Zeichner Robert Longo über Donald Trump

»Es geht um unsere Freiheit«

Der amerikanische Künstler Robert Longo schuf mit seinen "Men in the Cities" Ikonen der Popkultur. Jetzt sind seine Bilder politischer denn je. Im amerikanischen Wahlkampf hofften er und seine Frau, die Schauspielerin Barbara Sukowa, auf einen Sieg Hillary Clintons. Ein Gespräch mit Longo über Donald Trump und die Pflicht des Künstlers, politisch zu sein

Der New Yorker Künstler Robert Longo, Jahrgang 1953, ist der Meister der fotorealistischen Zeichnung. Mit Julian Schnabel, David Salle und Eric Fischl zählte er in den 1980er-Jahren zu den figurativen Jungstars der amerikanischen Kunst. Berühmt wurde er 1980 durch eine Bilderserie sich akrobatisch windender Großstadtmenschen mit dem Titel "Men in the Cities". Die Posen, zu denen Longo die Schlussszene in Rainer Werner Fassbinders Film "Der amerikanische Soldat" inspiriert hatte, wurden oft imitiert, von der iPod-Kampagne bis zum Vorspann der Fernsehserie "Mad Men". "Eines Tages fragte mich die Freundin meines Sohnes, ob mich die iPod-Werbung auf die Idee zu "Men in the Cities" gebracht hätte", sagt Longo jetzt im Gespräch. "Da wurde mir klar: Ich hatte die Macht über meine Bilder verloren."

Im Kunstmuseum Garage, das die Sammlerin Dasha Zhukova und ihr Mann, der russische Milliardär und Fußballclub-Besitzer Roman Abramowitsch, vom Rotterdamer Büro OMA im Moskauer Gorky Park bauen ließen, stellt Robert Longo jetzt erstmals gesammelt seine neuen Werke vor. Sie sind politischer denn je. Schon früher zeichnete er die erste Explosion einer Wasserstoffbombe, die Jets vor dem Einschlag in die Twin Towers, einen einsamen Soldaten beim Rückzug aus dem Irak. Jetzt kommentieren seine Bilder die Rassenunruhen in Ferguson und Baltimore und damit eines der Probleme der Vereinigten Staaten, die der neue Präsident Donald Trump nicht in 140 Twitter-Zeilen wird lösen können.

Longos aktuellste Arbeit heißt "Cops" (2016) und stellt auf 2,54 mal 3,60 Metern eine Phalanx von Polizisten dar, die sich während der Rassenunruhen in Baltimore hinter ihren Schilden verschanzen. Ein ähnliches Motiv hatte er 2014 nach den Unruhen in der Kleinstadt Ferguson/Missouri gezeichnet. Der "Guardian" nannte es ein modernes Historienbild und erklärte es zum "wichtigsten Kunstwerk des Jahres". Mit den Unruhen im Süden der Vereinigten Staaten befasst sich auch ein anderes aktuelles Werk Longos: Ein Spieler des Football-Teams St. Louis Rams reckt im Stadion beide Hände empor. Die "Hands-Up"- Geste ist das Symbol der Black-Lives-Matter-Bewegung. Doch auch Europa nimmt sich Longo vor: In gewohnter fotografischer Präzision und auf 1,9 mal 3,6 Metern Größe zeichnete er in "Untitled, Bullet Hole in Window, January 7, 2015" ein Einschussloch in einem Fenster der Charlie-Hebdo-Redaktion.

»Die Realität zwingt mich dazu, politisch zu sein.«

"Ich bin von Natur aus eher unpolitisch", sagt Longo im Interview. "Aber die Anschläge von Paris sind ein Beispiel dafür, warum mich die Realität dazu zwingt, politisch zu sein. Wenn die Gesellschaft sich ändert, werde ich als Künstler einer der ersten sein, denen gesagt wird, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Attentäter schossen auf die Freiheit der Kunst." Er wolle das Geschenk der Meinungsfreiheit nutzen und Stellung beziehen und nicht, wie mancher Kollege, vor allem die Freiheit des Marktes genießen. Robert Longo trägt ein schwarzes Hemd, das er lässig über der schwarzen Hose trägt, und sein gewelltes Haar verleiht ihm etwas ewig Jugendliches. Er ist besorgt wegen der neuen Ära, die nun in seinem Land anbricht. "Das Wahlergebnis deprimiert mich", sagt er.

