Interview mit Catherine Meurisse – Teil 1

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Zu ihrer Hinrichtung erschien Catherine Meurisse verspätet. Komplizierte Beziehungsverwicklungen sorgten dafür, dass die für das satirische Wochenblatt »Charlie Hebdo« tätige Zeichnerin eine Redaktionskonferenz in Paris verschlief. Es war jene Konferenz, die am 7. Januar 2015 mit elf Toten endete. Meurisse überlebte – ihre Verspätung hatte ihr das Leben gerettet. In ihrem neuen Comic »Die Leichtigkeit« arbeitet sie das Trauma des Anschlags auf und erzählt von ihren Bemühungen, in ein normales Leben zurückzufinden. Dabei spielte die Kunst eine entscheidende Rolle. Für art führte Oliver Ristau eine ausführliches E-Mail-Interview mit der Zeichnerin. Der zweite Teil erscheint am 4. Januar.
»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Redaktionskonferenz mit den Toten: aus "Die Leichtigkeit" von Catherine Meurisse

art: Fühlen Sie sich manchmal wie Niobe? Zu Beginn Ihres Comics sind sieben am 7. Januar ermordete Künstler zu sehen, zusammen mit Ihnen in einer gleichzeitig beschützenden, aber auch verloren wirkenden Haltung. Die Sage von Niobe und Ihren sieben durch die Pfeile von Apollo und Artemis ermordeten Kindern findet an einer späteren Stelle des Comics ausführlichere Erwähnung (siehe Bildergalerie).

Catherine Meurisse: Die sieben Künstler, deren Porträts wir sehen, sind nicht alle am 07. Januar 2015 gestorben. Cabu, Charb, Tignous, Honoré und Wolinski wurden zwar am diesem Tag getötet, aber Jean-Marc Reiser starb bereits 1983 und Gébé im Jahr 2004.

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Zeichnerin Catherine Meurisse

Alle sind und waren wichtige Künstler, die für "Charlie Hebdo" tätig waren. Nach dem Attentat beschwor ich sie wie freundliche Geister, um mich mit ihrer Unterstützung wieder ans Zeichenbrett setzen zu können. Nein, ich fühle mich nicht wie Niobe, da ich nicht ihre Mutter bin... es ist eher umgekehrt, jeder dieser Menschen war wie eine Art Vater für mich. Meine Position am Zeichentisch, umgeben von meinen geistigen Vätern, steht daher mehr für eine konzentrierte als für eine verwirrte Situation. Ich stelle mich selbst als Kraft zurückgewinnend dar, dank ihrer spirituellen Anwesenheit um mich herum. Leider entspringt der 7. Januar keiner Mythologie, er ist tragischerweise ein tatsächliches Ereignis.

Was mir während meiner Lektüre auffiel, war die Darstellung der sich überlapppenden Lebenswege des Attentäterbrüderpaars Kouachi mit Ihrem Werdegang, auch in formaler Hinsicht: Zu Beginn sind diese gegenübergestellten Panels noch voneinander getrennt, am Ende der Seite angekommen, münden beide Erzählstränge innerhalb eines Panels, welches Sie und die späteren Attentäter zeigt, wie sie mit dem gleichen Schlachtruf in die Welt hinausziehen: "Auf geht’s, dämlich und bösartig!". Formal ist diese Form der Darstellung in keinem anderen Medium außer dem Comic so bruchlos möglich, inhaltlich stellt es den Beginn der terroristischen Laufbahn der späteren Mörder Ihrer Kollegen auf eine Ebene mit Ihren Anfängen als Künstlerin. Ist das nicht sehr zynisch?

Comics sind in dieser Beziehung einmalig; sie ermöglichen alles, jegliche Form der Abbildung und Erzählung. Für mich ist die gemeinsame Darstellung der Kouachi-Brüder zusammen mit mir allerdings eher ironischer als zynischer Natur, und der einzige Moment, in dem ich ihnen einen Platz in "Die Leichtigkeit" einräume. Die beiden waren in meinem Alter, warum wählten sie im Gegensatz zu mir den Weg in die Gewalt? Diese Frage beschäftigte mich, aber ich wollte keinesfalls zwei Männer porträtieren, die ich verachte. Für mich gehören beide in die Kategorie "dämlich und bösartig". Der ironische Einsatz dieser Redewendung verweist zudem auf den Slogan der Zeitschrift "Hara Kiri", die ein Vorläufer von Charlie Hebdo war: Deren Slogan stand für einen befreiten, entfesselten und unangepassten Humor.

