Interview mit Manaf Halbouni

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Seine Installation "Monument" auf dem Dresdner Neumarkt sorgt weiter für heftige Diskussionen und verbale Angriffe gegen Künstler und Organisatoren. Im Interview mit art spicht Manaf Halbouni über die Erfahrungen der letzten Wochen, seine Kunst und falsche Vorwürfe.
»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni vor seiner Installation "Monument" auf dem Dresdner Neumarkt

Wo ist der lautstarke Protest nur geblieben? Eine gute Woche nach der turbulenten Einweihung des Kunstwerks "Monument" vor der Dresdner Frauenkirche zeigt sich der Neumarkt überraschend friedlich. Die Mittagssonne scheint, am Martin-Luther-Denkmal sitzen ein paar Jugendliche und weiter weg, im Schatten eines Bauzauns langweilen sich zwei Uniformierte. Manaf Halbounis Installation aus drei aufgerichteten Bussen allerdings ist dicht umlagert. Touristen, Einheimische, Befürworter, Widersacher? Auf alle Fälle machen die Menschen dort ein paar Fotos, auch Selfies, sprechen so leise, als wären sie im Museum und vor allem: Sie lesen. Sie lesen nicht nur die dicht und klein bedruckte Infotafel, sondern auch zahllose Zettel und Botschaften, die an dem Metallgitter rund um die Busse hängen. "Wahrheit und Liebe müssen über Lüge und Hass siegen." steht rot und auf Tschechisch über einem Porträt von Vaclav Havel, daneben Reiner Kunzes Gedicht "Fast ein Gebet" oder, handschriftlich: "Dresden, prüfe deine Privilegien!" Angewelkte Blumensträuße, besonders weiße Rosen und Tulpen klemmen dazwischen. Wahrscheinlich stammt das alles noch von den Gedenkfestlichkeiten am 13. Februar, dem Jahrestag der Zerstörung Dresdens. An jenem Montag gab es hier erneut Krawalle, ausgelöst von selbsternannten Stadtbildpflegern aus dem rechten Spektrum. Ohne regelmäßiges Publikum macht das denen aber nur halb soviel Spaß. Künstler Manaf Halbouni genießt die zeitweilige Stille und trifft art zur Bestandsaufnahme in einem nahen Cafe.

art: Seit der Einweihung sind Sie jetzt jeden Tag selbst vor Ort gewesen und haben sich den Reaktionen auf das Monument bewusst gestellt. Soll das so weitergehen?

Manaf Halbouni: Ich glaube, heute gehe ich mal nicht rüber und außerdem fliege ich demnächst nach Athen. Aber sonst, ja, das stimmt. Ich bin nur am 13. Februar nicht mehr bis zur Formierung der Menschenkette geblieben, weil ein paar Leute anfingen, mir auch körperlich zu nahe zu treten. Dabei wäre es das erste Mal gewesen, seit ich in Dresden lebe, dass ich mich da mit eingereiht hätte. Aber ich war erschöpft, denn es ist auch ein ziemlicher Kraftakt, Menschen sachlich zu begegnen, die eigentlich gar keinen Austausch wollen. Es ist anstrengend, nicht die Kontrolle aufzugeben und Pöblern im gleichen Ton zu antworten.

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Lauter Protest und stilles Gedenken: Manaf Halbounis Installation "Monument"

Zur Einweihung ist Ihnen ja dann doch mal die Hutschnur geplatzt.

Eigentlich wollte ich selber gar nichts sagen, weil ich so aufgeregt war. Man konnte die Reden sowieso kaum verstehen, das Protestgeschrei und die Trillerpfeifen waren so laut. Der Knackpunkt für mich war, als Herr Feydt sprach, der Pfarrer der Frauenkirche und der Mob rief: "Hau ab, Volksverräter!" Darum bin ich auf die Bühne gegangen.

