Skulptur Projekte 1987

Dialog zwischen Kunst und Stadt

Arbeiten von 56 Bildhauern und Malern zum Thema "Skulptur im öffentlichen Raum" waren mehr als drei Monate lang im gesamten Stadtgebiet von Münster zu sehen. Einige Arbeiten blieben aber auch wegen Protesten unrealisiert
Dialog zwischen Kunst und Stadt

Thomas Schütte: "Kirschensäule", 1987, Skulptur Projekte in Münster 1987

Die Situation erinnert an eine Schnitzeljagd: Über ganz Münster sind die ausgestellten Kunstwerke verteilt, und der Besucher muß sich mit dem Stadtplan in der Hand auf die Suche machen. Ganz auf sich allein gestellt, wird er zum Entdecker. Er lernt den historischen Prinzipalmarkt kennen und den Domplatz, den Schlossgarten und die Universitätsanlagen, aber auch ganz durchschnittliche Straßen und Plätze: Überall findet er Kunstwerke, die sich mit der Stadt auseinandersetzen.

Für die Ausstellung "Skulptur Projekte in Münster 1987" hatten im vergangenen Jahr 64 Künstler ihre Pläne vorgestellt – eingeladen vom Kölner Ausstellungsmacher Kasper König und von Klaus Bußmann, dem Leiter des Westfälischen Landesmuseums in Münster. 56 Projekte konnten realisiert werden, finanziert von der Stadt, dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und dem Land Nordrhein-Westfalen, die zusammen 900 000 Mark zur Verfügung stellten, sowie von privaten Spendern.

Dialog zwischen Kunst und Stadt

Daniel Buren, 4 Tore, 1987, Skulptur Projekte in Münster 1987,

Viele der Künstler, wie etwa der Düsseldorfer Ulrich Rückriem, hatten auch vor zehn Jahren bei Königs erster Skulpturenausstellung in Münster mitgemacht. Damals allerdings waren die meisten Arbeiten zurückhaltend in Parks und Grünflächen aufgebaut. Heute gibt es mehr Konfrontation. Die Schau soll, so König, "ein intensiver Dialog zwischen Künstler und Stadt" sein, soll "künstlerische Antworten auf konkrete Situationen" geben.

Eine der schönsten, aber auch umstrittensten Arbeiten stammte von Richard Serra

So stellte der Schweizer Maler Thomas Huber auf den Domplatz eine Tafel nach dem Vorbild von Baustellenschildern und kündigte darauf "ein öffentliches Bad" mit drei kugelförmigen Behältern für die Aggregatzustände des Wassers an: fest, flüssig, gasförmig. Damit will er daran erinnern, dass Baptisterien traditionell an der Westseite eines Domes gebaut und die Täuflinge ganz ins Becken eingetaucht wurden.

Der Brite Ian Hamilton Finlay, der gern Ereignisse oder Personen der Geschichte in seine Arbeiten einbezieht, gedenkt der bei Münster geborenen Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1897 bis 1948). Auf dem Friedhof der Überwasserkirche, abseits vom Stadtkern, befestigte er an einem Baumstamm eine Steintafel mit der Aufschrift: "Meine Lieder werden leben, wenn ich längst entschwand."

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Schön und umstritten: Richard-Serra-Plastik vor dem Erbdrostenhof in Münster: "Trunk, J.Conrad Schlaun Recomposed", 1987, Corten-Stahl, 590 x 425 x 200 cm,

Eine der schönsten, aber auch umstrittensten Arbeiten ist die zweiteilige Stahlskulptur des Amerikaners Richard Serra vor dem barocken Erbdrostenhof des westfälischen Architekten Johann Konrad Schlaun (1695 bis 1773). Sie nimmt mit ihrem Schwung die Architektur des Hauses und dessen Proportionen auf und bietet dem Betrachter des Baus neue, spannende Blickwinkel. Mit diesem Werk allerdings gab es Ärger - wie schon so oft bei Serras strengen Arbeiten aus rostigem Corten-Stahl. Der Besitzer des Erbdrostenhofes, Werner Graf Droste zu Vischering, erhob Einspruch gegen die Skulptur. Unter einer Bedingung, so monierte er, habe er seinen Besitz an die Stadt Münster verpachtet: "Würde und Stil des Hauses" müssten gewahrt bleiben. Und gerade die sah der Graf durch Serras Plastik gefährdet. Inzwischen hat er sich umstimmen lassen.

Einige Projekte für Münster 1987 blieben unrealisiert

Bei anderen Projekten kam es gar nicht erst zur Ausführung, weil die Besitzer von Häusern oder Grundstücken unkonventionelle Arbeiten nicht akzeptieren wollten. So scheiterte Lothar Baumgartens Plan, das Dach der spätgotischen Überwasserkirche mit einem Ornament aus verschiedenfarbigen Ziegeln zu versehen: Die Kirchenleitung war dagegen. Noch mehr Pech hatte Katharina Fritsch. Gegen ihr erstes Projekt, ein Oval aus 80 Pappeln in einer Mustersiedlung zu pflanzen, erhoben Denkmalschützer Einspruch; ein zweites platzte, weil die Besitzer des anvisierten Grundstückes ihre Genehmigung verweigerten. Die Amerikanerin Jenny Holzer, die meist Sätze und kurze Botschaften an Hauswänden oder auf Spruchbändern anbringt, geriet in Konflikt mit den öffentlich-rechtlichen Medien. Ein Spot, den sie im Werbefernsehen senden lassen wollte, wurde wegen seines politischen Inhaltes abgelehnt. Den wichtigeren Teil ihres Planes allerdings kann sie verwirklichen: Sie wird fünf Bänke im Schlossgarten aufstellen, jede mit einer anderen Aufschrift in englischer Sprache.

