Interview mit Catherine Meurisse – Teil 2

Nach dem Terror

Catherine Meurisse überlebte den Anschlag auf das Pariser Satiremagazin »Charlie Hebdo«, weil sie sich am morgen des 7. Januar 2015 verspätet hatte. In ihrem Comic »Die Leichtigkeit« erzählt sie das Trauma des Anschlags und von ihren Versuchen, in ein normales Leben zurückzufinden. Welche Rolle die Kunst dabei spielt erfuhr Autor Oliver Ristau im Interview.
Nach dem Terror

"Munchs 'Schrei' steht für den Schrei, den ich am 7. Januar nicht auszustoßen vermochte."

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«
»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«, erklärt Catherine Meurisse im ersten Teil des Interviews – und wie ausgerechnet Caravaggio ihr dabei half zu Kunst und Leben zurück zu finden
Nach dem Terror

Zeichnerin Catherine Meurisse

art: In Ihrem neuen Comic spielen Mauern eine beudetende Rolle. Sie tauchen aus dem Nichts auf und versperren Ihnen den Weg, oder Sie gleiten wie ein Phantom durch sie hindurch. Wofür stehen diese Mauern, insbesondere wenn Sie sich in einer Galerie voll leerer Rahmen befinden und schließlich vor Edvard Munchs "Der Schrei" als einzigen sichtbarem Gemälde enden? Symbolisiert das den Wunsch, in der Kunst verschwinden zu wollen?

Catherine Meurisse:  Verschwinden wollte ich nicht in der Kunst, eher sie durchqueren, um mit anderen Gedanken oder Gefühlen daraus hervorzugehen. Darum folgt die wie ein Traum anmutende Munch-Sequenz auf die vom 7. Januar, die mein Abgleiten in das Unausdrückbare markiert. Die leere Galerie symbolisiert den Mord an der Kunst, der gerade stattgefunden hat. Munchs "Der Schrei" steht für den Schrei, den ich am 7. Januar nicht auszustoßen vermochte. Sein Bild hilft mir, das auszudrücken, wozu ich selbst nicht in der Lage bin, und das ist meiner Meinung nach die eigentliche Funktion von Kunst. Das zieht sich wie ein roter Faden durch meinen Comic: In Rom suchte ich ebenfalls Hilfe bei Werken der Bildhauerei und der Malerei, um einen neuen Weg des Denkens, einen neuen Lebenshauch, eine Wiedergeburt zu erlangen.

Wie gingen Sie konzeptuell bei der Integration von ursprünglich in anderen Publikationen veröffentlichten Sequenzen vor? Ich denke beispielsweise an die Szene beim Psychiater, ursprünglich in der eine Woche nach dem Attentat erschienenen Charlie-Hebdo-Ausgabe veröffentlicht. Wie fühlte es sich an, sich erneut mit diesen älteren Episoden zu befassen?

Ich versuchte alles zusammen zu sammeln, was mir dabei helfen könnte, meine Identität als Frau und Künstlerin wiederherzustellen. Folgerichtig landeten meine Zeichnungen für die "alles eintütende Überlebenden-Ausgabe" im Buch. So auch mein Strip, in dem ich die beim Attentat getötete Elsa Cayat auftreten lasse, die ihre eigenen Mörder analysiert. Es erscheint mir als ein Weg, ihre Intelligenz über ihren Tod hinaus triumphieren zu lassen und sie unsterblich zu machen. Der Strip, der mich selbst auf der Couch beim Seelenklempner zeigt, ist für die November-Ausgabe von "Le Monde" im Jahr 2015 entstanden. Mir erschien das wortgewandt genug, ich hatte nicht mehr zu den Terroranschlägen im November zu sagen. "Die Leichtigkeit" ist ein Comic über einen Neuaufbau, in dem ich einzelne Stücke wieder zusammensetze. Ich trachte nicht daran, noch irgendetwas anderes zu verlieren, nachdem ich bereits so viel verloren habe.

Beim Arrangement der Seiten gehen sie zuweilen sehr eigenwillig vor: Sie verwerfen Panelrahmen und unterlegen Teile der Konversation farbig, was zu recht ungewöhnlichen Ergebnissen führt. Eine Seite eignet sich als herausragendes Beispiel für diese Vorgehensweise: Darauf definiert und separiert ein heruntergefahrenes Rollgitter den Raum, während die farbig unterlegten Textsegmente die Unterhaltung zwischen Ihnen und Ihrem Kollegen Luz begrenzen; am Ende wird auch die für die Konversation stehende Farbe durch das Rollgitter beschränkt. Ist das möglicherweise ein Kommentar auf die dem Medium innewohnenden Begrenzungen?