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Attentäter und Zeichnerin: "Auf geht’s, dämlich und bösartig!"

Das Thema erfährt eine weitere Vertiefung, wenn Sie von Ihren Erlebnissen während Ihres Aufenthaltes in der Villa Medici berichten, wo Sie, wie sie es schildern, eine Art Stendhal-Syndrom provozieren wollten. Dort begegnen Sie zwei mit dem Extremismus kokettierenden Graffiti-Künstlern, die im ehemaligen Studio des klassizistischen Malers Jean-Auguste-Dominique Ingres untergebracht sind. So wird das unkonventionell auftretende Duo für einige seiner Arbeiten in sozialen Netzwerken unter anderem als "Daesch" beschimpft. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, die beiden Provokateure Ingres gegenüberzustellen, der zwar als Traditionsbewahrer innerhalb des Kanons der französischen Kunst gilt, zugleich aber Teile der Moderne unter anderem durch den Einsatz falscher Perspektiven vorwegnahm. Auch Ihre Fasziniertheit vom Schaffen des wegen Totschlags aus Rom verbannten Malers Caravaggio wirft für mich die Frage auf, ob Sie nicht vielleicht auch einer Art Stockholm-Syndrom erlegen waren, also einer verdrehten Sympathie mit den Tätern.

Das Zusammentreffen mit den beiden Graffiti-Künstlern Lek und Sowat erwies sich als sehr wichtig. Zum einen, weil sie mir sofort großzügig und vertrauensvoll die Schlüssel zu ihrem Atelier aushändigten, was mich daran erinnerte, dass Künstler untereinander Offenheit praktizieren und einander Begegnungen ermöglichen sollten. Zudem waren sie wie Freunde für mich, was nach einer derartigen Traumatisierung sehr wichtig ist. Andererseits war ich an ihrer Stellung interessiert: Sie waren die Ersten in der Villa Medici aufgenommenen Straßenkünstler und ein glatter Stilbruch inmitten dieser institutionellen Hierarchie. Während meines Aufenthalts in Rom wurde ich Zeuge eines wachsenden Wagemutes in ihren Arbeiten, welcher aus einem ständigen Infragestellen der eigenen Position resultierte. Die Tatsache ihrer Unterbringung im Atelier von Ingres war ein ironisches Augenzwinkern gegenüber der Kunstgeschichte und den ewig währenden Kämpfen zwischen einer im Dogmatismus erstarrten Überbetonung des Formalen und dem Modernismus. Wie Sie bereits anmerkten: Ingres, ein in hohen Maßen klassizistischer Maler, der sich anatomische Fehler gestattete, und Caravaggio, Schöpfer des "unbeschwerten Mordes". Kunst ist voller Widersprüche, deswegen ist sie so lebenswichtig für uns alle

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Kunstextremisten: die Graffiti-Künstler Lek und Sowat

Der lebende Daumier
Das Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo erschüttert die Welt. Robert Fleck erinnert sich an die legendären Zeichner Cabu und Wolinski, die er aus seiner Zeit als Pariser art-Korrespondent kannte

