Abstrakte Kunst – eine Anleitung

Wie lese ich ein abstraktes Bild?

Oft versagt die Sprache, wenn es um abstrakte Bilder geht. Dann wird's schnell esoterisch und gefühlig. Vielleicht fehlt uns einfach eine zeitgemäße Methode, uns abstrakten Werken anzunähern. Autorin Larissa Kikol hat einen Vorschlag.
Wie lese ich ein abstraktes Bild?

Wassily Kandinsky: "Komposition VII", 1913

Viele Kritiker bekommen heute Magenschmerzen, wenn sie gebeten werden einen Text über abstrakte Bilder zu schreiben. Das Unwohlsein ist berechtigt. Ein gestischer Pinselstrich musste schon für so einiges herhalten: für die Emotionalität des Künstlers, für männliche Vitalität, für Vaginalkraft, für Kritik am großen Ganzen, für die Verarbeitung von Weltkriegen und Ehescheidungen. Und dann kamen noch die malenden Affen hinzu, von denen manche durch das wilde Pinseln auch noch erregt wurden. Wie soll man da noch ruhig vor einem abstrakten Bild stehen?

Larissa Kikol
Larissa Kikol ist freie Kunstwissenschaftlerin und lebt in Berlin. Sie promovierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Spiel in der Kunst der Moderne. 2015 gewann sie den internationalen Talents-Wettbewerb von C/O Berlin im Bereich Kunstkritik.

Ganz groß war die abstrakte Malerei nach dem 2. Weltkrieg. Die USA etablierte sich durch Pop Art und Abstrakten Expressionismus endgültig als eine Nation, die abendländliche Kunstgeschichte schreiben konnte und somit Europa, insbesondere Paris als Ort der Avantgarde ablöste. Gerade die abstrakten Bilder boten so viel Projektionsfläche, dass sie eine ideale Präsentationsfolie der nationalen, künstlerischen oder theoretischen Intentionen darstellten.

Vier große Interpretationsansätze aus dieser Zeit haben sich bis heute gehalten:

1. Das Individuum und sein Lebensort: Bei diesem Erklärungsmuster stand die Originalität der künstlerischen Produktion im Vordergrund, das abenteuerliche Flair des Ateliers, die individuellen Kreativität und der starke künstlerische (Ausdrucks-)Wille, der sich – propagandistisch gedacht – vor allem in einer freien, demokratischen Nation entfalten könne, also eben nicht im damaligen Europa.

2. Große Gefühle: In der Pinselgeste und der Tropfspur glaubten die Vertreter dieses Ansatzes das Unterbewusste zu erkennen. Jede Farbspur hatte Ereignischarakter. Das Genie, was das Universelle für die restlichen Menschen mitfühlt und erleidet, malte nun abstrakt und bannte die Gefühlswelt der Welt auf Leinwand.

3. Die Sprache für alle: Die abstrakte Form galt als internationale, interkulturelle, künstlerische Verständigungsvokabel und repräsentierte Demokratie und Offenheit.

4. Erhabenheit: Was Kant oder Burke in ihren Erhabenheitstheorien noch an "Blitzen" oder "stürmischen Seen" beschrieben, fand durch Künstler und Philosophen nun Verwirklichung in der Betrachtung von abstrakter Malerei. Endlich war man auf Augenhöhe mit der Natur.

Picasso vermisste das Drama
Paris um 1910: Das Thema Abstraktion liegt in der Luft, doch die prominenten Fauvisten und Kubisten überlassen den Schritt unbekannten Kollegen. Drei Weltverbesserer setzen sie durch: Malewitsch, Mondrian und Kandinsky

Die letzten Fans abstrakter Kunst: Banker und Politiker?

Noch ein weiteres, seltener bemühtes Interpretationsmuster entstammt der Nachkriegszeit: Nelson Rockefeller, ein engagierter Förderer und Sammler des abstrakten Expressionismus bezeichnete diese Kunstrichtung als "Malerei des freien Unternehmertums". Bis heute findet man in großen Unternehmen oft Kunst in den Chefetagen, aber selten figürliche. Abstrakte Malerei scheint sich hingegen wunderbar für Konferenzsäle und repräsentative Büros zu eignen. Deshalb hängen, wenn in Reality-Serien billig nachgebaute Büros auftauchen, eben auch billig nachgemalte, abstrakte Gemälde darin.

