Bus-Skulptur vor Dresdner Frauenkirche

Postkartenidylle außer Betrieb

Drei hochkant aufgestellte Autobusse versperren die Sicht auf die wiederaufgebaute Frauenkirche und machen das Ensemble zu einem aktuellen Mahnmal der Zerstörung. Geschaffen hat das beeindruckende Monument ein Deutschsyrer aus Dresden.
Postkartenidylle außer Betrieb

Am Montag wurden die ausrangierten Linienbusse für die Skulptur senkrecht vor der Frauenkirche platziert.

Am Montagabend stand dann auch der letzte der drei Autobusse hochkant. Hochkant vor der Dresdner Frauenkirche. Hochkant bis Anfang April. Und am 13. Februar, dem 72. Jahrestag der Zerstörung Dresdens, nächste Woche sowieso. Die Störung der Postkartenidylle auf dem Neumarkt ist massiv, aber nur wenn es um ein barockes Selfie geht. Eher minimal ist sie, wenn man die dramatischen Umstände des Kunstwerks mit dem schlichten Titel "Monument" kennt.

Wer vor ungefähr zwei Jahren die Berichterstattung um den syrischen Bürgerkrieg verfolgt hat, fühlt eine Bilderinnerung aufdämmern: Drei senkrecht aufgestellte Buswracks schirmen eine kleine Straße in Aleppo ab; vor den Schüssen, Splittern, Granaten des Krieges. Dahinter scheint der Alltag irgendwie weiterzugehen. Eine Aufnahme aus der Heimat des Künstlers Manaf Halbouni, der vor neun Jahren, mit Anfang zwanzig, aus Damaskus nach Dresden übersiedelte. Halbouni hat diese Barrikade der Verzweiflung gleichsam als Pathosformel erkannt und sie an einen Ort ver- oder eher übersetzt, der besser nicht gewählt sein könnte. Bis weit in die 1990er-Jahre diente die ausgebrannte, zusammengestürzte Ruine der Dresdner Frauenkirche als zeichenhafter Gedenkort für die Verheerungen des zweiten Weltkriegs. Ihr Wiederaufbau spaltete damals die Öffentlichkeit. Denn wurde nicht ein Mahnmal getilgt und der rekonstruktiven Wohlstandsarchitektur des wiedervereinten Deutschlands eingegliedert?

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Historisches Nachkriegsbild der zerstörten Frauenkirche.

Wurde hier nicht schon einmal ein Mahnmal getilgt?

Heute, mehr als zwölf Jahre nach der Wiedereröffnung des Gotteshauses, haben sich die Wogen geglättet. Doch nach wie vor finden an diesem eher touristischen Ort politische Symbolhandlungen statt, seien es offizielle Gedenkveranstaltungen, Aufmärsche rechtspopulistischer Brigaden oder fröhlich-subversive Demos von deren Gegnern. Noch immer geht es hier um Deutungshoheiten. Insofern hat sich die Kriegswunde unter dem stadtplanerischen Make-Up des Platzes nicht wirklich geschlossen. Das ist auch gut so.

Manaf Halbouni, dem als Wehrdienstverweigerer die Rückkehr nach Syrien auf lange Sicht verwehrt ist, sieht in der Geschichte Dresdens ganz offensichtliche Parallelen zur Gegenwart, zu seiner Heimatregion. Hier wie dort wurden und werden Städte pulverisiert, die Zivilbevölkerung tyrannisiert. "Als ich das Bild aus Aleppo damals sah, überkam mich große Trauer darüber, dass man so krass viel Energie in das eigene Überleben investieren muss.", erklärt Halbouni. Zunächst verwendete er die Bussperre in Fotocollagen, indem er das Motiv wahlweise vor den Buckingham Palast, das Metropolitan Museum oder vor die Dresdner Semperoper platzierte. Ein Spiel mit den Möglichkeiten. Er recherchierte zu temporären Schutzwällen während vergangener Kriege und beschloss: "Diese Figur darf nicht nur auf dem Papier bleiben." Die aggressive physische Präsenz der Busse allein wäre schon eine starke Geste, doch erst dieser konkrete Standort bringt "Monument" auf den Punkt. Nirgendwo sonst in Dresden sei es ihm so bewusst geworden, dass Aufbau und Neubeginn nach einem Desaster möglich sind. Genau darin besteht die Botschaft, die "Monument" nach Syrien und an andere Kriegsgebiete senden will.

