Moderner Blick: Paula Modersohn-Becker

»Wie ein Gewitter«

Ihr blieben nur wenige Jahre, in denen sie zukunftsweisende Bilder malte. Das Bucerius-Kunst-Forum setzt nun einen ganz eigenen Fokus auf das Werk Paula Modersohn-Beckers: Ihren Weg in die Moderne. Auf der Suche nach einer neuen Formsprache, entzog sie ihren wiederkehrenden Motiven alles Heimatliche, wandelte Innigkeit in Entrücktheit und individuelle Züge in eine maskenhafte Form.
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Paula Modersohn-Becker: "Kopf eines kleinen Mädchens mit Strohhut", um 1904

Sie war jung, besaß herausragendes Talent und den Mut, Konventionen zu sprengen. Sie schaffte es, gegen Widerstände Malerin zu werden, und produzierte Bilder, die auf Unverständnis stießen, weil sie ihrer Zeit voraus waren. Ihre Ehe drohte zu zerbrechen, denn mächtig war ihre Sehnsucht nach Freiheit, nach künstlerischer Entwicklung, aber auch nach einem Kind. Schließlich der tragische Höhepunkt: der frühe Tod mit nur 31 Jahren.

Neubegegnung mit einer modernen Malerin

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Portrait der Künstlerin Paula Modersohn-Becker

Aus solchem Stoff werden Romane geschrieben und Filme gemacht. Tatsächlich sind über Paula Modersohn-Becker (1876 bis 1907) zahlreiche Publikationen, mehrere Dokumentationen und zuletzt ein großer Kinofilm erschienen. Vor allem aber gibt es immer wieder Ausstellungen, die sich mit der bis heute bewegenden Kunst dieser starken Frau auseinandersetzen. So verspricht die neueste Schau des Hamburger Bucerius-Kunst-Forums eine "konzentrierte Neubetrachtung" ihres Werks.

Dafür hat Gastkurator Uwe M. Schneede, ehemaliger Direktor der hiesigen Kunsthalle, 80 Arbeiten der Worpsweder Malerin versammelt. "Gezielt gewählte" Gemälde und Zeichnungen, die vor Augen führen sollen, wie Modersohn-Becker in den wenigen Jahren, die ihr zur Verfügung standen, eigene Bildmittel, eine eigene Methodik entwickelte, die sie als Wegbereiterin der Moderne ausweisen.

Anders als ihren Mitstreitern in der norddeutschen Künstlerkolonie nahe Bremen lag ihr nicht daran, die karge Landschaft Worpswedes, die Menschen draußen im Teufelsmoor naturgetreu wiederzugeben. "Ich glaube, man müsste beim Bildermalen gar nicht so an die Natur denken, wenigstens nicht bei der Konzeption", notiert sie 1902 in ihr Tagebuch. Sie dachte lange über jede Komposition nach, und erst wenn Ausschnitt, Form und Farbe festgelegt waren, ging Modersohn-Becker an die Staffelei.
 

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Zwischen Spätimpressionismus und Expressionismus behauptete sich das malerische Werk der deutschen Künstlerin (1876–1907) zu einer Zeit, als der Kunsthandel in Deutschland stagnierte. Rund 80 Werke erzählen Modersohns eigenen Weg zum Erfolg
Bucerius-Kunst-Forum ,  Hamburg

Entfremdete Selbstbildnisse

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Maskenhaft reduzierte Gesichtszüge: Paula Modersohn-Beckers "Selbstbildnis nach halbrechts die Hand am Kinn Sommer" von 1906

Ihren Kinder- und Frauendarstellungen, Stillleben und Landschaften entzog sie schmückende Details, streifte alles Genrehafte ab, befreite sie so von Klischees, um zu einer vereinfachten, allgemeingültigen Formensprache zu finden. Anregungen hierfür fand sie damals nicht in der eher behäbigen deutschen Kunstszene, aber im pulsierenden Paris, wo sie sich mehrmals längere Zeit aufhielt. Hier besuchte sie Museen, Galerien, begegnete den Arbeiten Paul Gauguins, der Malerei Paul Cézannes, die auf sie "wie ein Gewitter" wirkte. Doch griff die Malerin stets nur auf, was ihren eigenen Intentionen und Überzeugungen, ihrem Streben nach Einfachheit und Klarheit entsprach.

Wie rasant und kühn Paula Modersohn-Becker sich entwickelte, lässt sich in der Hamburger Ausstellung an ihren Selbstporträts ablesen: die vertrauten, individuellen Züge wandelte sie immer mehr ins Maskenhafte, verzichtete auf Einzelheiten, erfasste das eigene Antlitz in wenigen großen Farbflächen. Zu ähnlichen Bildfindungen kam auch Picasso – etwas später.

 

"Paula Modersohn-Becker. Der Weg in die Moderne"

  • Hamburg, Bucerius-Kunst-Forum
  • 4. Februar 2017 bis 1. Mai 2017

Der Katalog zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag zum Preis von 29 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

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Rubrik Klassiker
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