Während meiner Spaziergänge in Rom besuchte ich Caravaggio, so wie man einen Freund besucht. Es faszinierte mich, wie in seinen Werken Lebens- und Todestrieb zusammengeführt werden. Ich empfinde ihn als Vertreter des Lebenstriebs, seine Bilder stehen für das unergründliche Mysterium der Schönheit. Wir Menschen brauchen dieses Mysterium, um leben zu können. Ich wollte in "Die Leichtigkeit" keinerlei Stellungnahme zur Kunst abgeben. Aus gutem Grund; meine Erinnerung war kaputt, und alles, was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht. Ich nahm Kunst wieder wahr wie beim allerersten Mal, ich war sozusagen eine Jungfrau. Dies gestattete mir, Gefühle zur Kunst zu entwickeln, und wieder von Schönheit bewegt zu sein. Kunst verändert den Blick, berührt Verhältnis und Reflektion dazu. Angesichts der Schönheit stellen wir das Denken ein, fangen dann wieder damit an, aber in veränderter Form. Diese Veränderung führte schließlich zur inneren Versöhnung. Danach suchte ich nach dem Attentat, und das fand ich auch. Ich erzählte in meinem Comic von dem Stendahl-Syndrom, überzeugt davon, dass eine ästhetische Überwältigung den Schock vom 7. Januar wieder aufheben könnte, dass das Ohnmächtigwerden vor einer italienischen Preziose mir das Weiterleben erlauben würde... Glücklicherweise geschah jedoch das Gegenteil: Ich verlor, im sprichwörtlichen Sinn, das Bewusstsein am Tag des Attentats und erwachte dann in Rom im Angesicht der Schönheit wieder. Das Stockholm-Syndrom habe ich zu keiner Zeit verspürt. In meinem Comic sind die Mörder vom 7. Januar mich Verfolgende, und Empathie ihnen gegenüber wäre ein Ding jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Sie verdienen nur Verachtung, oder besser, Gleichgültigkeit. So durchlitt ich also nur das Meurisse-Syndrom!

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Begegnung mit "David mit dem Haupt des Goliath" von Caravaggio

Die Farbgebung in "Die Leichtigkeit" funktioniert wie ein Element der Erzählung. Zum Beispiel benutzen Sie schimmerndes Gold als Unterfütterung Ihrer selbstironischen Pose angesichts der Villa-Medici-Bewerbung, kurz nachdem Sie aus einem grün-schwarz-violett brodelnden Sumpf herausgekrochen sind. Noch eindrucksvoller erscheinen die ersten Seiten, auf denen Sie ein melancholisches gefärbtes Stimmungsbild zu einem grell-lauten Farbausbruch transformieren. Was steckt hinter dieser Konzeption, was waren die Auswahlkriterien?

Es gab eigentlich keine Auswahlkriterien, denn der ganze Comic entstand eher instinktiv. Wie ich bereits erwähnte, der Schock nach dem Attentat ging mit einem Verlust meiner intellektuellen Fähigkeiten einher, was ein paar Monate anhielt.

»Was ich über Kunst wusste, war ausgelöscht«

Aufbruch der Farben: Bild aus "Die Leichtigkeit"

Ich konnte nicht mehr denken, keine Sätze bilden, so als ob Regionen meines Gehirns komplett ausgestöpselt wären. Meine Erinnerungen und meine Kultur waren weg, aber Zeichnen und Comics erfordern diesen Schatz. Ich war wie gelähmt von der Vorstellung, nie wieder zeichnen zu können. Also fing ich an große Skizzenbücher zu führen, nur um nicht verrückt zu werden und zu versuchen, Teile meines verschütteten Wesens zurückzubekommen, vor allem meine Gefühle. Nichts sollte verloren gehen. Die Farben kamen zwangsläufig: In der Eröffnungssequenz, am Meer, erschienen mir Pastellfarben als einzige Möglichkeit der Darstellung. Und die Szene am Teich konnte nichts anderes als Wasserfarben beinhalten. Das alles geschah zufällig und instinktiv. Die "grafische Störung" war Teil meiner inneren Störung. "Die Leichtigkeit" ist eine große Ansammlung der Lebenden und Toten, von Schwarz und Weiß, dem Schreiben und Zeichnen, der Trauer und dem Humor.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie der berühmte "Schrei" von Edvard Munch der Zeichnerin half, mit dem Attentat umzugehen und wie Catherine Meurisse es schaffte, ihre Identität als Frau und als Künstlerin wiederherzustellen. Er erscheint am 4. Januar 2017 auf art-magazin.de.

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Comicexperte Ole Frahm verteidigt im art-Interview das Recht des Humors gegen den heiligen Ernst des Islamismus