des Automobils geht zu Ende, aber auch das Fernsehen ist schon ein Medium von gestern.

Dialog zwischen Kunst und Stadt
Arbeiten von 56 Bildhauern und Malern zum Thema "Skulptur im öffentlichen Raum" waren mehr als drei Monate lang im gesamten Stadtgebiet von Münster zu sehen. Einige Arbeiten blieben wegen Protesten aber auch unrealisiert

Eine ganze Reihe von Künstlern hält indessen die Video-Projektion noch lange nicht für out, etwa der Amerikaner Jeffrey Wisniewski, der auf dem Aa-See "The Digital Island of Aa" verankern will, die digitale Aa-Insel. Er hat einen kreuzförmigen, auf Pontons schwimmenden Tunnel entworfen, der in dem Gewässer verankert werden soll. Der Tunnel kann von allen vier Himmelsrichtungen aus mit Ruderbooten befahren werden. Im Innern gibt es eine Art Video-Theater, das seine Energie von Sonnenkollektoren auf dem Dach bezieht .Der Architektur-Künstler Tadashi Kawamata aus Japan - auch er auf der Suche nach einer unmittelbar sozialen Funktion der Kunst - entwarf ein hölzernes Hausboot, das er zusammen mit niederländischen Ex-Junkies baute. Münster wird allen Beteiligten Quartier am Ufer der Aa bieten.

Münster
Aktuelle Ausstellungen, die wichtigsten Museen und spannende Artikel zur Kunstszene in Münster.

Kunst zu Wasser, zu Lande – und in der Luft. Die Türkin Ayse Erkmen wollte eigentlich einen sehr behutsamen temporären Eingriffen an dem im Krieg zerstörten Dom vornehmen. Sie beabsichtigte, an der Rosette der Westfassade eine große Uhr mit zwei gleichlangen Zeigern anzubringen, um zum Nachdenken über das Phänomen der Zeit und der Vergänglichkeit anzuregen. Das Domkapitel lehnte den Vorschlag mit der Begründung ab, daß "Frau Erkmen über die sakrale Symbolik der Rosette der Westfassade keine Kenntnis zu haben scheine". Auch weitere Vorschläge scheiterten am Einspruch der Geistlichkeit, sogar eine Arbeit auf dem - städtischen - Domplatz wollte sie nicht dulden.

Da entschloß sich die Türkin, wenigstens den Luftraum über dem Dom zu erobern: Nun soll ein Hubschrauber einmal pro Woche eine alte Skulptur aus einem Depot aufs Dach des Landesmuseums transportieren.

Uhrzeiger, Herr Dompropst, rotieren leiser als Hubschrauberflügel.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe art 07/1997.

Skulptur. Projekte in Münster 1997

Termin: 22. Juni bis 28. September 1997

Beteiligte Künstler: Kim Adams, Carl Andre, Michael Asher, Georg Baselitz, Alighiero e Boetti, Christine Borland, Daniel Buren, Janet Cardiff, Maurizio Cattelan, Eduardo Chillida, Stephen Craig, Richard Deacon, Mark Dion, Stan Douglas, Maria Eichhorn, Ayse Erkmen, Peter Fischli / David Weiss, Isa Genzken, Paul-Armand Gette, Jef Geys, Douglas Gordon, Dan Graham, Marie-Ange Guilleminot, Hans Haacke, Raymond Hains, Georg Herold, Thomas Hirschhorn, Rebecca Horn, Huang Yong Ping, Bethan Huws, Fabrice Hybert, Ilya Kabakov, Tadashi Kawamata, Martin Kippenberger, Per Kirkeby, Jeff Koons, Svetlana Kopystiansky, Sol LeWitt, Atelier van Lieshout, Olaf Metzel, Reinhard Mucha, Maria Nordmann, Claes Oldenburg / Coosje van Bruggen, Gabriel Orozco, Tony Oursler, Nam June Paik, Jorge Pardo, Hermann Pitz, Marjetica Potrc, Charles Ray, Tobias Rehberger, Ulrich Rückriem, Allen Ruppersberg, Reiner Ruthenbeck, Kurt Ryslavy, Karin Sander, Thomas Schütte, Richard Serra, Roman Signer, Andreas Slominski, Yutaka Sone, Diana Thater, Bert Theis, Rirkrit Tiravanija, Eulàlia Valldosera, Herman de Vries, Lawrence Weiner, Franz West, Rachel Whiteread, Elin Wikström, Wolfgang Winter / Berthold Hörbelt, Jeffrey Wisniewski, Andrea Zittel, Heimo Zobernig