Sie haben gerufen: "Als Künstler werde ich mir die Freiheit nehmen, nicht politisch korrekt zu sprechen … Ihr da wollt … für die abendländischen, christlichen Werte kämpfen. Schämt Euch, denn … Ihr habt nicht einmal dem Pfarrer erlaubt zu sprechen. Pfui Teufel! ...  Man darf hier seine Meinung sagen, aber man macht das mit Kultur und gesittet.“ War Ihnen eigentlich vorher klar, was da auf Sie und die Organisatoren, ja sogar den Oberbürgermeister zukommt?

Das genaue Ausmaß nicht, aber dadurch, dass die Busse den Neumarkt für lange Zeit als Pegida-Versammlungsort blockieren würden, gab es schon im Vorfeld Widerstand. Zwei Wochen, vor der Aufstellung begann der Shitstorm in Form von E-Mails und Postings. Da ist mir schon mulmig geworden. Das kriminelle Potenzial der Gegner wurde klar, als Pegida-Freunde ein Foto ins Netz stellten, auf dem man die Schlosserei sah, wo die Fahrzeuge für die Installation vorbereitet wurden. Wir hatten Angst vor Brandstiftung. Das Gelände wurde dann extra bewacht.

Vorwürfe, Pöbeleien, Mutmaßungen ... und Zuspruch
Nach erheblichen Protesten und der Verbreitung von Mutmaßungen und Manipulationsvorwürfen in den sozialen Medien, veröffentlichen die Organisatoren der Arbeit "Monument" eine Stellungnahme

Die Polizeipräsenz direkt am Kunstwerk war allerdings im Vorfeld nicht geplant, ist aber wohl vonnöten in dem aufgeheizten Klima. Dabei finden die aktuellen Angriffe zum Glück eher in den sozialen und medialen Netzwerken statt. Immer wieder wirft man Ihnen vor, nicht richtig recherchiert zu haben und mit dem skulpturalen Bildtransfer der Busbarrikade gar islamistischen Terror zu verherrlichen. Denn auf der Abbildung, die Sie auch für Fotocollagen verwendet haben, war ursprünglich die Fahne einer radikalen Miliz namens Ahrar-al-sham zu sehen.

Es gibt zahlreiche Foto- und Filmaufnahmen dieser speziellen Situation in Aleppo, zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten gemacht. Diese Fahne ist auf einem Foto der Busse zu sehen, ein preisgekröntes Bild der Agentur Reuters. Ich habe es allerdings zuerst aus dem englischen Guardian kopiert, wo man die Fahne überhaupt abgeschnitten hatte. Ein Journalistenfreund von mir hat vor einem Jahr einen Film über die Stadt gemacht und dann noch mal seine Fotos geschickt: keine Fahne zu sehen. Die Busse stehen immer noch. Ich versuche gerade an ein aktuelles Bild heranzukommen, doch meine Kontaktpersonen sind wie die meisten aus Aleppo geflohen.

Die letzte Information, die ich bekam, war, dass auf der Barrikade momentan die syrische Staatsflagge und die Fahne der Hisbollah nebeneinander wehen. Die Abläufe in diesem schrecklichen Bürgerkrieg sind völlig undurchschaubar, die Allianzen, ja selbst die Namen der Kriegsparteien wechseln täglich. Ich bin es aber ehrlich gesagt leid, auf diese Vorwürfe zu reagieren. Denn als ich das Bollwerk das erste Mal sah, habe ich nicht über die kämpfenden Brigaden nachgedacht, sondern immer nur an das Leid der Menschen dort. Ich bin kein Kriegsberichterstatter, der das recherchieren müsste. Ich bin Künstler und meine Arbeit bezieht sich auf die Lage der Zivilbevölkerung.

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Vorbild der Skulptur ist eine Aufnahme von drei aufgerichteten Bussen, mit der sich Bewohner Aleppos vor Kriegsgranaten schützten. Auf einem Foto der Agentur Reuters weht auf den Bussen eine Fahne einer islamistischen Miliz

Ich glaube, bei einem so bedrohlich aktuellen Thema, wird alles zur Projektionsfläche der Kritik – das Kunstwerk selbst und auch der Künstler. Die Aufgaben von beidem, Kunst wie Künstler, wird derart überfrachtet, dass beispielsweise Oberbürgermeister Hilbert für die Geschichte mit der Fahne kritisiert wird, als wäre er der Urheber. Und kürzlich stellte ein Bekannter von mir fest, Sie hätten doch mindestens einen Verweis auf die deutschen Waffenexporte am Monument unterbringen müssen, die den Krieg in Syrien befördern.