Aber wie steht es nun um die abstrakte Kunst? Sind Esoteriker, Banker und Politiker heute wirklich die einzigen, die sie noch als große künstlerische Befreiungsformel feiern? Der kurzzeitige Hype um eine junge abstrakt malende Künstlergeneration schien jedenfalls ebenso schnell vorüber, wie er gekommen war. Hatten uns die ganzen David Ostrowskis und Oscar Murillos denn gar nichts mehr zu sagen? Wie lässt sich abstrakte Kunst heute vermitteln? Wie kann man sie lesen?

Wie lese ich ein abstraktes Bild?

Abloungen mit abstrakter Kunst: Ausstellungsansicht von "My Abstract World"

Der Me Collectors Room der Stiftung Olbricht in Berlin versucht es in seiner aktuellen Ausstellung "My Abstract World" mit Musik. Zu jedem Bild wurde ein Lied ausgesucht, das dem Besucher über Kopfhörer beim Rezipieren helfen soll. Einem psychedelisch anmutenden Werk von Thomas Ruff ("Substrat 3 I") wurde – wen überrascht es? – Richard Wagners "Götterdämmerung" zugeteilt. Es heißt, dass der Künstler selbst angab, diese Musik in seinem Atelier zu hören. Außerdem darf der Besucher in der Ausstellung Getränke vor den Bildern zu sich nehmen. Aber funktioniert das auch? Die meisten Besucher werden wohl eine gute Zeit in der Ausstellung verbringen, irgendetwas fühlen werden sie auch, die Kunstwerke selbst verlieren allerdings. Denn zu visuellen Kompositionen besteht bei aller Schönheit eine ganz andere Distanz als zu harmonischen Geräuschen die vom Kopf scheinbar sofort in den Bauch geleitet werden. Dahin wo gefühlt wird.

Alles vergessen, was man über Malerei weiß

Weil die theoretischen Erklärungsmuster überholt erscheinen und der Dialog mit Musik, Video oder Literatur in den meisten Fällen nach hinten losgeht, empfehle ich einen anderen Weg, sich abstrakten Bildern zu nähern. Den kürzesten von allen. Man braucht nur sich selbst:

Zunächst muss man alles vergessen, was man über abstrakte Malerei oder den jeweiligen Künstler weiß. Denn der beste Zugang basiert auf archaischen, frühkindlichen Vorstellungsprozessen. Personifizierungen, wie sie Kinder auf Spielzeuge, Pflanzen oder das Wetter projizieren, lassen auch abstrakte Farbformen ein Eigenleben führen. Je mehr lebendig wird, je tiefer die Bildwelt erscheint, umso mehr kann man gedanklich hineintreten und sich im Bild seinen Lieblingsplatz zum Beobachten suchen. Plötzlich erscheint die Bildwelt so nah, dass man jeden Strich und jeden Kleks wie ein geheimnisvolles Gebüsch oder ein Insektennest erforscht.

Übrigens kann sich auf diese Weise auch der Kunstlaie einem Qualitätsurteil annähern. Denn das flache abstrakte Bild eines schlechten Hobbymalers ermöglicht neben einer Leinwand von Künstlern wie etwa Cy Twombly keine Personifizierung, sondern nur durch eindimensionale Farbgesten ausgelöste Assoziationen. So als ob man in Wolken Gegenstände entdeckt. Doch in der Malerei ist die Assoziation weniger wert als die Personifikation, da sie leichter Herbeizuführen ist. Sie führt nicht tiefer in die Bildwelt hinein, sondern weiter von ihr weg.

Twomblys Bilder werden so geschätzt, weil sie einen temporär sehr langen, kognitiven Gestaltungsprozess der Personifikation von einzelnen Bildteilen und ihrer Symbiose zulassen. Seine trainierte Hand lässt sich auch an den unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Texturen (wässrig, flauschig, zittrig, cremig, schmutzig, kratzig, glatt usw.) ablesen, die multiple Personifikationen nähren – bei ihm fühlt und lebt jeder Fleck anders. Und dafür muss man nichts über Twombly, seine Zeit oder seine Motivation wissen. Erst dann, wenn man sich kein abstraktes Bild mehr anschaut, sondern das Gefühl hat im Jurassic Park zu stehen, erst dann kann man sich langsam den Erklärungen von Autoren, Museen oder den Künstlern selbst annehmen. Aber eigentlich sind die dann auch nur noch zweitrangig.

Composition with red, yellow and blue. 1928
Die Geschichte der Abstraktion, aktuelle Ausstellungen, Bilder und Geschichten rund um die Abstrakte Kunst
art - Das Kunstmagazin
Abstrakte Werke von unter anderen Etel Adnan, John M. Armleder, Peter Halley und Rosemarie Trockel aus der Olbricht Collection
me Collectors Room/Stiftung Olbricht ,  Berlin