Die grafische Struktur gleicht der Verfassung, in der ich mich beim Zeichnen befand. Allein und unfähig, aufzustehen, krieche ich hinter das Rollgitter. Das Gitter vor dem Laden gab es wirklich, es wurde während des Attentats heruntergelassen, und ich suchte dort Schutz, es ist bereits vorher im Comic zu sehen. Später nutzte ich es als Metapher; es ist das Hindernis, das es mir unmöglich macht, auf meine Fähigkeiten zu zugreifen und meinen Beruf auszuüben. Die Farbgebung unterlegt und separiert die Unterhaltung per SMS zwischen Luz und mir, Gelb für seine Textnachrichten, Blau für meine. Man könnte es als eine Kolorierung der Sprache bezeichnen, eine Rückkehr der Farbe zu ihr, und damit des Lebens, dessen vom Trauma beschädigte Sprache sich erholt.

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SMS-Wechsel mit Kollege Luz: Seite aus "Die Leichtigkeit"

Auf einer anderen seite sieht man einen Flugsaurier in den Sonnenuntergang fliegen. Sehen Sie sich als eine vom Aussterben bedrohte Art?

Nein, ich identifiziere mich nicht mit dem Saurier. Er fliegt allein am Himmel, ich sitze allein auf meinem Stein, jeder in seiner eigenen Einsamkeit. Diese Szene basiert auf einem Tagtraum, den ich in England hatte, wohin ich kurz nach dem Attentat geflüchtet bin. Ich war völlig im Sonnenuntergang versunken, und das Licht ließ die zerklüftete Landschaft sehr geheimnisvoll erscheinen. Mein Zeitgefühl ging verloren, und für eine Minute fühlte ich mich zeitlich zurückversetzt, in eine Zeit vor der Unmenschlichkeit und dem Hass der Kouachis. Traumata verursachen einen Verlust des Zeitgefühls und können einen in frühere Zeiten versetzen, ein kaum an andere zu vermittelndes Erlebnis. Ich brachte es zu Papier, um nicht den Verstand zu verlieren.

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"Jeder in seiner eigenen Einsamkeit" – Bild aus "Die Leichtigkeit"

Sie fertigten einige Bilder berühmter Künstler neu an und integrierten diese in Ihre Erzählung. Hatten die Werke Einfluss auf Ihre übliche Stilistik und Erzählweise? Trug dieses Vorgehen zu Ihrem durch die Kunst angeregten Heilungsprozess bei?

Ich habe neben meiner Arbeit als Pressezeichnerin immer auch Comics gemacht, Kunst und Literatur waren immer ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Arbeit. So habe ich in "Mes hommes de lettres" eine vom Mittelalter bis in die Gegenwart reichende humoristische Geschichte der Literatur erzählt. "Le Pont des arts" hatte die turbulenten Beziehungen zwischen Malern und Schriftstellern wie Cézanne und Zola, Proust und den Impressionisten, Diderot und Greuze, Picasso und Apollinaire etc. zum Thema. In "Moderne Olympia" verwandelte ich das Musée d'Orsay in ein Hollywood-Studio, in dem ich die Kunstgeschichte als Musical Revue inszenierte und Figuren aus Gemälden zu Schauspielern oder zu Rivalen wie in "West Side Story" machte. Olympia von Manet ist Hauptfigur und Held, gleichzeitig findet hier eine Reflexion über die Rolle der Frau als Modell in der Kunst statt. Ich hole große Künstler ganz gern vom Sockel, nicht nur weil es Spaß macht, sondern auch um ihre Errungenschaften mit einer möglichst großen Anzahl an Menschen und ohne Berührungsängste teilen zu können.

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Ein Hollywood-Studio für Manets Olympia: "Moderne Olympia"

Bis zu "Die Leichtigkeit" waren Maler und Schriftsteller wie Schauspieler für mich, die ich auf einer Bühne versammeln konnte. Diesmal bin ich selbst auf der Bühne dabei. Ich rede mit ihnen, ich gehe Caravaggios Werke durch und spaziere mit Stendahl durch das Forum Romanum; ich bitte also sprichwörtlich um Hilfe. Das Schöne daran ist: Mir wird großzügig und ohne zu zögern geholfen.

Die Kunst erlaubt mir zu meditieren, und ich kann mich der Gewalt in der Realität stellen, wenn ich über die Gewalt in Caravaggios Bildern nachsinne. Ich kann über Tod und Verletzungen nachdenken, wenn ich über Marmorskulpturen meditiere, in denen ich die Körper meiner ermordeten Freunde zu sehen glaube, ich finde Frieden, wenn ich in Erwägung ziehe, dass das Chaos der Schönheit innewohnt. Kunst gibt meinem Leben den Sinn zurück.

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«
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