Jana Sterbak in Innsbruck

»Lady Gaga hat sich nie gemeldet«

Mit einer Robe aus rohem Rindfleisch sorgte Lady Gaga 2010 für Aufsehen – da war das Original-Exemplar der kanadischen Künstlerin Jana Sterbak bereits ein vertrockneter Fetzen. In Innsbruck zeigt eine große Sterbak-Einzelausstellung aber nun, dass man die Kanadierin mit Prager Wurzeln keinesfalls auf ihr makaberes Kleidungsstück reduzieren sollte.
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Jana Sterbak: "Vanitas. Flesh Dress for an Albino Anorectic", 1987

Eine andere Künstlerin wurde mit ihrem Kleid berühmt: 2010 trat Lady Gaga in einer Robe aus rohem Rindfleisch bei den MTV Video Music Awards auf. Es dauerte nicht lange, da wurde bekannt, bei wessen künstlerischem Werk sich der amerikanische Popstar beziehungsweise sein Stylist da bedient hatte: Die Idee war abgekupfert von einer Arbeit Jana Sterbaks, einer 1955 geborenen kanadischen Künstlerin mit Prager Wurzeln. Die hatte schon 1987 ein nahezu identisches Fleisch-Kleid entworfen, angezogen und dann ausgestellt. "Vanitas: Flesh Dress For An Albino Anorectic" wurde im Lauf der Zeit zu einem strohigen Fetzen.

Für die aktuelle große Ster­bak-Einzelausstellung mit rund 50 Werken aus drei Jahrzehnten wird es nun wieder neu angefertigt und präsentiert – aber erst in der zweiten Station im Duisburger Lehmbruck-Museum (11. März bis 11. Juni). In der Galerie im Taxis­palais in Innsbruck, wo die Gemeinschaftsproduktion der beiden Häuser zuerst gezeigt wird, ist das berühmte Kleid bewusst nur als Fotografie vertreten. Es sollte nicht alles dominieren, so Kurator Jürgen Tabor. Mit blutigem Aktionismus hat Sterbak nämlich sonst nicht viel am Hut. Sie gehört nicht zur Generation einer Carolee Schneemann, die mit ihrer orgiastischen Fleisch-Wurfaktion Meat Joy provozierte, und auch nicht einer Marina Abramović, die tagelang Berge blutiger Rinderknochen putzte. Sterbak ist das Markenzeichen des Fleischkleids sozusagen erst durch Fremdeinwirkung verliehen worden.

Nicht nur feministisch

Prinzipiell ist ihre Arbeit weniger leicht einzuordnen: Sie ist zwar feministisch, performativ, konzeptuell, aber vor allem will sie materialbewusste Bilder für allgemeine existenzielle Situationen finden, etwa mit einer Installation aus Sesseln aus langsam schmelzendem Eis oder mit dem praktikablen Sisyphus-Rucksack, ein Felsbrocken mit elegant montierten Schulterriemen. Und als Sinnbild des explosiven Künstlers ließ sich Sterbak bei einer Aktion sogar Schießpulver auf dem Kopf entzünden. Das älteste Exponat der Innsbrucker Schau erinnert an die Anfänge der feministischen Kunst: Mit zu schlanken, spitzen Tüten gedrehten Maßbändern verlängerte Sterbak 1979 ihre Finger zu wahren Krallen der Selbstvermessung. Und nein, lässt die Künstlerin ausrichten, Lady Gaga habe sich nie bei ihr gemeldet, um die Peinlichkeit des geklauten Kleides aufzuklären.

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In ihren skulpturalen, performativen, fotografischen und filmischen Werken stellt die tschechisch-kanadische Künstlerin (*1955) Bezüge zu Konflikten des Menschen in der zeitgenössischen Gesellschaft her und lotet den Übergang von Intimität zur Öffentlichkeit aus
Galerie im Taxispalais ,  Innsbruck
Themenseite Zeitgenössische Kunst
Von den Galerien und Projekträumen Berlins bis in die großen Museen der Welt: Berichte zu allen Sparten der Gegenwartskunst, ob Malerei, Fotografie, Performance, Fotografie oder Installationskunst