Documenta 14: Erste Zeichen in Athen

Was bedeutet die schwarze »14«?

In zwei Monaten geht es los. Zu sehen ist in der griechischen Hauptstadt bisher wenig – aber die Vorbereitungen laufen. Und im Fernesehen wirbt das Filmprogramm Keimena für die Ausstellung.
Was bedeutet die schwarze »14«?

Plakate, die auf die Documenta 14 hinweisen, kleben auf einer Wand in der Innenstadt der griechischen Haupstadt Athen. Das Motiv wirkt fast wie ein geheimer Code: Eine schwarze 14 auf weißem Grund.

Geheimnisse der Antike: Den Athenern war es einst bei Todesstrafe untersagt zu berichten, was genau bei den "Mysterien von Eleusis" vor sich ging - die Weiheriten rund um die Gottheit Demeter sollten streng geheim bleiben. Ähnliches gilt im 21. Jahrhundert für die Namen der teilnehmenden Künstler der Kunstausstellung Documenta 14, die diesmal in Athen startet (8.4.-16.7.2017) und erst zwei Monate später nach Kassel kommt (10.6.-17.9.). Erst zwei Tage vor Beginn der Ausstellung in Athen werde eine Liste der Teilnehmer veröffentlicht, lassen die Veranstalter verlauten.

Erste Einzelheiten zur Eröffnung drangen am Mittwoch aber doch an die Öffentlichkeit: Der in Griechenland sehr mächtige staatliche Archäologische Rat verkündete medienwirksam, er genehmige die Auftakt-Aktion der Documenta 14. Zwölf Reiter sollen demnach am 8. April vom Fuße der Akropolis mit ihren Pferden über die Marmor-Fußwege der Altstadt zum Parlament traben. Der Ritt soll den Auftakt der Ausstellung symbolisieren. Sonst aber wirkt schon das Plakat der Documenta 14 wie ein geheimer Code. Wer die dynamische schwarze "14" auf weißem Grund an den graffiti-besprühten Mauern und Betonwänden im Athener Stadtzentrum entdeckt, hält sie womöglich für das Symbol einer anarchistischen Bewegung oder auch eine Art gitarrenkreischender Underground-Combo. Viel ist Athen von der Documenta 14 sonst noch nicht zu sehen, auch wenn die "Öffentlichen Programme" im Vorfeld der weltweit renommiertesten Ausstellung zeitgenössischer Kunst bereits recht großen Zulauf erfuhren.

Foto: Rosa Maria Rühling
Es ist eine der ersten diskursiven Verlautbarungen der künftigen Documenta: Das griechische Kulturmagazins "South as a State of Mind" wird zum Documenta-Journal umfunktioniert. art-Autor Till Briegleb hat es gelesen

Etwa das Filmprogramm "Keimena": Jeden Montag um Mitternacht läuft im griechischen Staatssender ERT derzeit ein experimenteller Dokumentar- oder Spielfilm, der von den Ausstellungsmachern ausgewählt wurde. Manche der Arbeiten stammen noch aus den 70er Jahren, andere wurden von aktuellen Documenta-Künstlern gedreht. So etwa kürzlich der Film "Ku Qian/Bitter Money" von Documenta-14-Künstler Wang Bing. Fast 60 000 Zuschauer sahen sich das Werk an. Ein Erfolg, wenn man die nicht immer leichte Materie und die späte Sendezeit bedenkt.  Auch andere Aktionen erhielten regen Zulauf, darunter die "Folter- und Freiheitstour von Athen", bei der die Teilnehmer in der Hauptstadt zu Fuß die Spuren der griechischen Militärdiktatur (1967 - 1974) erkundeten. Die Veranstaltung in der Innenstadt habe einer Demonstration geglichen, sagt die griechische Documenta-Sprecherin Fotini Barka. Darüber hinaus spenden griechische Bürger, Verlage und Autoren fleißig für das Projekt "Parthenon der Bücher" der argentinischen Konzeptkünstlerin Marta Minujín. Sie wird den berühmten Tempel der Göttin Athene in Kassel aus indizierten Büchern nachbauen. 

Und wenn es im April in Athen losgeht, am Fuße des echten Parthenon? Dann wird neben Galerien und Museen der öffentliche Raum bespielt, so dass die Menschen in den Dialog treten können, verspricht Fotini Barka. Für die mit Altertümern gepflasterte Stadt sicherlich ein Erlebnis, glaubt Erifíli Maroníti, die Verantwortliche bei der Stadtverwaltung. "Ich darf noch nicht alle Standorte verraten, aber so viel steht fest: Der Gemeinderat hat die Genehmigungen erteilt, und im März beginnen die Arbeiten."

»Vor allem die Athener lernen von den Kasselern«

Nicht nur die Documenta "lernt von Athen", wie das Motto der Ausstellung lautet, sondern zunächst vor allem die Athener von den Kasselern, sagt Maroníti. Ob der zentrale Syntagma-Platz oder der Musenhügel Philopappos mit direktem Blick auf die Akropolis, überall wird neben den klassischen Altertümern moderne Kunst zu sehen sein. "Ganz ehrlich? Uns war zuvor nicht klar, wie viele Möglichkeiten der öffentliche Raum bietet", sagt Maroníti. Eine große Herausforderung sei die Documenta 14, aber auch eine gewaltige Chance für die Stadt und ihre Kunstschaffenden. Das bestätigt auch der griechische Architekt und Künstler Zafos Xagoraris. Durch die Documenta rücke auch die griechische Kunstszene wieder mehr in den Fokus, sagt Xagoraris, der als Professor an der Hochschule für Kunst des Polytechnikums Athen lehrt. Auch glaubt er, dass man von Athen und Griechenland durchaus lernen könne: "Die Militärdiktatur, die ja in den 'Öffentlichen Programmen' schon Thema war, ist noch nicht so lange her", sagt er. "Und auch aktuelle Probleme - etwa die Wirtschafts- und die Flüchtlingskrise - sind internationale Themen." 

Ob und wie solche Themen von den Künstlern umgesetzt werden, bleibt abzuwarten. Die Documenta-14-Macher selbst bitten noch um etwas Geduld. Die Documenta 14 manifestiere sich bereits in beiden Städten, Athen und Kassel, schreiben der Künstlerische Leiter Adam Szymczyk und die Autorin Quinn Latimer in der aktuellen Ausgabe des Documenta-Magazins "South as a State of Mind". Vieles sei bereits in Bewegung; es gebe lediglich noch nicht jene Sichtbarkeit, die so häufig eingefordert werde, wenn es um eine Ausstellung gehe. Wer genau hinschaut, entdeckt aber schon jetzt handfeste Resultate der Kooperation zwischen den beiden Städten. So will die griechische Fluglinie Aegean Airlines während der gesamten Dauer der Documenta 14 für Direktflüge zwischen Kassel und Athen sorgen. Sicherlich auch das ein Mysterium, ein Kunststück: eine Griechische Fluglinie hilft einem deutschem Flughafen auf die Sprünge.

Documenta 14
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