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Auf das moderne Münster reagieren Künstler wie der Brite Richard Deacon, der seine Skulptur aus Holz und Metallbändern auf dem Betondach eines Parkhauses platzierte, zwischen hässlichen Straßenfluchten und von Drahtzäunen umgeben. Oder wie der Düsseldorfer Thomas Schütte, der seine Kirschenskulptur zwischen unbedeutende Häuserfassaden, Autos und Fahrradständer einkeilte. Die Schweizer Peter Fischli und David Weiss karikierten den Städtebau der Nachkriegszeit. Sie errichteten ein Miniatur Verwaltungsgebäude im Stil der fünfziger Jahre.

Einige Künstler haben das Thema "Skulptur im öffentlichen Raum" 1987 sehr eigenwillig ausgelegt

Das Schloss mit seinen Parks und die Grünanlagen der Universität zogen eine ganze Reihe von Künstlern an: Der Däne Per Kirkeby bezieht sich mit seinen beiden Backsteinskulpturen auf die Schlossarchitektur, die münsterländische, klassizistische und barocke Bauteile kombiniert. Der Italiener Luciano Fabro stellte einer Statue der griechischen Fruchtbarkeitsgöttin im Schlosspark sein Werk "Demeter" gegenüber. Der Amerikaner Sol LeWitt setzte eine strenge Treppe aus weißem Ytong-Stein in den Botanischen Garten, und sein Landsmann George Brecht setzte einen Findling mit der Aufschrift "Void" (Leere) in die Nähe des Schlosses. Der Düsseldorfer Harald Klingelböller variierte seine 1985 konzipierte Skulptur "Die Wiese lacht oder das Gesicht in der Wand" neu für den Hof der rechtswissenschaftlichen Fakultät: mit Kreis- und Kegelformen aus beschnittenen Eiben.

Dialog zwischen Kunst und Stadt

Das wohl bekannteste Projekt der Ausstellung 1987 war Ludger Gerdes "Schiff für Münster", 1987, Skulptur Projekte in Münster 1987

Einige Künstler haben das Thema "Skulptur im öffentlichen Raum" sehr eigenwillig ausgelegt: Sie gingen mit ihren Arbeiten ins Innere von Gebäuden. "Öffentlicher Raum" ist für den Maler und Bildhauer A. R. Penck auch das Büro des Oberbürgermeisters. Deshalb entwarf er eine Kleinskulptur für den Schreibtisch des Stadtoberhaupts Jörg Twenhöven. Neben dem Wimpel des Polizeisportvereins und der Löschpapierwiege steht dort für die Dauer der Ausstellung Pencks Bronzemann. Besucher der Ausstellung können das Werk leider nur im Katalog bewundern.

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Hermann Pitz, Mitbegründer der Künstlergruppe "Büro Berlin", suchte sich das Innere des Straßenbauamtes für seine Kunst aus. Weil Münster in seinen Augen vor allem vom regelmäßigen Tagesablauf der Beamten und Angestellten geprägt ist, installierte er im Treppenhaus des Verwaltungsgebäudes eine Uhr, deren Zifferblatt von einem riesigen Parabolspiegel im Kellergeschoß reflektiert wird, so dass von jedem Punkt der Wendeltreppe aus die Zeit abzulesen ist.

Was nach Ablauf der Skulpturenschau mit den Arbeiten geschehen soll, ist noch offen. König und Bußmann bemühen sich darum, dass möglichst viele Werke angekauft werden können und somit der Stadt erhalten bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe art 07/1987.

Skulptur Projekte Münster 1987

Folgende Künstler beteiligten nahmen an der Ausstellung mit Projekten teil:

Dennis Adams, Carl Andre, Giovanni Anselmo, Siah Armajani, Richard Artschwager, Michael Asher, Stephan Balkenhol, Lothar Baumgarten, Joseph Beuys, George Brecht, Daniel Buren, Scott Burton, Eduardo Chillida, Thierry de Cordier, Richard Deacon, Luciano Fabro, Robert Filliou, Ian H. Finlay, Peter Fischli / David Weiss, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Ludger Gerdes, Dan Graham, Rodney Graham, Hans Haacke, Keith Haring, Ernst Hermanns, Georg Herold, Jenny Holzer, Rebecca Horn, Shirazeh Houshiary, Thomas Huber, Donald Judd, Hubert Kiecol, Per Kirkeby, Harald Klingelhöller, Jeff Koons, Raimund Kummer, Ange Leccia, Sol LeWitt, Mario Merz, Olaf Metzel, François Morellet, Reinhard Mucha, Matt Mullican, Bruce Nauman, Maria Nordman, Claes Oldenburg, Nam June Paik, A. R. Penck, Guiseppe Penone, Hermann Pitz, Fritz Rahmann, Ulrich Rückriem, Reiner Ruthenbeck, Thomas Schütte, Richard Serra, Susana Solano, Ettore Spalletti, Thomas Struth, Richard Tuttle, Franz West, Rémy Zaugg

Einige Arbeiten der Künstler wurden nicht realisiert.