Postkartenidylle außer Betrieb

Vorbild der Skulptur ist eine Aufnahme von drei aufgerichteten Bussen, mit der sich Bewohner Aleppos vor Kriegsgranaten schützten.

Wer jetzt also moniert, dass das Kunstwerk nur alte Wunden aufreiße oder gar die Schuld der Stadt an ihrer damaligen Zerstörung inszeniere, bezeugt mit einer solchen Lesart eher den eigenen, lokal begrenzten Horizont. Es ist das Schicksal öffentlicher Kunst, dass sie sich dem Urteil eines großen Publikums aussetzt und nicht generell auf nachdenkliche Reflexion bauen kann. Hier sei nur an die Teppichinstallation "Post It" der deutsch-türkischen Künstlerin Nezaket Ekici im Sommer 2015 erinnert, die im Handumdrehen mit Anti-Islam-Schmierereien verunstaltet wurde.

Vorwürfe, Pöbeleien, Mutmaßungen ... und Zuspruch
Nach erheblichen Protesten und der Verbreitung von Mutmaßungen und Manipulationsvorwürfen in den sozialen Medien, veröffentlichen die Organisatoren der Arbeit "Monument" eine Stellungnahme

Großartig übrigens, dass sich die bildungsbürgerlich aufgestellte Stiftung "Kunst & Musik für Dresden" wie damals auch jetzt für ein Kunstwerk engagiert, bei dem Kontroversen vorprogrammiert sind. Selbst das Militärhistorische Museums unterstützte die Aufstellung. Denn wer sonst im städtischen Museumssektor verfügte über die passende Infrastruktur, um Großgerät zu bewegen? Direktor Oberst Matthias Rogg ließ im Vorfeld wissen: "… 'Monument' ist eine Provokation …, (die) uns zwingt, eine Haltung einzunehmen. Wieviel Gewalt müssen Menschen erlebt und erlitten haben, um Busse zu ihrem Schutz senkrecht aufzustellen? Wie viel Mut und visionäre Kraft gehört dazu, solch ein irritierende Installation an einem der schönsten Plätze Europas zu wagen?"

Der Dresdner Winterschlaf scheint endlich vorbei – dank eines jungen Deutschsyrers

Der institutionelle und personelle Rückhalt für das Projekt ist so beeindruckend wie unheimlich, bedenkt man, wie unbeholfen sich die Obrigkeit von Stadt Dresden und Land Sachsen in den Pegida-Hochphasen anstellte. Jetzt scheint der Winterschlaf endlich vorbei – und zwar dank eines jungen Deutschsyrers, der (anfangs zumindest) fast im Alleingang den Aufstand gegen Lethargie und Opportunismus probte. Leider wird dessen künstlerische und persönliche Leistung ein wenig von der momentanen Aufregung um Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) überschattet. Hilbert hatte kürzlich zu der alljährlichen Menschenkette anlässlich des 13. Februars aufgerufen und vor rechtslastigen Umdeutungen der Geschichte gewarnt. Zudem bekannte er sich öffentlich zum "Monument". Die digitale Antwort aus dem Pegida- und AfD-nahen Lager ließ nicht lange auf sich warten und soll gar in Morddrohungen gegipfelt haben, wegen derer der Stadtvater momentan unter Polizeischutz steht. Das hielt Hilbert am Montag jedoch nicht davon ab, mehrfach und ohne sichtbare Eskorte an der Frauenkirche zu erscheinen. Sein Resümee: "Dass wir über Schönheit und Details einer angemessenen Gestaltung nachdenken können, dies ist eine unglaubliche Errungenschaft, ein Luxus geradezu." Recht hat er.