Genau diese Ebene der Meinungsbildung und Information wird ja bedient: durch die Diskussionen die täglich dort stattfinden und durch die Texte, die angebracht wurden. Im Übrigen besteht das gesamte Konzept aus gleichwertigen Teilen: Busse, Standort, Zeitraum der Aufstellung und Vermittlung vor Ort sind Teile des gesamten Konzepts. Die Qualität der Teilhabe wird befördert und genutzt.

In manchen Medien vergleicht man Sie mit Joseph Beuys. Weiter als bis zu der Analogie mit dem Hut kommt kaum jemand. Aber so, wie Sie das darstellen, geht das Projekt schon in die Richtung eines Gesamtkunstwerks inklusive des permanenten Gesprächsangebots. Doch Beuys hat in seinem Idealismus, abgesehen von der Theoriemelange, die er meist mit serviert, bisweilen sehr naiv gewirkt. Würden Sie sich selbst auch als ein bisschen naiv bezeichnen?
 

Nein, naiv bin ich nicht. Alles, was ich mache, ist durchdacht. Die Zuspitzung auf einfache Fragen ist Absicht. Ich will ja nicht nur das Kunstpublikum ansprechen, sondern alle Menschen und niemanden mit hochkomplizierten Darstellungen ausschließen.

 

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Manaf Halbouni: "Rising Star" und "Der Führer (Al Kaed)", 2014, Betonrelief

Es gab da noch ein anderes Problem und zwar das mit den Kosten für das Kunstwerk, verbunden mit Vorwürfen der Verschwendung von Steuergeldern. In den sozialen Netzwerken wurde eifrig mit Zahlen hantiert, die schnell mal 200 000 Euro erreichten. Ursprünglich wollte das Kunsthaus Dresden als Projektträger die Summe gar nicht mitteilen, weil es so viele unbezifferbare, ehrenamtliche Leistungen gibt. Letzte Woche wurde der Betrag von 57 000 Euro dann doch kommuniziert, mit dem Verweis, dass der Löwenanteil von Stiftungen und Privatpersonen gestemmt wurde und dass die handwerklichen Aufträge ausschließlich an "mittelständische Unternehmen der Region" gingen. Außerdem stand da zu lesen, dass Sie im Vorfeld bereits auf jegliches Honorar verzichtet hätten. Warum das?

Ich freue mich jetzt sehr, dass ich kein Geld genommen habe. Schon vorher habe ich mir ausgerechnet, dass man mir Bereicherung vorwerfen könnte. AfD-nahe Kreise verbreiteten sogar, das Ganze habe eine halbe Million gekostet und ich hätte davon 200 000 Euro Honorar bekommen. Es zirkulierten sogar politische Flyer, auf denen ein Bild meiner Arbeit zusammen mit dem LKW des Berliner Terroranschlags auf den Weihnachtsmarkt zu sehen war. Überhaupt, meine Tante aus Dresden hat mir schon als Kind immer gesagt, Geld verdirbt den Charakter (lacht). Aber ernsthaft, ich kann mich nicht beklagen, denn ich habe neue Aufträge bekommen, einen Studienaufenthalt in Schottland und das Leipziger Museum für Bildende Künste hat mein Betonrelief "Führer" angekauft, aus Anlass des Marion-Ermer-Preises.

Die Wahrnehmung Ihrer künstlerischen Arbeiten, gerät bei den Debatten ins Hintertreffen. Dabei arbeiten Sie parallel an neuen Werken. In einer Videoarbeit inszenieren Sie sich als fiktiven General Yusef Hadid, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Sachsen an der Kolonialisierung Europas arbeitet. Weltgeschichte einmal anders und nicht ganz humorfrei?