Im Wahlkampf hatten er und seine Frau, die Schauspielerin Barbara Sukowa (zuletzt als Hannah Arendt und in dem Stefan-Zweig- Biopic "Vor der Morgenröte" zu sehen) Hillary Clinton unterstützt. "Trumps Sieg erfüllt mich mit Wut, Abscheu und Zukunftsangst", sagt er im Gespräch. Longo nennt Trump einen "Con Man" - einen Hochstapler und Schwinder. Es ist für ihn schwer zu verstehen, "dass ein solcher Blender Präsident werden kann. Ich fand schon George W. Bush peinlich, aber Trump übertrifft alles. Sein Sieg könnte Frau Le Pen in Frankreich ermutigen, und wer weiß, was in Deutschland passieren wird." Longo ist überzeugt: Dass der Kandidat Donald Trump den Amerikanern einredete, Clinton wolle ihnen ihre Waffen abnehmen, trug zu seinem Wahlerfolg bei. Dem "Cult of the Gun" vieler seiner Landsleute widmete er schon Anfang der 1990er-Jahre in New York die Ausstellung "Bodyhammers". Der Besucher blickte in mannsgroß gezeichnete Läufe von Revolvern und war hin und hergerissen zwischen Schönheit, Faszination und Schrecken dieser ultimativen Machtinstrumente.

»Es geht um unsere Freiheit«

Im Gespräch mit Künstler und Zeichner Robert Longo

Longo glaubt zu wissen: "Amerika war schon immer gefährlich." Er verweist auf das Buch "Dangerous Nation" aus der Feder des neokonservativen Politikberaters Robert Kagan. Der schrieb, dass der Glaube an die Macht der Waffengewalt Amerikas Geschichte seit den ersten Siedlern geprägt habe. Damit will Longo aber nicht Russland, das militärisch tatendurstige Land, das er gerade zum ersten Mal besucht, verharmlosen. Hier lernte er noch etwas Anderes. Auf dem Roten Platz wollte er seinem Sohn Lenins Grab zeigen, doch der fragte zurück: John Lennon wurde hier begraben? Der Künstler kann der Antwort, die wie ein Witz über die Unbildung vieler Amerikaner klingt, etwas Gutes abgewinnen: dass die junge Generation den Kalten Krieg vergessen hat und Russland nicht als Feind betrachtet. Ob das die "Generation Putin" genauso sieht, steht auf einem anderen Blatt.

»Die Bilder unserer Zeit zur Rechenschaft ziehen.«

Longos Technik fasziniert immer aufs Neue. Der New Yorker greift Bilder aus der medialen Überflutung heraus und lässt sie als Kohlezeichnung wiederauferstehen. "Auf ein Kunstwerk blicken die Menschen anders als auf ein Zeitungs- oder Fernsehbild, das im Vorbeigehen konsumiert wird", erklärt er. Er nennt sein Vorgehen eine "Verlangsamung" mit dem Ziel, "die Bilder unserer Zeit zur Rechenschaft ziehen". Dabei gefällt es ihm, die Zeichnung, "die niedrigste der hohen Künste, in den höchsten Status" zu erheben. Daher die Großformate und die Vollständigkeit seiner Bilder. Longo treibt der Zeichnung alles Skizzenhafte aus.

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Robert Longo: "Untitled (Pentecost)", Zeichnung, 2016

Eine ganze Wand überspannt sein Tryptichon "Untitled (Pentecost) 2016". Darauf trampelt ein Kampfroboter aus dem Kinofilm "Pacific Rim" über eine Trümmerlandschaft. Longo entnahm sie Aufnahmen syrischer Schlachtfelder. In Guillermo del Toros Actionfilm steuert ein Pilot den Kampfroboter über neuronale Gedankenübertragung. Was will uns Longo damit sagen? Faszinierte ihn schlicht die Zukunftsvision eines Kriegs der Roboter?

Der Künstler weicht aus. Aber die Zukunft sieht er skeptisch. Während in Silicon Valley Visionäre an die Machbarkeit einer goldenen Zukunft glauben, blicke er "nostalgisch in die Zukunft". "Meine Frau wirkt in der TV-Serie ,Twelve Monkeys" mit", sagt er. "Die Pilotfolge sollte in der Zukunft spielen. Wissen Sie, wo man sie drehte? In Detroit. So stellen sich Menschen von heute die Zukunft vor, als kaputte Stadt." Entmutigen lässt er sich aber weder von derlei Untergangsphantasien noch vom Sieg Donald Trumps. Er wolle nun erst recht "gegen Frauenverachtung, Rassismus, Anti-Intellektualismus und Autoritarismus" kämpfen, sagt er. "Wir müssen Lügen beim Namen nennen und für das Land streiten, das wir erstreben." Am Freitag soll Donald Trump als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt werden. Robert Longos Bilder werden ihn über den Tag hinaus an ungelöste Probleme des Landes erinnern. Longos Aussagen zeigen aber auch: Dass der neue Präsident und die Kreativen seines Landes in den nächsten vier Jahren noch Freunde werden, scheint ausgeschlossen.

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