Mark Dion in St. Gallen

Natur hinter Glas

Der US-Amerikanische Künstler Mark Dion ist leidenschaftlicher Sammler, der archiviert, ordnet und vergleicht. Aber anders als ein Naturkundemuseum betreibt er damit keine naturwissenschaftliche Forschung, sondern untersucht durchaus humorvoll auf welchen gesellschaftlichen und politischen Verknüpfungen diese beruht
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Mark Dion: "Park: Mobile Wilderness Unit", 2001, Installationsansicht St.Gallen

Einen passenderen Künstler hätte man kaum finden können für die erste Ausstellung in den neuen Räumen: Das Kunstmuseum St. Gallen teilte sich bisher das neoklassizistische Gebäude im Stadtpark mit dem Naturkundemuseum. Das hat nun ein neues Haus bezogen und machte damit das Untergeschoss des historischen Baus frei für die Kunst. Der Erste, der nun die neu hinzugewonnenen Räume bespielen darf, ist Mark Dion.

Der 1961 geborene US-Amerikaner hat sich mit unseren Vorstellungen von Natur auseinandergesetzt wie wohl niemand sonst in der zeitgenössischen Kunst. Unvergessen ist sein Beitrag zur documenta 13. Dort zeigte er im Kasseler ottoneum die Bibliothek mit 530 Holzbüchern, die Carl Schildbach im späten 18. Jahrhundert aus einheimischen Sträuchern und Bäumen angefertigt hat. Und stach damit alle anderen gut gemeinten Darbietungen zu unserem Umgang mit der Natur aus, weil er mit der Form des Bibliotheksschranks auf ein Modell zurückgriff, mit dem wir im westlichen Kulturkreis unser Wissen seit Langem organisieren. Seine "Xylothek" machte unmittelbar deutlich, wie sehr unsere Wissensformen in den Gegenstand eingreifen, den wir begreifen wollen.

Dion ist leidenschaftlicher Sammler

Die Reflexion über Formen der Naturgeschichte prägt auch die Ausstellung, die Dion in St. Gallen in der (bisher) naturkundlichen Sammlung einrichtet. Die Objekte aus der Natur, die ausgestopften Vögel, Luchse und Krokodile, die Steine und Versteinerungen sind ausgezogen, jetzt kann die Befragung von Naturkunde und Naturmuseum einsetzen. Dion ist selbst leidenschaftlicher Sammler, der archiviert, ordnet und vergleicht. Aber anders als ein Naturkundemuseum betreibt er damit keine naturwissenschaftliche Forschung, sondern  untersucht, durchaus humorvoll, auf welchen wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verknüpfungen diese beruht und wie wir unser Verhältnis zu unserer Umwelt gestalten. Dabei knüpft er gerne im späten 17. Jahrhundert an, als die Wunderkammer von den allgemeineren Kategorien der heutigen Naturwissenschaften abgelöst wurde.

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Besucher treffen in St. Gallen auf Laboratorien, museale Lager und installierte Jagdgebiete, in denen unser Umgang mit Natur anschaulich wird. So zeigt das Tar Museum, das Dion seit gut zehn Jahren in verschiedenen Ausstellungen entwickelt, ausgestopfte Vögel und nachgebaute Großwildskelette, die mit Teer überdeckt sind. Dieser ist eigentlich eine organische Substanz, tötet aber jeden Keim ab. Und in einer Mobile Wilderness Unit werden, auf Anhängern ausgestopft, Bison und Wolf präsentiert, die einst riesige Räume besiedel­ten, vom Menschen fast ausgerottet wurden, bevor sie wie Jahrmarktattraktionen als Schaustücke einer komfortablen Wildnis wieder in Erscheinung treten. Natur ertragen wir am liebsten, wenn wir sie in Einzelstücke zerlegen können.

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Überblick über das Werk des US-Amerikaners (*1961), der in seinen Installationen, die häufig wie naturkundliche Labore anmuten, das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt thematisiert
Kunstmuseum ,  St. Gallen