Ja, es geht darum, was passiert wäre, wenn die industrielle Revolution im Osmanischen Reich und im arabisch geprägten Teil der Welt stattgefunden hätte. Nicht Westeuropa, sondern zwei östliche Mächte hätten die Welt mit Waffen und technologische Errungenschaften beliefert. Auf der Suche nach Ressourcen und Absatzmärkten hätten sie mit der Kolonisierung Europas begonnen. Neue Grenzen wären willkürlich geschaffen worden, um Europa unter den zwei Mächten aufzuteilen, ohne Rücksicht auf die verschiedenen dort lebenden Völker. So wird das Projekt auch auf meiner Website beschrieben, was dazu führte, mir Herrschaftsphantasien im Sinne einer Islamisierung der Welt anzudichten.

»Wir hatten Angst vor Brandstiftung.«

Dystopie von Manaf Halbouni: "What if", 2015, Kampfkarte

Offenbar existiert wirklich eine Menge Menschen, die die Aufgabe von Gegenwartskunst, nämlich Werk und Kommentar zugleich zu sein, nicht verstehen möchte. Das ist eigentlich sehr schade, denn gerade diese Gruppe wollen Sie doch erreichen. Dort gibt es ja auch Schnittmengen, mit jenen Dresdnern, die tatsächlich Angst haben, dass ihnen die Art der Trauer um das Schicksal ihrer Stadt vorgeschrieben wird.

Die Trauer ist schon weit vorher, aus ganz verschiedenen Perspektiven, instrumentalisiert worden. Was mich dabei stört, ist das weit verbreitete Anspruchsdenken. Manchmal schien es mir, als zählten nur die Dresdner Opfer und andere Völker hätten nicht gelitten. Manchmal möchte ich sagen: He, das ist ja wie eine Sekte hier – gerade angesichts dessen, was in der Welt gerade passiert. Seit ich nach Dresden, in die Heimat meiner Mutter gekommen bin, habe ich ein Problem damit, dass der 13. Februar zu einem Propagandatag geworden ist. Nun habe ich mich mit meinem Monument wahrscheinlich selbst an der Propaganda beteiligt. Ich wollte zeigen, dass es auch andere Orte des Elends gibt – das hat funktioniert, denn darüber wird geredet. Und gleichzeitig hat es nicht funktioniert, weil die Arbeit von jeder Interessengruppe anders instrumentalisiert wird.

Postkartenidylle außer Betrieb
Drei hochkant aufgestellte Autobusse versperren die Sicht auf die wiederaufgebaute Frauenkirche und machen das Ensemble zu einem aktuellen Mahnmal der Zerstörung. Geschaffen hat das beeindruckende Monument ein Deutschsyrer

Sie hatten, auf Einladung des österreichischen Friedensmuseums in Erlauf, schon vor einiger Zeit eine ähnliche Barrikade geplant. Dort haben bereits so namhafte Kollegen wie Sanja Iveković, Roman Ondák oder Jenny Holzer entsprechende Arbeiten für den Außenraum realisiert. Ihr Projekt jedoch scheiterte am Veto der Ortsbeiräte – zum Glück für Dresden möchte man sagen, denn die überraschende Wucht des Bildes wäre damit schon ein wenig verbraucht gewesen. Was haben Sie in Erlauf gelernt?

Einerseits, dass bei zuviel Basisdemokratie kaum ein Kunstwerk im öffentlichen Raum aufgestellt würde. Andererseits, dass Auseinandersetzungen einfach dazu gehören und dass man immer das Gespräch suchen muss. Nach der für mich und die Organisatoren niederschmetternden Gemeindeversammlung, saßen alle Parteien in der Kneipe des Ortes. Ich bin dann mit einem Tablett voller Schnäpse an den Tisch der Opponenten, wohl alle FPÖ-Anhänger, gegangen und habe gesagt: So meine Herren, trinken wir auf den Frieden.