"Let's buy it" in Oberhausen

Wie das Geld die Kunst regiert

Kunst und Geld - diese Kombination fasziniert nicht erst heute angesichts eines millionenschweren Kunstmarkts. Die Macht des Geldes bestimmt die Kunst schon seit Jahrhunderten - auch wenn man über diese Verbindung immer wieder die Nase rümpft.

Die Aldi-Tüte, genauer gesagt die Plastiktüte von Aldi-Nord, ist ein Kunstwerk. 1970 schuf der Künstler Günter Fruhtrunk das unverwechselbare Logo mit den blau-weißen Schrägstreifen, das bis heute millionenfach vervielfältigt wurde. Jeder, der es sieht, weiß sofort, wofür es steht: billig einkaufen. Fruhtrunk (1923-1982) war ein hoch angesehener abstrakter Maler, er arbeitete in den Ateliers weltbekannter Künstler wie Fernand Léger oder Hans Arp. Für die Aldi-Tüte aber entschuldigte sich der Kunstprofessor später bei seinen Schülern.

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Denn im Kunstbetrieb galt und gilt es immer noch als anrüchig, wenn Künstler sich in den Dienst des Kapitalismus stellen oder Kunst zur Massenware machen. Dabei war Frühtrunk nicht allein. Victor Vasarely etwa setzte die Raute des französischen Autoherstellers Renault neu in Szene. Der Gelsenkirchener Künstler Anton Stankowski entwarf das Logo der Deutschen Bank, den berühmten blauen Diagonalstrich im blauen Quadrat - und soll damit gut verdient haben.

Kunst und Geld - diese Kombination elektrisiert nicht nur heute angesichts schwindelerregender Millionenpreise auf dem Kunstmarkt. Eine opulente Ausstellung in der Ludwiggalerie in Oberhausen zeigt jetzt, wie Kunst und Kapital seit 500 Jahren miteinander verflochten sind. Mit rund 300 Exponaten von Albrecht Dürer über Andy Warhol bis Gerhard Richter illustriert die Schau "Let's buy it! Kunst und Einkauf" die Macht des Geldes und der Ware in der Kunst.

Schon Dürer produzierte für einen Markt

Schon der Nürnberger Dürer (1471-1528), so erfährt man, war ein findiger Unternehmer, der seine populäre Druckgrafik von preiswert bis teuer für alle Geldbörsen erstellte. Dann wurde er auch noch massenhaft kopiert, denn der Bedarf an Bildern stieg in der frühen Neuzeit immer weiter und konnte von einer Künstlerwerkstatt nicht gedeckt werden.

Kunst und Spekulation ist nicht etwa ein neues Phänomen, sondern schon im 17. Jahrhundert platzte die wohl erste Marktblase der Kunstgeschichte - es ging um Tulpenbilder. Eine "Tulpomania" brach in den Niederlanden um die damals als exotisch geltende Blume aus. Doch nur die Zwiebeln wurden verkauft, und damit der Käufer eine Vorstellung bekam, was daraus erwächst, wurden massenweise Tulpenbilder gemalt. 1637 kam es dann zum Crash, schreibt Christine Vogt, die Kuratorin und Leiterin der Ludwiggalerie in ihrem überaus informativen Katalogtext.

Nicht chronologisch ist die Schau geordnet, sondern nach Themen wie "Kunst und Markt", "Kunst für alle" oder "Kunst und Ware". Kopiert und gefälscht wie zu Dürers Zeiten wird schließlich bis heute. Andy Warhol fertigte seine Marilyn-Siebdrucke in hoher, unlimitierter Auflage und wurde trotzdem noch nachgedruckt.

Brotlose Kunst
Weltberühmt wie Picasso, genial wie Leonardo: Vermutlich träumen viele davon, als Künstler Karriere zu machen. Das Problem: kaum einer kann davon leben

Wenn die Ware zur Kunst erklärt wird

Kunst und Ware kommen sich in der Pop-Art, etwa bei Warhols berühmten Suppendosen, ganz nah. Alltagsgegenstände werden zu Kunst geadelt. Künstler wie Don Eddy oder die in Düsseldorf lebende Künstlerin Gudrun Kemsa malen Schaufenster - Luxusgüter werden in Kunst verewigt. Die Verbindungen sind manchmal wagemutig. Da kann schon mal ein Früchtestillleben von 1630 als Ausdruck des Luxus in Nachbarschaft des Bildes eines B52-Bombers hängen, aus dem Wolf Vostell 1968 echte Lippenstifte fallen ließ.

Kunst und Markt - nirgends wird das Verhältnis heute besser illustriert als bei Gerhard Richter. 1972 kaufte die damals Städtische Galerie Oberhausen für 28 000 D-Mark Richters Bild der mit ihrer Mutter shoppenden Brigitte Bardot (1965). Heute ist Richter der teuerste deutsche Künstler, seine Bilder erzielen zweistellige Millionenpreise. Oberhausen im übrigen ist heute eine ziemlich arme Stadt.

Karl Marx und sein Kapital werden gern von Künstlern zitiert. Christin Lahr überweist seit Jahren jeden Tag einen Cent auf das Konto des Bundesfinanzministeriums. Auf den Überweisungsträger schreibt die Leipziger Medienkunstprofessorin fortlaufend Sätze aus Marx' Hauptwerk "Das Kapital". Doch so eng die Verbindung von Kunst und Geld auch sein mag, darauf verweist Christine Vogt, können doch heute etwa 95 Prozent der Künstler nicht von ihrer Arbeit leben.

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