Die Bühne des Erinnerns wird von einem neuen Motiv beherrscht

Halbouni selbst wird schon lange im Internet attackiert. Dass sein "Monument" auf einer AfD-nahen Website als Schrotthaufen und er persönlich als "selbsternannter" Künstler verunglimpft wird, nimmt er gelassen: “Ich suche gerne die Reibung und den Kontakt zu Menschen." Es ist drei Jahre her, dass ich ihn, damals noch Meisterschüler bei Eberhard Bosslet, erstmalig in der Dresdner Kunsthochschule traf. Im Klassenatelier hatte er ein Autowrack aufgestellt, verstaubt, verbeult und wie von Trümmerteilen getroffen. Ein Schnappschuss aus dem Epizentrum einer Katastrophe. Wir sprachen auch über die Verantwortung von Künstlern, sich ins aktuelle Geschehen einzumischen und dabei nicht den visuellen Verführungen von Propaganda auf den Leim zu gehen. Sein ernsthaftes Ringen zwischen Emotionalität und gestalterischem Drang war spürbar. Genau ein Jahr später traf ich ihn wieder, auf dem Dresdner Theaterplatz. Dieser war damals seit einigen Monaten fest in der Hand der Pegida-Demonstranten und hatte als Motiv mit Reichskriegsflaggen vor der Semperoper seinen zweifelhaften Siegeszug durch die Bildmedien angetreten. Hier fühlte man sich, nicht nur an den braunen Montagen, wie auf besetztem Territorium. Bald wurde bei den "Spaziergängen" genannten Umzügen durch die Innenstadt, auch die Frauenkirche zur Propagandakulisse für pseudopatriotische Pöbeleien. In der Außenwahrnehmung geriet Dresden unversehens zur Rechtsaußenhauptstadt eines anderweitig offenbar fleckenlosen Deutschlands. Die nächtlichen Aufnahmen aus der Dresdner Innenstadt entfalteten eine geradezu dämonische Dramatik, die weltweit auf Meinungsbildung wirkte.

Diesem übermächtigen Szenario setzte Manaf Halbouni schon damals, Anfang Januar 2015, ein anderes Bild entgegen. Mitten auf dem Theaterplatz parkte er seinen wie zur Flucht beladenen Wagen. Mit einem Pappschild "Sachse auf der Flucht" und angetan mit einer Warnweste, der damaligen Uniform der Pegida-Gegner, posierte er dort für Fotos und forderte Passanten auf, es ihm gleichzutun. Seine Aktion wurde anfangs nur von ein paar Kommilitonen und Freunden unterstützt, Halbouni hatte weder eine Institution noch eine Initiative im Rücken. Dafür hat er Rückgrat. Das imponierte auch Christiane Mennicke, Leiterin des Kunsthauses Dresden, die ihn und das "Fluchtauto" ins Rahmenprogramm der Venedig Biennale 2015 einlud und ihm auch jetzt bei "Monument" wieder zur Seite stand. Mittlerweile parkte die Fahrzeugskulptur im Leipziger Museum der Bildenden Künste und im Londoner Victoria & Albert Museum. Halbouni erhielt weitere Einladungen und wichtige Auszeichnungen, erst kürzlich den Marion-Ermer-Preis. Das war damals nicht absehbar.

Postkartenidylle außer Betrieb

Eine Collage von 2015 diente dem Künstler als Vorbild für die Außenskulptur.

Rückblickend wirkte diese, fast ohnmächtige Geste auf dem winterlichen Theaterplatz wie ein Startschuss für Gleichgesinnte. Es war durchaus möglich, den grölenden "Rettern des Abendlandes" mit einer adäquaten Bildproduktion zu begegnen. So bekleidete etwa Halbounis Künstlerkollege Dada Vadim kurze Zeit später fast alle historischen Monumente der Innenstadt mit neonfarbenen Warnwesten. Durch diese Investitur positionierten sich deutsche Kultur- und Geistesgrößen auch im 21. Jahrhundert als Anhänger von Vernunft und Humanismus. Sogar die Statue Martin Luthers, direkt vor der Frauenkirche bekam für kurze Zeit einen maßgeschneiderten Signalüberwurf. Heute steht der Reformator wieder in der Mitte des Geschehens und wird sicherlich wieder auf dem einen oder anderen Medienbild auftauchen, wenn nächste Woche die Gedenkfeierlichkeiten zum 13. Februar beginnen. Doch die Bühne des Erinnerns an Krieg und Zerstörung wird von einem anderen Motiv beherrscht werden: einem temporären Mahnmal aus drei Reisebussen, das mit großer ästhetischer Radikalität zugleich Überlebenswillen, Resilienz und menschliche Schöpferkraft feiert. Idealerweise gibt "Monument" dem Kirchenbau daneben, der als Ruine einst das wohl wichtigste Friedensdenkmal Deutschlands war, ein wenig von seiner Dringlichkeit und Würde ab.

Monument

Die Skulptur wird im Rahmen des Kulturfestes "Am Fluss" und des Dresdner Gedenkens für die Opfer von Krieg und Gewalt bis zum 3. April 2017 auf dem Neumarkt in Dresden aufgestellt.