Gerhard Richters "Eisberg"

Schöne Bilder malen sonst nur Amateure

Seit 50 Jahren malt Gerhard Richter realistische Landschaften, obwohl das in der Moderne eigentlich nur noch Sonntagsmaler dürfen. Sein "Eisberg" ist ein besonders kalter Akt des Widerstands. Über ein Bild und seine Geschichte.
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Gerhard Richter: "Eisberg", 1982, Öl auf Leinwand, 100,5 x 151 cm

1982 war für Gerhard Richter ein schwieriges Jahr. Seine erste Ehe war gerade endgültig zerbrochen und auf der Documenta wurden zwei Kunstrichtungen gefeiert, die ihn ziemlich alt aussehen ließen. Die eine war die bilderfeindliche Konzeptkunst, die andere die Malerei der jungen Wilden.

Plötzlich war die altbackende Malerei wieder groß in Mode, nur eben Richters beinahe klassische Gemälde nicht. Trost fand er in der Einsamkeit der Eiswüste: Vor zehn Jahren war er nach Grönland gereist, um Fotos zu machen. Jetzt war endlich die Zeit gekommen, einige von ihnen abzumalen.

Als realistischer Maler ist man in der Nachkriegsmoderne sehr einsam

Man sieht dem "Eisberg" von 1982 Gerhard Richters Gefühlslage nicht an. Er treibt ziemlich undramatisch im grauen Polarmeer und wird von der Richter-typischen Unschärfe wie durch einen sanften Nebel eingehüllt. Und vielleicht unterscheidet sich Richters Flucht in die Eiswüste auch gar nicht so sehr von seinem übrigen Werk. Denn als realistischer Maler ist man in der Nachkriegsmoderne ohnehin sehr einsam; ganz besonders, wenn man romantische Landschaften beinahe wie zu Zeiten des seligen Caspar David Friedrich malt.

Gerhard Richter fotografiert von Lothar Wolleh, 1970
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Aber Gerhard Richter wollte es gar nicht anders. "Ich hatte Lust, etwas Schönes zu malen", hat er über seine Landschaftsbilder gesagt und dabei wahrscheinlich schelmisch geguckt. Denn natürlich weiß Richter, dass in der Moderne eigentlich nur noch Amateure schöne Bilder malen und realistische Landschaften des Teufels sind, seitdem die Nazis ihre Barbarei mit sonnigen Naturidyllen bemäntelten. Aber Richter, der "zum Ausgleich" auch hunderte abstrakte Bilder schuf, ließ sich die Landschaft weder von Hitler noch von den Modernen stehlen: "Sie ist wahrscheinlich das Tollste, was es überhaupt gibt." Warum sollte man das nicht mehr malen dürfen?

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Auf diese Frage gibt es mindestens zwei Antworten, und Gerhard Richter kannte sie natürlich allzu gut: Weil alles schon gemalt wurde (und zwar viel besser, als du es kannst). Und weil die Fotografie ein viel genauerer Spiegel der Wirklichkeit ist, als es die Malerei jemals sein könnte. Trotzdem machte Richter weiter, allerdings auch nicht gerade so, als wäre nichts passiert: Er malte Fotografien aus der Zeitung und aus seinem Familienalbum ab und wischte anschließend durch die nasse Farbe, um seinen Gemälden das Aussehen unscharfer Aufnahmen zu geben. "Ein Foto abzumalen erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischte, was man machen konnte", so Richter. Und genau das war der Kitzel, den er brauchte, um nicht mit dem Malen aufzuhören. Mit der Unschärfe brachte er einen modernen Verfremdungseffekt ins Spiel: Sie markiert die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit und zwingt uns genauer hinzuschauen.

Richters "Eisberg" erinnert entfernt an Caspar David Friedrichs "Eismeer"

Mit diesem Trick konnte sich Richter auch an die Landschaftsbilder wagen und seine Verächter erst richtig zur Weißglut treiben: In der "reaktionären" Landschaft wird das Unzeitgemäße der Malerei beinahe zur Karikatur. Besonders gerne zitierte er die Bildkompositionen Caspar David Friedrichs, sein "Eisberg" erinnert entfernt an dessen "Eismeer" (1823). Aber Richters Bild ist keine Allegorie auf die Vergeblichkeit des menschlichen Strebens wie Friedrichs von Eisschollen verschlucktes Schiff. Anders als bei den Romantikern bedeuten Richters Landschaften nichts: Sie haben weder eine besondere Stimmung noch setzen sie uns in Beziehung zur Natur. Auf ihre Weise sind sie beinahe so abstrakt wie Richters gegenstandslose Bilder, und wenn uns der "Eisberg" frösteln lässt, dann allenfalls wegen dieser absichtsvollen Bedeutungsleere.

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Caspar David Friedrich: "Das Eismeer", 1823–1824, Öl auf Leinwand, 96,7 × 126,9 cm

Gerhard Richter hat seine Landschaftsbilder selbst einmal "verlogen" genannt und das durchaus positiv gemeint, weil sich darin unser verlogener, weil verklärter Blick auf die Natur zeige. Anders als uns die klassische Malerei glauben machen will, so Richter, "ist die Natur in all ihren Formen stets gegen uns", und zwar, "weil sie nicht Sinn, noch Gnade, noch Mitgefühl kennt, weil sie, absolut geistlos, das totale Gegenteil von uns ist, absolut unmenschlich ist." Nimmt man Richter beim Wort, dann sind die Eisbilder seine treffendsten Landschaftsporträts, weil sich die Gleichgültigkeit der Natur in ihnen am deutlichsten zeigt. Und wir sehen mit Staunen: Das Schönste ist für Gerhard Richter zugleich das Schrecklichste. Am Ende ist er wohl doch ein Romantiker, der an das Erhabene der Natur glaubt.

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Die Ausstellung zeigt neue Gemälde des deutschen Künstlers (*1932) sowie wegweisende Werke aus der Sammlung des Museum Ludwig
Museum Ludwig ,  Ausstellungen in Köln

Auktion

Richters Gemälde "Der Eisberg" wird am 8. März 2017 bei Sotheby´s in London versteigert. Es wird ein Ergebnis von 8 bis 12 Millionen Pfund erwartet. Seit 1983 befindet sich das Bild in einer Privatsammlung.